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Gruppenbild zur Fußwaschung. Im Zentrum (mit lila Schal) steht Emilia Handke, ganz rechts Meike Barnahl und hinter ihr Matti Schindehütte. (Foto: epd-bild/Philipp Reiss)
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Die Angreifbaren von der „Pop Up Church“

Aus der Printausgabe - UK 32 / 2022

Catharina Volkert | 7. August 2022

Von einer kirchlichen Bewegung, die die Straße nicht fürchtet

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Gruppenbild zur Fußwaschung. Im Zentrum (mit lila Schal) steht Emilia Handke, ganz rechts Meike Barnahl und hinter ihr Matti Schindehütte. (Foto: epd-bild/Philipp Reiss)
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Auf dem Christopher Street Day in Hamburg 2019 lockte die „Pop Up Church“ mit Christus unterm Regenbogen zum Segen. (Foto: Kristina Tesch)

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Sie stellen Fragen. Sie beten. Sie waschen Füße. Seit fünf Jahren tauchen junge Menschen im Talar im Hamburger Raum immer wieder auf, um sich als Kirche in der Öffentlichkeit zu bewähren. Sie nennen sich „Pop Up Church“.

Hamburg. Gründonnerstag wirkt immer noch. Matti Schindehütte klingt begeistert, wenn er von der Fußwaschung auf der Hamburger Reeperbahn erzählt. „Es war eine Atmosphäre des Verschenkens. Es war ein wunderschöner Abend, der lange nachwirkte. Schließlich spürt man so gepflegte Füße noch zwei Tage später.“

Matti Schindehütte gehörte zu den Pastorinnen und Pastoren, die an jenem Abend zwischen Feiermeile und Rotlichtviertel in großen Schüsseln die Füße ausnahmslos aller Menschen gewaschen haben. Eine Aktion der „Pop Up Church“. Kirche, die überraschend aufpoppt. Sich zeigt und wieder verschwindet. Im öffentlichen Raum.

Idee entstand im Vikariat der Nordkirche

Eigentlich ist Matti Schindehütte Pastor am Hamburger Stadtrand, ebenso wie Janna Horstmann. Nun erscheinen sie gleichzeitig mit Pastorin Emilia Handke, Leitung vom Nordkirchen-Werk „Kirche im Dialog“, und Pastorin Meike Barnahl, die die Hamburger Ritualagentur st. moment leitet, auf dem Computer-Bildschirm, um über die „Pop Up Church“ zu sprechen.

Die Idee zur „Pop Up Church“ entstand im Vikariat der Nordkirche. 2017 war das – und die Ausbildungsgruppe störte sich daran, dass sie überwiegend Aufgaben lernt, die es braucht, um im Gemeindepfarramt tätig zu sein. „Dabei gibt noch andere Dimensionen der Begegnung mit Religion und Kirche. Und die findet eigentlich auf der Straße statt“, sagt Emilia Handke. Und: Die Menschen hätten Fragen.

Was ihr Ausbildungskonzept nicht vorsah, suchte sich die Gruppe selbst und ging auf die Straße. Auf dem Hamburger Weihnachtsmarkt schlüpfte erstmals ein Team der „Pop Up Church“ in die Talare, um die vier Evangelisten als „lebendige Jukebox“ zu verkörpern. In der Rolle von Lukas, Matthäus und Johannes erzählten sie die jeweilige Weihnachtsgeschichte ihres Evangeliums – und Markus machte Zaubertricks. „Die Menschen haben eigentlich sofort reagiert. Sie haben nachgefragt, warum es drei unterschiedliche Weihnachtsgeschichten gibt“, erinnert sich Emilia Handke.

Seitdem gibt es die „Pop Up Church“. Eine lose Bewegung, zu der ein fester Kern von etwa zehn Personen gehört. Je nach Zeit und Ort ändert sich das. „Wir sind eine Community. Wer sich der Sache zugehörig fühlt, macht mit“, sagt Meike Barnahl. Die „Pop Up Church“ steht unter Verantwortung von „Kirche im Dialog“: Emilia Handke koordiniert und konzipiert die Überraschungskirche, sorgt für die Jahresplanung. „Wir versuchen, uns ein bis zwei Aktionen pro Jahr vorzunehmen. Auf keinen Fall mehr, weil wir alle auch noch in den Gemeinden aktiv sind“, erklärt sie.

„Wofür sollen wir beten?“, fragte die „Pop Up Church“ in der Fußgängerzone. Zum Tag gegen Gewalt an Frauen waren sie vor dem Hauptbahnhof und trugen große Schilder, auf denen „Du siehst mich!?“, nach dem 1. Buch Mose 16, 13 stand. Und: „Jede 4. Frau“. Sie baten Passanten darum, Vornamen von ihnen bekannten Frauen, die Gewalt erfahren haben, auf die Schilder zu schreiben. Anschließend gingen sie damit in die benachbarte St. Georg Kirche, um Fürbitte zu halten.

„Es ist uns wichtig, dass wir im öffentlichen Raum sind. Wo wir uns den Menschen, die dort sind, aussetzen. Wir fragen, wo der Raum ist, der Reibungsfläche bietet. Orte, die nicht bequem sind“, sagt Meike Barnahl. Um Übersetzung gehe es, ergänzt Janna Horstmann. „Um die Anliegen, die für uns und alle Menschen relevant sind.“ Und Emilia Handke bringt die „Pop Up Church“ so auf den Punkt: „Wir wollen greifbar sein – und angreifbar. Als Kirche.“

Wer in einem schwarzen Talar auf der Straße steht, braucht Mut. Die Dienstkleidung soll die Pastorinnen und Pastoren als Kirche erkennbar machen. Aber sie macht sie auch zur Projektionsfläche. „Wenn ich auf einer Bank vor meiner Kirche sitze, weiß ich, wer mich anspricht“, sag Janna Horstmann. Die Aktionen der „Pop Up Church“ seien hingegen nicht berechenbar. Es gibt Passanten, die nur „Kreuzzüge, Missbrauch“ brüllen und weitergehen. Einmal hat jemand Meike Barnahl vor die Füße gespuckt. „Es ist nicht immer einfach, aber es ist wichtig“, sagt sie.

 „Jesus hat gesagt: Geht hinaus in alle Welt und verkündet den Leuten das Evangelium. Das ist das, was wir geloben bei der Ordination, dafür sind wir angetreten“, sagt Emilia Handke. „Wir sind als Kirche auf Bewährung draußen. Die Zeiten sind vorbei, in denen uns Menschen stumm vor Bewunderung zuhören, weil wir Teil einer gewichtigen Institution sind.“

Das heißt: Fragen beantworten. Kirche erklären. Themen des Kirchenjahres übersetzen. Und ganz viel Seelsorge. Und: „Ja, auf jeden Fall ist das Gottesdienst“, sagt Matti Schindehütte. Gerade die Fußwaschung habe das gezeigt. Ein biblisch begründetes Ritual, das sich auch in der Gegenwart bewährt. Als zum Ewigkeitssonntag Menschen am Eingang der Rindermarkthalle, Ort von Gastronomie und Geschäften, gefragt wurden, was sie vor ihrem Tod unbedingt machen möchten, sei das wie Predigt gewesen. Oder die Aktion zum Tag gegen Gewalt gegen Frauen: Fürbitte. Ein anderes Mal, beim Christopher Street Day, gab es Segen.

Durch Pandemie gelernt, nach draußen zu gehen

Ein rein städtisches Format sei die „Pop Up Church“ nicht, beteuert das Team. Eine „Trägergruppe“ sei zwar wichtig, meint Emilia Handke: Kolleginnen und Kollegen, die auch vor Ort sind. „Aber wir haben überall dieselben Herausforderungen, zum Beispiel Ostern anschlussfähig zu kommunizieren.“ Und das wurde bereits probiert: Ostern 2021, als junge Pastorinnen und Pastoren auf „Ostermobilen“, geschmückte Lastenräder, durch ihre Kirchengemeinden wie das 2000-Seelen-Dorf  Wasbek in Schleswig-Holstein fuhren. Ohnehin habe man durch die Pandemie gelernt, nach draußen zu gehen, berichtet Matti Schindehütte aus seinem Hamburger Vorort.
Es gibt noch einen Gedanken, der die „Pop Up Church“ trägt und den Janna Horstmann folgendermaßen auf den Punkt bringt: „Es verändert sich im Machen.“ Kurz darauf verabschieden sich die vier von der „Pop Up Church“ wieder. Sie haben sich zum Gespräch gezeigt, und nun verschwinden sie. Etwas hat sich verändert, wie bei ihrer spontanen Kirche.

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