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Ein Schachbrettfalter (Melanargia galathea) sitzt auf einer Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria) auf einer Schafwiese am Silbersee in Hagen a.T.W. (epd-bild/Detlef Heese)

Galmei-Veilchen und Kratzdistel

Pflanzenschutz

Martina Schwager (epd) | 26. Juli 2022

Botanische Gärten bewahren das Erbgut von bedrohten Wildpflanzen

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Ein Schachbrettfalter (Melanargia galathea) sitzt auf einer Tauben-Skabiose (Scabiosa columbaria) auf einer Schafwiese am Silbersee in Hagen a.T.W. (epd-bild/Detlef Heese)
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Biologin Silvia Oevermann (r) und Biologe Peter Borgmann des Botanischen Gartens der Uni Osnabrück betrachten Arnika-Jungpflanzen, die fuer eine Ansiedlung im Harz vorgesehen sind. (epd-bild/Detlef Heese)
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Die Biologin Silvia Oevermann vom Botanischen Garten der Uni Osnabrück blickt in ihrem Labor in den Keimschrank zur Ermittlung der Keimfähigkeit verschiedener nationaler Verantwortungsarten. (epd-bild/Detlef Heese)

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Wo Wanderer den Blick in das Tal gleiten lassen, über Wiesen und Felder, sind Peter Borgmann und Silvia Oevermann meist gebückt auf der Suche nach Seltenheiten. Die Wissenschaftler sammeln Samen von Wildpflanzen, die vom Aussterben bedroht sind.

Osnabrück/Regensburg (epd). Schmale Trampelpfade durchziehen das offene Grasland am sonnenbeschienenen Südhang des Silberbergs. Das auf den ersten Blick unscheinbare Naturschutzgebiet in Hagen am Teutoburger Wald ist eine Schatzkammer für Botaniker und Pflanzenliebhaber. Zwischen Wiesenhafer, Fiederzwenke und anderen Gräsern entdeckt Peter Borgmann in einer schattigen Senke die erste zartgelb blühende Attraktion: «Das Galmei-Veilchen, Viola calaminaria, eine der seltensten Pflanzen Deutschlands», sagt der Biologe vom Botanischen Garten der Uni Osnabrück.

   «Weil es an schwermetallhaltige, magere Böden angepasst ist, kann es in diesem ehemaligen Erzabbaugebiet wachsen.» Die wilde Verwandte des Stiefmütterchens komme sonst nur noch im Raum Aachen vor. Seine Kollegin Silvia Oevermann hockt derweil schon mit einem Papiertütchen vor den kaum 20 Zentimeter aufragenden feingliedrigen Pflanzen.

   Behutsam streicht sie die Blätter zur Seite, findet aber nur wenige Samenkapseln. «Da müssen wir wohl noch einmal wiederkommen», sagt Borgmann. Die beiden Wissenschaftler sammeln vornehmlich im Sommer und Herbst vom Sauerland bis nach Schleswig-Holstein die Samen vom Aussterben bedrohter Wildpflanzen, um sie zu bewahren, wieder anzusiedeln und die Populationen zu stützen.

   Das Bundesumweltministerium fördert das Projekt «Wildpflanzenschutz Deutschland» (WIPs-De) bereits seit 2013. Die Botanischen Gärten in Osnabrück, Regensburg, Berlin, Potsdam und Mainz haben Deutschland in vier Projektregionen aufgeteilt. «Das Sammeln und die Einlagerung von Wildpflanzensamen ist wie eine
Lebensversicherung für eine Art oder Populationen», sagt Projektleiter Peter Poschlod von der Universität Regensburg.

   Die Samen könnten über Jahrzehnte, wahrscheinlich sogar Jahrhunderte keimfähig bleiben, erklärt der Professor für Ökologie und Naturschutzbiologie. Das Projekt kümmere sich um 92 seltene Wildpflanzenarten, für die Deutschland eine besondere Verantwortung habe, die also ausschließlich oder schwerpunktmäßig in Deutschland
vorkommen. Sogenannte Verantwortungsarten sind etwa das zierliche Wollgras, die Purpur-Grasnelke, der Zwerglerchensporn oder das Bayerische Löffelkraut.

   Vor allem die Landwirtschaft, die Stickstoff in die Atmosphäre bringe und somit quasi kontinuierlich dünge, setze vielen Wildpflanzen zu, sagt Poschlod. Dadurch verarmten die Pflanzenbestände. «Die höchste Artenvielfalt findet sich bei uns auf
mageren Standorten.» Der Klimawandel werde künftig ein Übriges zum Artenverlust beitragen.

   Wenn Saatgut eingelagert werde, bleibe auch die genetische Vielfalt erhalten, erklärt Poschlod: «Wir wissen noch nicht über alle Wildpflanzen Bescheid, ob sie nicht irgendwelche Schätze enthalten, wie etwa medizinisch wirksame Substanzen.»

   Um sie zu bewahren, werden die zuvor begutachteten und getrockneten Samen bei minus 18 Grad Celsius in Kältekammern der beteiligten Gärten eingelagert. Zur Sicherheit schicken die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von jeder Probe einige Samen an den Botanischen Garten Osnabrück, sodass im dortigen Kühlhaus der gesamte Bestand verfügbar ist.

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