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Foto: TSEW

Wenn Lärm krank macht

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 33 / 2022

Annemarie Heibrock | 15. August 2022

Immer mehr Menschen klagen: Lärm lastet auf Körper und Seele; viele werden krank, weil Autos, Baulärm und andere Schallquellen sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Was tun?

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Hand aufs Herz: Gibt es in Deutschland irgendeinen Ort, an dem es tagsüber ganz still ist? Einen Ort ohne Autolärm, ohne Fluglärm, ohne Baustellenlärm? Einen Ort, an dem man nicht mehr als den Wind in den Bäumen und das Zwitschern der Vögel vernehmen kann? Vermutlich nicht. Und falls doch, muss man diese Plätze wohl lange suchen.

Der Lärm in unserer Welt, zumal in unserem dicht besiedelten Land, ist zu einem zunehmenden Problem geworden. Menschen werden krank, weil Autobahnen, Bundesstraßen oder viel befahrene Innenstadtstraßen sie nicht zur Ruhe kommen lassen. Noch nicht einmal nachts. Und jetzt, im Sommer: Da machen Motorräder selbst das schönste Dorfidyll zunichte.

Freilich: Einige Kommunen erlassen nächtliche Fahrverbote oder Geschwindigkeitsbegrenzungen, entwickeln Lärmschutzkonzepte, diskutieren über Tempo 30 in den Stadtzentren (was leider viel zu selten umgesetzt wird) oder lassen „Flüsterasphalt“ auf den Straßen aufbringen. Aber hilft das wirklich? Wohl eher nicht.
Immer mehr Menschen klagen: Der Lärm lastet auf Körper und Seele. Zu hohen Geräuschpegeln außen kommt schließlich noch der Lärm innen: Etliche Warenhäuser und Supermärkte setzen auf musikalische Dauerbeschallung, um ihre Kunden in Kauflaune zu versetzen. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit…

Dagegen hat jetzt ein Supermarkt in Bielefeld ein Zeichen gesetzt: Nach neuseeländischem Vorbild fährt er die Kassengeräusche auf ein Minimum zurück, lässt Wartenummern an der Fleischtheke nicht mehr ausrufen und hält Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an, sich nur noch im Flüsterton zu verständigen. Das scheint zu funktionieren und von der Kundschaft mit Wohlwollen angenommen zu werden. Der Nachteil: Vorgesehen sind dafür leider nur zwei Stunden pro Woche.

Dabei bräuchten wir in unserer allzeit geschäftigen Gesellschaft viel mehr solcher Ruhe-Oasen. Innerstädtische Parks sind solche Orte. Und ganz sicher auch Kirchen.
Das mag angesichts des riesigen täglichen Touristenansturms zwar nicht für berühmte Gebäude wie den Kölner Dom gelten, aber zweifellos für viele „normale“ Gotteshäuser in unseren Städten. Ihre dicken Mauern sperren den Lärm aus. Was für eine Wohltat! Balsam für die Seele. Hier kann man zur Ruhe kommen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Um zu spüren, wie wichtig das ist, muss man nicht besonders spirituell veranlagt sein. Eine solche Erfahrung dürfte wohl jeder Mensch hin und wieder machen. Der evangelische Schriftsteller Reinhold Schneider hat das einmal so formuliert: „Die Stille ernährt, der Lärm verbraucht.“

Sicher: Wir können nicht gänzlich zurück in eine Zeit ohne Lärm, das wäre naive Träumerei. Aber es gibt Stellschrauben, an denen wir drehen können. Im Verkehr zum Beispiel ist sicher noch viel mehr drin als bisher geschieht. Und da haben wir alle die Chance, unseren Beitrag zu leisten. Zum Beispiel, indem wir einmal mehr das Auto stehen lassen und das Rad nehmen. Damit wäre nicht nur der Umwelt, sondern auch uns und unseren Mitmenschen gedient.

Und vielleicht folgen ja andere Supermärkte dem Bielefelder Beispiel. Zugegeben, die Wirkung ist überschaubar, aber ein Zeichen ist damit allemal gesetzt.

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