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Im Liebesrausch

Carina Dobra | 25. August 2022

Manipulation, Kontrolle, Drohung: Toxische Beziehungen machen krank

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Himmelhochjauchzend oder völlig am Boden - in einer toxischen Beziehung wechseln sich extreme Zustände ab. Fast immer braucht es mehrere Versuche, dem Sog zu entkommen. Psychologe Christian Hemschemeier meint: Online-Dating befeuert das Phänomen.

Frankfurt a.M./Berlin. (epd). Es war ein bisschen wie auf Drogen, erzählt Katharina. Vor sechs Jahren lernte die 27-Jährige aus Berlin ihre damalige Freundin über die Dating-App «Tinder» kennen. Sofort hat es gefunkt. Schon nach drei Tagen redet Ramona (Name geändert) vom Heiraten. Katharina schwebt auf Wolke sieben.

   Doch schon wenig später ging das Drama los, wie Katharina sagt. Tagelang werden ihre Anrufe und Nachrichten ignoriert. Die beiden Frauen führen eine Fernbeziehung. «Bei uns gab es keinen gesunden Streit oder sachliche Diskussionen.» Stattdessen: Türenknallen, Gegenstände werden an die Wand geschmettert. Katharina ist mitten
drin in einer sogenannten toxischen Beziehung, sie ist verliebt, wird auf Händen getragen und im nächsten Moment nicht respektiert, beleidigt und emotional missbraucht.

   Eine genaue, wissenschaftliche Definition für das Phänomen gibt es nicht. «Toxisch» bedeutet «giftig», «schädlich». Im AOK-Gesundheitsmagazin heißt es: «Eine Person unterdrückt die andere systematisch, um Macht und Kontrolle über ihn oder sie aufrechtzuerhalten.» Das kann in einer Liebesbeziehung ebenso wie in einer Freundschaft passieren.

   Der Hamburger Psychologe und Paartherapeut Christian Hemschemeier spricht von «liebessüchtigen Beziehungen»: «Man entwickelt eine Sucht, fühlt sich wie ein Junkie», beschreibt es der Autor mehrerer Bücher zum Thema. In seinen Kursen behandelt er Opfer, gelegentlich auch Täter toxischer Beziehungen.

   Typisch für die Beziehungsform: Der Täter oder die Täterin manipulieren ihr Gegenüber durch Ignoranz, Demütigungen oder leere Versprechungen und machten ihn oder sie so schließlich abhängig. Oftmals steckten dahinter narzisstische Persönlichkeiten. «Manchmal sind es auch einfach Arschlöcher», stellt Hemschemeier nüchtern fest.

   Der Begriff liegt im Trend. Das Oxford Dictionary kürte «toxic» 2018 zum Wort des Jahres, schon Jahre zuvor sang Popstar Britney Spears in ihrem Lied «Toxic» über eine Person, deren Anziehungskraft stark, aber auch gefährlich ist.

   Laut einer Umfrage im Auftrag der Online-Partnervermittlung Parship von 2021 befanden sich rund 36 Prozent der Befragten bereits in einer toxischen Beziehung. Dies traf auf knapp ein Drittel der männlichen Befragten und etwa 41 Prozent der weiblichen Befragten zu.

   In den seltensten Fällen schafften seine Klientinnen und Klienten den sofortigen Absprung aus einer solchen Beziehung, sagt Hemschemeier. Oft quälten sie sich Monate oder Jahre. Gerade Männern trauten sich häufig nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

   Bei Katharina dauerte die Beziehung ein halbes Jahr. Und das Ende war genauso plötzlich, wie alles begonnen hat, erinnert sich die Soziologin: «Eines Morgens hatte mir ein Typ ein Dickpic aufs Handy geschickt.» Ramona habe das Foto gesehen, sei ausgeflippt und habe Katharina halb nackt aus der Wohnung geschmissen. Seitdem hätten die zwei nie wieder etwas voneinander gehört. «Zum Glück», sagt Katharina
rückblickend. «Hätte sie sich noch einmal gemeldet, wäre ich wieder schwach geworden.»

   Heute erkennt sie schnell, wer ihr guttut und wer nicht, wie sie sagt. Seit zwei Jahren ist Katharina glücklich verheiratet, heute kann sie über das Erlebte lachen. Aber das habe gedauert. Die Aktivistin rät Betroffenen, sich Hilfe zu holen, auf Freunde und Familie zu hören.

   Bei Krankenkassen wie der AOK können Betroffene ihre Fragen in einem Online-Forum loswerden. Auch Pro Familia bietet bundesweit Beratungsangebote. Paartherapeut Hemschemeier rät, früh wachsam zu sein. «Wenn ich sofort am Anfang denke: Wow, wir sind Seelenverwandte, heißt es Vorsicht!» Was zunächst romantisch klingt, ist seiner Erfahrung nach eher ein schlechtes Zeichen: «Gesunde
Beziehungen starten gemächlich. Man ist vielleicht verliebt, aber alles Weitere entwickelt sich nach und nach.»

   Online-Dating befeuere das Entstehen toxischer Beziehungen nochmals, ist Hemschemeier überzeugt. «Plattformen wie Tinder sind ideal für Egozentriker.» Dort könnten Userinnen und User viel erzählen, außerdem sei die Auswahl an potenziellen Dating-Partnern riesig.

   Kurz habe er gedacht, die Corona-Pandemie habe bei den Menschen für ein Umdenken gesorgt, dafür, dass sie sich jetzt wieder auf das Wesentlich bei der Partnersuche konzentrierten: auf die berühmten «inneren Werte.» «Das ist aber überhaupt nicht so», beobachtet der Experte.

   Im Gegenteil: Viele suchten das Abenteuer und das Drama. Oftmals sei auch Sex ein großes Thema, sagt Hemschemeier. «Von vielen wird das als erfüllend wahrgenommen, wenn der andere plötzlich vor der Tür steht, man wilden Sex hat, dann aber wochenlang wieder nichts hört.»

   Der Experte warnt: Toxische Beziehungen hätten erhebliche Auswirkungen auf Körper und Seele. Entzündungsprozesse verschlechterten sich, Freunde wendeten sich ab, weil sie das ewige Gejammer nicht mehr hören könnten, Depressionen könnten auftreten.

   Katharina will ihre Erfahrungen weitergeben und spricht auf ihrem Instagram-Profil und in ihrem Podcast über toxische Beziehungen. Sie weiß, wie hart die Trennung ist: «Du bist wie im Rausch. Klar, es gibt viele schlechte Momente, aber du kennst eben auch das gute Gefühl, diese krassen Endorphine, die du gespürt hast.»

Christian Hemschemeier

• Buch: Vom Opfer zum Gestalter. Raus aus toxischen Beziehungen, rein ins Leben, 216 Seiten, ISBN 978-3-7858-0782-8, 16,95 €.

• Homepage: www.liebeschip.de

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