hg
Bild vergrößern
Fahrtrainer Claus Kunath erklärt im Rahmen eines Fahrtrainings die richtige Technik für eine Vollbremsung. (Foto: epd-bild/Karen Miether)
Buchtipp

Susanne Kuttler, Petra Schulze
König Pritzprotz und die Socke
Illustriert von Sandra Rodenkirchen

zur Detailseite

Anzeige

Vollbremsung und Schulterblick

Aus der Printausgabe - UK 34 / 2022

Karen Miether | 24. August 2022

Vorbeugung und Selbstsicherheit: Ein freiwilliges Fahrtraining hält Ältere fit im Auto

Bild vergrößern
Fahrtrainer Claus Kunath erklärt im Rahmen eines Fahrtrainings die richtige Technik für eine Vollbremsung. (Foto: epd-bild/Karen Miether)

Anzeige

Sonntagmorgen auf dem Land. Es gibt keinen öffentlichen Nahverkehr. Um zur Kirche in den Nachbarort zu kommen, bleibt nur das eigene Auto. Das stellt gerade Seniorinnen und Senioren vor Probleme. Einige Gemeinden versuchen, das aufzufangen und setzen einen Kirchbus ein, der Gottesdienstbesucher in den Dörfern einsammelt. Doch nicht nur der Kirchbesuch, auch das Einkaufen, der Arzttermin oder der einfache Stadtbummel mit Freunden setzt älteren Menschen Grenzen.

Dabei ist es ein Vorurteil, dass Seniorinnen und Senioren häufiger an Unfällen beteiligt sind Dennoch können schwindende Sehkraft oder Medikamente das Fahrvermögen beeinflussen. Bei Fahrtrainings können Seniorinnen und Senioren sich ausprobieren – freiwillig.

Claus Kunath hat auf dem Übungs-Platz in Isernhagen bei Hannover mit orangefarbenen Hütchen eine Strecke aufgebaut. Der Polizist im Ruhestand leitet für die Deutsche Verkehrswacht das Training „Fit im Auto“ für Senioren an. Die Aufgabe lautet: Vollbremsung. Erika Volger weiß, das ist eine größere Herausforderung als gedacht. „Wir werden uns wundern“, sagt die 83-Jährige voraus, während die erste Fahrerin in Startposition fährt. Volger war vor drei Jahren schon einmal beim Training dabei und hat sich gemerkt: „Vollbremsung heißt, das Bodenblech durchtreten.“

Bremsverhalten und Sitzverhalten

Nacheinander beschleunigen die Frauen und Männer ihre Wagen auf 30 Kilometer pro Stunde, um dann abzubremsen. Bei der zweiten Hütchenreihe sollen sie abrupt zum Stehen kommen. Doch Erika Volger ist die einzige, der das auf Anhieb gelingt. Sie beherzigt seit ihrem ersten Kurs bei Kunath, was dieser auch jetzt immer wieder betont: „Das Bremsverhalten hängt im großen Stil vom Sitzverhalten ab.“ Die 83-Jährige hat von vornherein ihren Sitz so weit nach vorne gestellt, dass auch bei der Vollbremsung das Knie leicht gebeugt bleibt. Der Übungsleiter ist stolz über den Lernerfolg: „Ich könnte vor Freude hochspringen!“

Statistisch sind Senioren gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil zwar seltener an Unfällen mit Personenschaden beteiligt als jüngere Bevölkerungsgruppen. Insgesamt waren es im Jahr 2020 laut Statistischem Bundesamt 68 853 ältere Menschen und damit 14,6 Prozent aller Unfallbeteiligten. Doch der Pressesprecher der Deutschen Verkehrswacht mit Bundessitz in Berlin, Heiner Sothmann, schränkt ein: Wenn ältere Menschen in einen Unfall verwickelt seien, hätte sie diesen in zwei von drei Fällen auch verursacht. „Das sind Zahlen, die wir nicht ignorieren dürfen“, sagt er. „Deshalb arbeiten wir viel mit Älteren, zur kritischen Selbstreflexion.“

Auch Kunath betont: „Wir wollen sichere und mobile Leute haben, und das gelingt uns auch.“ Er fügt scherzhaft hinzu: „Wir schulen das Bedienelement vorne links.“ Seit vielen Jahren bietet er die Kurse an, die jetzt nach einer Corona-Pause wieder starten. Allein in Niedersachsen hätten mehr als 10 000 Menschen die Trainings durchlaufen. Vor allem auf dem Land seien noch viele auf das Auto angewiesen, sagt er. Die Region Hannover fördere deshalb die Angebote finanziell.

Im Theorieteil des Trainings erläutert Polizei-Hauptkommissar Karsten Schröder, welche Einschränkungen es mit dem Alter geben kann: schwindendes Sehvermögen, Schwerhörigkeit und abnehmende Beweglichkeit, die den Schulterblick erschwert. „Wer nimmt täglich mindestens zwei Tabletten?“, fragt er in die Runde. Einige Hände gehen hoch. Auch Nebenwirkungen von Tabletten könnten ein Risiko sein, sagt Schröder. Er lobt die Courage der Frauen und Männer, die sich im Verlauf des Tages auch von einer Fahrlehrerin und einem Fahrlehrer über die Schulter schauen lassen – freiwillig.

Regelmäßige Check-ups nicht vorgeschrieben

Anders als in einigen anderen Ländern sind regelmäßige Check-ups für Verkehrsteilnehmer in Deutschland nicht vorgeschrieben. Doch auch Kuna Stobbe, die mit 88 Jahren ebenfalls zum zweiten Mal das Training absolviert, macht Mut. „Ich rate nur jedem, der älter ist, sich selber zu überprüfen. Es passiert ja nichts.“ An diesem Tag überzeugen alle Teilnehmenden bei den Runden durch die Dörfer die Fahrlehrerin Katrin Simokat-Weber und ihren Kollegen. „Es hat aber auch schon Menschen mit Erkrankungen gegeben, denen ich im Vieraugen-Gespräch gesagt habe, sie sollten überdenken, ob sie noch fahren“, sagt Simokat-Weber.

Dass es auch in Familien ein schwieriges Thema sein kann, wenn Kinder sich Sorgen um die Fahrtauglichkeit der Eltern machen, weiß die Altenseelsorgerin Anita Christians-Albrecht. „Da schwingt Trauer mit“, sagt sie. „Bei den Kindern, weil der Mensch, den sie als Mutter oder Vater kannten, stark war und davon etwas verloren geht“, erläutert die evangelische Pastorin. „Ein Stück weit verabschieden sich Menschen von den Eltern. Und die Eltern verabschieden sich ein Stück weit von ihrer Autonomie.“ Falls so ein Gespräch nötig sei, müsse es auf Augenhöhe geführt werden.

Erika Volger ist vor nicht langer Zeit am Steuer eingesprungen, als ihre Tochter auf der Rückreise aus dem Urlaub in Österreich krank geworden war. „Meine Tochter war zufrieden“, resümiert sie. Im Fahrschulwagen fühlt sich die 83-Jährige auf Anhieb wohl. „Ich habe auch einen Opel, der liegt gut in der Hand.“

Trotz Buskarte nicht aufs Auto verzichten

Dann zählt sie auf, welche Typen sie schon gefahren ist: „einen Simca, einen R6 von Renault mit Krückstockschaltung...“ . Den Führerschein hat sie seit 1967. Sie kann sich vorstellen, noch ein weiteres Mal ein Fahrtraining zu absolvieren. „Ich möchte fit bleiben.“ Die Altwarmbüchenerin hat zwar eine Monatskarte für Bus und Bahn, ganz will sie aber nicht auf das Auto verzichten. „Sonst ist die Beweglichkeit weg. Ich habe sehr viele Kontakte.“

Ein kleiner Abschied

Drei Fragen an die Altenseelsorgerin Anita Christians-Albrecht

Ein heikles Thema – der betagte Vater hat beim Ausparken den Baum touchiert, die Mutter wird am Steuer immer unsicherer. So kommt es wenigstens den Kindern vor. Wie sprechen sie es an, wenn es ihnen besser erscheint, dass Eltern den Führerschein abgeben? In der Frage liegen viele Emotionen, sagt die Altenseelsorgerin in der hannoverschen Landeskirche, Anita Christians-Albrecht, im Gespräch mit Karen Miether. Denn es schwinge ein Abschied mit und der fällt nicht leicht.

Frau Christians-Albrecht, warum ist oft so schwer, mit Eltern oder anderen nahestehenden Menschen darüber zu sprechen, dass es an der Zeit sein könnte, den Führerschein abzugeben?
Anita Christians-Albrecht: Das ist nur eines vom mehreren Themen, die ältere Menschen und die Angehörigen aufwühlen können. Es ist im Grunde eine Abschiedssituation. Da schwingt Trauer mit. Bei den Kindern, weil der Mensch, den sie als Mutter oder Vater kennen, stark und souverän war und davon etwas verloren geht. Sie müssen sich ein Stück weit verabschieden von ihren Eltern. Und die Eltern müssen Abschied nehmen von ihrer Autonomie. Von dem, was ihnen Anerkennung und Freiheit geschenkt hat bisher.

Das klingt nach Konfliktpotenzial. Wie gehe ich damit um?
Wichtig ist es, die Perspektive zu wechseln, um das Gefühlswirrwarr des jeweils anderen zu verstehen. Es hat mit Würdigung und Anerkennung zu tun. Es ist schwer, wenn sich Rollen ändern und aus den früher sorgenden Eltern Umsorgte werden.
Wichtig ist, dass man sich klarmacht: Auch im Alter bleibt das Bedürfnis, dazuzugehören und dabei zu sein. Das ist eines der Grundbedürfnisse der Menschen. Bei den Kindern schwingen auch Schuldgefühle mit. Ich kann ja nicht immer für die Eltern da sein.

Sie haben für das Zentrum für Seelsorge in der hannoverschen Landeskirche bereits Seminare zu solchen Fragen organisiert. Was raten Sie?
Der Führerschein war da nur ein Randaspekt. Es ging generell um schwierige, aber nötige Gespräche mit alten Eltern. Das ist deshalb oft hochemotional, weil es auch um die Vergänglichkeit des Menschen geht, um kleine und große Verluste. Die Mutter, die immer so ordentlich war, läuft etwa mit fleckiger Bluse durchs Haus. Das ist emotional nicht leicht zu akzeptieren. Dennoch ist es wichtig, in den Gesprächen nicht vom Mitleid bestimmt zu werden. Es sollten Gespräche auf Augenhöhe sein, ohne Bevormundung.
Wichtig ist es auch, die Dinge frühzeitig zu besprechen. Ich versuche zu vermitteln, dass es oft auch Alternativen etwa zum Autofahren gibt. Wobei das in der Frage des Führerscheins in der Stadt sicher leichter ist als auf einem Dorf in Ostfriesland. Es hilft zudem, Dinge positiv zu formulieren. Etwa von dem Nachbarn zu erzählen, der seinen Führerschein abgegeben hat, und zu sagen: „Das finde ich schön, dass sich jemand so autonom dafür entschieden hat.“ Patentrezepte gibt es allerdings nicht.

0

Leser-Kommentare öffnen

Bitte melden Sie sich erst an, um einen Kommentar zu verfassen
zum Login
Buchtipp
Buchtipp

Susanne Kuttler, Petra Schulze
König Pritzprotz und die Socke
Illustriert von Sandra Rodenkirchen

zur Detailseite
Buchtipp

Susanne Kuttler, Petra Schulze
König Pritzprotz und die Socke
Illustriert von Sandra Rodenkirchen

zur Detailseite
Per E-Mail empfehlen