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Das baut auf: „Unsere Kirche“ hat sich die Verbreitung von guten Nachrichten auf die Fahne geschrieben. (Foto: Heibrock)

Nicht die Hoffnung verlieren

Aus der Printausgabe - UK 31 / 2022

Angelika Prauß | 30. Juli 2022

Warum gute Nachrichten in den Medien oft einen so schweren Stand haben

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Das baut auf: „Unsere Kirche“ hat sich die Verbreitung von guten Nachrichten auf die Fahne geschrieben. (Foto: Heibrock)

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„Only bad news are good news“ – nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, heißt ein bekannter Satz aus der Medienbranche. Dabei gibt es durchaus gute Nachrichten, die aber oft auf der Strecke bleiben.

Krieg, Klimakrise, Pandemie, Katastrophen, Inflation – die aktuellen Nachrichten bestehen gefühlt nur noch aus einer Aneinanderreihung von schlechten Nachrichten. Aber ist die Lage wirklich so schlimm? Oder transportieren „die“ Medien bevorzugt Themen, die mehr Aufmerksamkeit versprechen? Fakt ist: Es gibt durchaus auch Gutes zu vermelden, einige Formate haben sich darauf spezialisiert.

Die Idee ist nicht neu. Bereits 1948 wurde in New York der Pressedienst Good News Bulletin herausgegeben, ein Vorreiter bei der Publikation guter Nachrichten, wie der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Kröger in einem Aufsatz schreibt. Herausgeber war der Publizist und Zukunftsforscher Robert Jungk, der damit nach eigenen Worten ein „einmal wöchentlich an Redaktionen und Universitäten verschicktes Konzentrat von guten Nachrichten“ herausgeben wollte.

Als Beispiele für deutschsprachige Medien, die diese Entwicklung weiterführen, nennt Krüger Online-Magazine, Zeitschriften wie „enorm“, aber auch Rubriken in klassischen Medien wie „Perspektiven“ auf NDR Info oder die ZDF-Dokureihe „plan B“. Auch diese Zeitung sucht in der Fülle der Hiobsbotschaften, die täglich eingehen, für jede Ausgabe auch nach Nachrichten und Berichten, in denen positive Entwicklungen gewürdigt werden, nach Beiträgen, die Mut machen können in unruhigen Zeiten.

All diesen Bemühungen gemein  ist der Ansatz des so genannten konstruktiven Journalismus: Er richtet – ähnlich wie die ressourcenorientierte Positive Psychologie – seinen Blick auf positive Entwicklungen, ermutigende Beispiele und gelingende Problemlösungen. Anders als der tagesaktuelle, ereignisgetriebene Betrieb von Nachrichtenredaktionen nimmt er eher langfristige Entwicklungen in den Blick.

So streut auch das ARD-Morgenmagazin „MoMa“ in diesem Sinne mit der im Sommer 2019 ins Leben gerufenen Rubrik „kurz und gut“ immer wieder positive Berichte ins Programm ein. „Wo immer es möglich ist“, fühle sich die Redaktion dem konstruktiven Journalismus verpflichtet, erklärt Redaktionsleiter Martin Hövel. Das gelte quer durch die Berichterstattung. „Reine Problembeschreibung reicht uns oft nicht, wir wollen auch Lösungsoptionen ansprechen, Best- Practice-Beispiele zeigen.“ Dieser Ansatz sei irgendwann in den Gedanken geflossen, eine eigene Rubrik aus solchen Beispielen zu generieren.

Negative Berichte sind kein Spiegel der Welt

Zum Selbstverständnis der morgendlichen Sendung gehört es laut Hövel, „dass wir unsere Zuschauenden nicht in Verzweiflung über eine geballte Ladung ungelöster Probleme stürzen wollen, sondern vielfach auf das Machbare, Lösbare oder Gelöste setzen“ – und auch mal wegzukommen von dem, „was schiefläuft in der Welt“.

„Medien präsentieren nach bestimmten Selektionskriterien immer nur eine Auswahl von Nachrichten – oft dramatischer Ereignisse und Missstände“, erklärt der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Gregor Daschmann im Interview. Diese negativen Berichte seien aber „kein Spiegel der Welt“. Dass Menschen negativen Meldungen mehr Aufmerksamkeit schenken, resultiere aus einem „in uns angelegten Wahrnehmungsprozess“. Nachrichten über Missstände suggerierten „lebensbedrohliche Gefahren, die wir vermeiden müssen, um am Leben zu bleiben“. Dieser evolutionäre Hintergrund schwinge noch immer mit.

Einen weiteren Grund, dass Nachrichten oft überfrachtet mit Negativmeldungen scheinen, sieht Daschmann in der Nachrichtenweisheit „News is what‘s different“ – die Nachricht ist das, was sich unterscheidet – begründet. Ein positiver Ausgang – ein Tag ohne Erdbeben, ohne Flugzeugabsturz – sei unspektakulär und interessiere niemand.

Es liege in der Natur von Nachrichten, „ausschließlich Negatives in den Fokus zu rücken“, sagt die Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel. Sie seien eine Art „Fehlerbericht, der uns täglich zeigt, was in der Welt schiefgegangen ist. Dabei können – und sollten – Medien immer auch das zeigen, was Hoffnung oder Mut macht“, erklärt Wurmb-Seibel.

Der Nachrichten-Fokus auf Krise und Drama hat aus ihrer Sicht sehr negative Auswirkungen. Die Menschen hätten Angst, fühlten sich ohnmächtig, würden zynisch oder apathisch. Die Folgen: Rückzug aus der Gesellschaft und dem politischen Leben, weil man meine, ohnehin keinen Einfluss auf das Geschehen zu haben. Das sei, so von Wurmb-Seibel, nicht nur schlimm für jeden einzelnen Menschen, sondern auch „fatal für die Demokratie“.

Und so verwundert es nicht, dass sich Medien, die dem konstruktiven Journalismus zugetan sind, etablieren. Seit 2018 gibt es auch das in Berlin ansässige Internetportal „Goodnews“, das eng an das „enorm“-Magazin angebunden ist. Neben rund 7000 bezahlten Abos lassen sich laut goodnews-Redakteurin Bianca Kriel rund 45 000 Menschen per App und 52 000 Follower via Instagram mit der „täglichen Dosis Optimismus“ – so der Werbeslogan – versorgen.

Ein dreiköpfiges Team sichte dafür deutschsprachige Medienquellen, um daraus sechs „handverlesene“ Tagesmeldungen zu veröffentlichen. Ziel sei eine ausgewogene Mischung von Themen globaler Politik, sozialer Gerechtigkeit, Inklusion und Integration, aber auch kleine, lokale Initiativen mit Vorbildcharakter.

Manchmal muss man nach Positivem suchen

An manchen Tagen gebe es davon „weit mehr, als wir publizieren können“, sagt Kriel; an anderen Tagen müsse das Team auch mal auf eine ältere Nachricht zurückgreifen. Und es gebe auch Zeiten, „wo man den Glauben daran verliert, dass es auch gute Nachrichten gibt“, räumt Kriel ein.

Zu Beginn des Ukrainekrieges habe sich das Team gefragt, ob es nicht zynisch sei, weiter gute Nachrichten zu veröffentlichen. „Wir haben dann Menschen und Initiativen vorgestellt, die sich in dem Krieg für andere einsetzen“, erklärt Kriel. Wichtig in solchen Zeiten sei es, „dass die Menschen nicht die Hoffnung verlieren“.

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