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Die ukrainische Mezzosopranistin Valeria Mudra vor den Domstufen in Erfurt (Foto: epd-bild/Lutz Edelhoff)

Valeria Mudra: Das Erfurter Domstufen-Festival als Ende einer Flucht

Kultur

Matthias Thüsing (epd) | 21. Juli 2022

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Die ukrainische Mezzosopranistin Valeria Mudra vor den Domstufen in Erfurt (Foto: epd-bild/Lutz Edelhoff)

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In Erfurt startete am vergangenen Freitag die Domstufen-Festspiele mit Verdis «Nabucco». Die Hauptrolle der Fenena singt die ukrainische Mezzosopranistin Valeria Mudra. Sie wurde aus einer Berliner Sammelunterkunft heraus für das Erfurter Ensemble verpflichtet.

Erfurt (epd). Den Sommer 2022 hat sich Valeria Mudra noch vor wenigen Monaten ganz anders vorgestellt. Ihr Leben verlief bis dahin in ruhigen, kalkulierbaren Bahnen. Eine klassische Gesangsausbildung in ihrer ukrainischen Heimatstadt Mykolajiw und regelmäßige Preise in nationalen und internationalen Gesangswettbewerben ihres Landes hatten die junge Frau nach der Schulausbildung zunächst an die Nationale Musikakademie bei Angelina Schwachka geführt. Als Studentin gehörte sie zum Ensemble der Nationaloper in Kiew, dem renommiertesten Opernhaus der Ukraine. 2019 erhielt sie ihr Diplom. Im November 2020 wurde sie Ensemblemitglied im Nationalen Theater für Oper und Ballett in Charkiw. Der Vertrag als Solistin war der nächste große Schritt auf der Karriereleiter. Bis zur russischen Invasion vor knapp fünf Monaten stand sie hier regelmäßig auf der Bühne. Doch der 24. Februar hat alles verändert.

   Im Sommer 2022 steht Valeria Mudra an einem warmen Juliabend auf dem Domplatz der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt. Vor sich die 70 Stufen, die zur gotischen Kathedrale hochführen und die für die nächsten vier Wochen die Bühne der Erfurter Domstufen-Festspiele sein werden. Das Bühnenbild - eine fast neun Meter hohe und 16 Meter breite Mauer und eine fünf Meter hohe Skulptur - werden das Publikum allabendlich auf die musikalische Reise nach Jerusalem und Babylonien
entführen. 42.000 Gäste werden zu den insgesamt 20 Vorstellungen während der kommenden vier Wochen erwartet.

   Die Proben sind abgeschlossen. Am Wochenende wird die Mezzosopranistin hier erstmals die «Fenena» in Verdis weltberühmter Oper «Nabucco» singen. Wegen der engen Taktung der Auftritte sind alle wichtigen Rollen des Stücks mindestens doppelt besetzt. Mudra wechselt sich daher mit ihren Kolleginnen Katja Bildt und Florence Losseau ab.

   «Ich war sofort von ihrer Stimme überzeugt», sagt Guy Montavon. Der Intendant des Erfurter Theaters hatte die heute 27-jährige Ukrainerin im April zum Vorsingen eingeladen. Sofort bot er ihr die Hauptrolle und einen Zwei-Jahres-Vertrag für das Erfurter Ensemble.

   Mudra war kurz nach dem russischen Überfall auf ihr Land aus der Ukraine geflohen. Charkiw geriet früh während des Krieges unter Artillerie- und Raketenbeschuss. Das Opernhaus in Charkiw soll schon Ende Februar erste Treffer abbekommen haben. Teile des Ensembles verließen die Stadt. Auch die junge Sängerin schlug sich bis nach Berlin durch, kam in einer Sammelunterunterkunft unter. Ihr neuer Plan: Arbeit finden.

   «Mich hatte ein Bekannter angerufen, der mich einmal singen gehört hatte. Er ist Agent und bot an, sich für mich umzuhören», sagt sie. Er vermittelte den Kontakt nach Erfurt. «Ich folge vielen Theatern auf den sozialen Medien», sagt sie. «Ich kannte das Theater also ein bisschen.» Nach Thüringen fuhr sie mit Hoffnungen, aber nicht mit der Erwartung auf einen festen Solisten-Vertrag.

   Valeria Mudra wirkt noch Monate später überrascht, wenn sie an diesen Tag zurückdenkt. Montavon aber war so begeistert von ihrem stimmlichen Können, dass er sie schon auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Domstufen-Festivals eine Arie der «Fenena» aus «Nabucco» singen ließ.

   «Fenena» ist eine junge Babylonierin, die ohnmächtig ansehen muss, wie ihre Schwester und Herrscherin das Volk der Juden vernichten will. Intendant Montavon sagt, der Angriff Russlands auf die Ukraine habe seiner Inszenierung eine unüberhörbare Aktualität beschert: «In einem Stück, in dem es um Vernichtung anderer Völker geht, kann man an den heutigen Ereignissen wie Syrien und insbesondere der Ukraine nicht vorbei inszenieren.»

   Täglich schaut Mudra im Internet die Nachrichten aus ihrer Heimat. Inzwischen hat sie auch einen neuen Plan für diesen Sommer. «Ich möchte meine Mutter aus Mykolajiw zu mir holen.» Ihre Heimatstadt werde inzwischen täglich bombardiert. «Heute erst eine Schule und verschiedene Wohnhäuser», sagt sie. Und bei allem Wahnsinn - die aktuelle Situation in der Ukraine helfe ihr bei der Rolle: «Ich verstehe Fenema jetzt besser. Ich weiß nun, wie es ist, wenn ein Volk um seine Freiheit kämpft.»

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