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Auf dem Weg zum Erfolg überwand Margarete Steiff viele Hindernisse. (Foto: Margarete Steiff GmbH)

Pionierin eines schwäbischen Welterfolges

Aus der Printausgabe - UK 30 / 2022

Barbara Just | 24. Juli 2022

Unter widrigsten Voraussetzungen zum Erfolg: Vor 175 Jahren wurde die „Plüschtiermutter“ Margarete Steiff geboren

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Auf dem Weg zum Erfolg überwand Margarete Steiff viele Hindernisse. (Foto: Margarete Steiff GmbH)
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Foto: Margarete Steiff GmbH

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Leicht hatte es Margarete Steiff nie. In einer von Männern dominierten Zeit kämpfte sie mit Vorurteilen gegen Frauen und behinderte Menschen. Bis heute ist ihr Unternehmen die bekannteste Marke für Plüschtiere.

„Ich bin geboren am 24.7.1847 und erhielt die Namen Appolonia Margarete Steiff“, so beginnt Margarete, wie sie zeitlebens genannt wurde, ihre Erinnerungen. Das Tagebuch war 1908 ein Geschenk, verbunden mit der Bitte, die eigene Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Welchen Einsatz diese Frau bringt, welches Weltunternehmen sie aufbauen wird, das ahnt niemand, als sie vor 175 Jahren in Giengen an der Brenz bei Heidenheim das Licht der Welt erblickt. Das Haus der Familie steht heute unter Denkmalschutz. Liebevoll restauriert bietet es Besuchern einen Eindruck, wie damals eine angesehene Handwerkerfamilie in dem Ort am Rande der schwäbischen Ostalb lebt.

Zunächst entwickelt sich das Mädchen bestens. Doch als es eineinhalb Jahre alt ist, tritt eine Krankheit auf, „nach welcher ich nicht mehr gehen konnte, der linke Fuß war vollständig, der rechte teilweise gelähmt, auch der rechte Arm war sehr geschwächt“. Ein Ulmer Arzt diagnostiziert Kinderlähmung.

Für die Eltern ist klar, dass ihre Tochter ein Leben lang auf die Fürsorge anderer angewiesen sein wird. Das beginnt in den eigenen vier Wänden: Über die steile Treppe kann das Mädchen nur getragen werden. Später erleichtert ihr ein wuchtiger Rollstuhl das Leben.

Trotz ihrer Behinderung hält sich Margarete als Kind am liebsten „auf der Gass“ auf. Toben ist nicht drin. Dafür sitzt sie im Leiterwagen und schafft es mit ihren Geschichten, ihre Altersgenossen um sich zu scharen. Für Abenteuer ist das Mädel offen: So geht es oft im Leiterwagen, mit dem sie auch zur Schule gezogen wird, mit Schwung den steilen Berg aus der Altstadt hinunter, nicht immer ohne Blessuren. Daneben setzt sie durch, das Zitherspielen zu lernen.

Mit der Behinderung arrangiert

Die Mutter lässt nichts unversucht, um ihrer Tochter medizinisch zu helfen. Ärzte werden aufgesucht und Kuren verordnet. So reist Margarete bis nach Ludwigsburg und Wildbad. Mit 18 Jahren kommt sie zu dem Schluss: „Das unnütze Suchen nach Heilung lässt den Menschen nicht zur Ruhe kommen. Gott hat es so bestimmt, dass ich nicht gehen kann. Es muss auch so recht sein.“ Dazu passt ihr Konfirmationsspruch aus dem Korintherbrief: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Margarete setzt durch, die Nähschule besuchen zu dürfen, und schließt diese 1862 ab. Anfangs hilft sie ihren Schwestern in deren Damenschneiderei, bis sie diese selbst übernimmt. Zum 27. Geburtstag baut der Vater das Elternhaus um und richtet ihr ein Arbeitszimmer ein. Vom ersten Geld schafft sie eine Nähmaschine an – die erste in Giengen. Als die Kraft ihres rechten Armes nicht ausreicht, um das Rad in Bewegung zu setzen, verzweifelt die junge Frau nicht, sondern dreht die Maschine einfach um.

Als eines Tages ein neues Exemplar der „Modewelten“ ins Haus flattert, weckt das Schnittmuster eines kleinen Elefanten ihr Interesse. Dieses Filztier macht Margarete ihrer Schwägerin zum Geschenk. Aus einem „Elefäntle“ werden bald 600. Diese finden auf Marktplätzen bei Kindern Anklang. Bald gesellen sich weitere Tiere dazu – 1880 ist die Spielzeugmanufaktur Steiff geboren.

Ein Umzug in ein größeres Gebäude folgt. Aus dem Unternehmen ist ein Familienbetrieb geworden. Als besonders kreativ erweist sich Margaretes Neffe Richard Steiff, auf den der Bär und das Logo „Knopf im Ohr“ zurückgehen. Mit seinem Erfindergeist lässt er 1903 ein Produktionsgebäude aus Glas und Stahl hinstellen, das als Industriedenkmal gilt.

Im „Jungfrauen-Aquarium“ sorgen immer mehr Näherinnen dafür, die Nachfrage an Stofftieren im In- und Ausland zu befriedigen. 1907 werden fast eine Million Teddys produziert.

Das Motto: Für Kinder ist nur das Beste gut genug

Am 9. Mai 1909 stirbt die Frau, der wegen ihrer Behinderung anfangs kaum jemand etwas zutraute und die für einen wirtschaftlichen Aufschwung in ihrem Heimatort sorgte. „Ja, weinet, weinet nur! Eine Gretl Steiff kommt so bald nicht wieder“, sagt der evangelische Pfarrer in seiner Trauerrede. Eine Straße, eine Brücke und ein Gymnasium tragen heute den Namen der berühmten Bürgerin. Seit 2005 steht vor den Werkstoren ein Erlebnis-Museum mit Schaufertigung. Steiffs Losung „Für die Kinder ist nur das Beste gut genug“ fühlt sich das Unternehmen nach wie vor verpflichtet.

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