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Die erstaunliche Wiederkehr der alten Dinge

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 34 / 2022

Gerd-Matthias Hoeffchen | 22. August 2022

Ob Plattenspieler oder Kaffeemühle: Manches, was längst in der Versenkung verschwunden war, kehrt mit Macht zurück. Warum „Vintage“ und „Retro“ uns so ansprechen – und was das für die Kirche bedeuten kann.

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Grafik: TSEW

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Es gibt so herrlich unpraktische Dinge. Englische Wasserhähne zum Beispiel. Mechanische Uhren. Oder Fahrräder mit Dreigang-Schaltung. Nichts davon kann in irgendeiner Weise mit modernen Nachfolge-Produkten mithalten. Die getrennten Wasserhähne – einer für Heiß, einer für kalt – gehören eigentlich ins Museum; versuchen Sie mal, zum Händewaschen eine brauchbare Temperatur hinzubekommen. Mechanische Uhren sind Meisterwerke der Handwerkskunst. Aber jeder 5-Euro-Quarzwecker geht genauer. Und drei Gänge am Fahrrad? In unserer Kindheit träumten wir davon. Aber selbst damals schon waren der 1. Gang immer zu leicht und der 3. immer zu schwer zum Treten.

Schnee von gestern. Angesichts von modernen Mischhebel-Armaturen, Smartwatches und E-Bikes mit bis zu 30 Gängen sollten die Oldies eigentlich längst vom Markt verschwunden sein.

Und doch.

Es gibt sie noch. Und wie.

Es mag zu den Merkwürdigkeiten unseres Alltagslebens zählen: Längst überholt geglaubte Dinge kehren zurück. Und zwar mit Macht. Ob Schallplattenspieler, Jutebeutel oder Turnschuhe im Stil der 70er Jahre: Der sogenannte Vintage- oder Retro-Look ist angesagt. Vintage bezeichnet die original alten Dinge, wie Omas Porzellan oder die Armbanduhr von Opa; Retro das Nachempfundene, wie Prilblumen-Dekor oder Hosen mit Schlag. Ob so etwas taugt oder praktisch ist, spielt keine Rolle. Nicht der Kopf entscheidet über Retro. Sondern das Herz.

Die Erinnerung an Kindheit und Jugend. Eine Ahnung von Geborgenheit. Das Gefühl von „früher war alles besser“. Mag das alles auch noch so verklärt sein – Retro bringt ein kleines bisschen von diesem Zauber zurück: die gute, alte Zeit.

Und so stellt sich der Leiter eines Medienunternehmens, geübt im Umgang mit modernster Technologie, ein Telefon mit Wählscheibe ins Büro. Eine Kollegin hat auf dem Flohmarkt eine Schreibmaschine „Olympia Monica“ ergattert. Und die 14-jährige Nichte will zum Geburtstag unbedingt einen Fotoapparat haben, mit dem sie Diafilme verschießen kann. Dass man all diese Aufgaben – telefonieren, tippen, fotografieren – mit Handy und Laptop besser, und zwar viel besser erledigen kann… das spielt in diesem Moment keine Rolle.

Es sind nicht die Dinge an sich, die entscheiden, ob wir etwas gut finden oder schlecht, anziehend oder nervig, verlockend oder langweilig. Sondern unsere Beziehung zu ihnen; das, was unser Herz mit ihnen verbindet.

Das mag eine Binsenweisheit sein. Aber möglicherweise in einer Hinsicht noch immer unterschätzt. Nämlich im Blick auf die zukünftige Gestalt der Kirche. Es ist zweifellos richtig, alle Anstrengungen zu unternehmen, damit die Kirche auf der Höhe der Zeit bleibt. Sowohl, was Technik und Erscheinungsformen angeht, als auch bei Verkündigung und Kommunikationsformen. Raus aus der Blase, nicht im eigenen Saft schmoren – ja!

Aber man darf das Kind auch nicht mit dem Bad ausschütten. Gebete und Lieder, Gebäude und Amtshandlungen – da gibt es vieles, woran das Herz der Gemeinde hängt. Vintage und Retro mögen Modeworte sein. Aber sie stehen für mächtige Empfindungen. Auch in der Kirche. Das heißt nicht, dass wir alles beim Alten lassen sollten. Bloß nicht. Aber es spricht sehr für ein sorgfältiges Austarieren, ob etwas in die Mottenkiste gehört. Oder nicht sogar als Schmuckstück aufpoliert werden kann.

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