hg
Bild vergrößern
Grafik: TSEW

Da wohnt ein Sehnen tief in uns

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 29 / 2022

Gerd-Matthias Hoeffchen | 18. Juli 2022

Freiheit. Liebe. Weiterkommen. Sehnsucht kann eine Urgewalt sein. Was dahintersteckt – und warum es lohnt, seinen Sehnsüchten nachzugehe

Bild vergrößern
Grafik: TSEW

Anzeige

Meine Mutter hatte Sehnsucht nach dem Paradies. Ihr Leben war geprägt von Krieg, Flucht, gescheiterten Neuanfängen, Krankheit und Enttäuschungen; da mag das wenig verwundern. Das Leben hier auf der Erde war für sie ein Jammertal, durch das die Menschen hindurch mussten. Aber am Ende, da wartete das zukünftige, das ewige Leben im Himmel.

Das Paradies. Was genau das sein würde, wusste Mutter nicht. Aber aus Bibelstunde und Gottesdienstpredigt brachte sie die Überzeugung mit: Es würde unbeschreiblich schön sein. Ruhig, friedlich. Ohne Leid. Es waren keine konkreten Wünsche oder Vorstellungen, die meine Mutter damit verband. Eher ein unbestimmtes Verlangen, ein Ziehen, eben ein SEHNEN in Richtung Himmel: Alles würde gut.

Menschen tragen das Sehnen in ihren Genen. Mögen die Ziele auch noch so unterschiedlich sein: Es ist da. Lieder und Geschichten, Gedichte und Filme sind voll von dem eigentümlichen Verlangen. Freiheit. Liebe und Partnerschaft. Das Gefühl: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Eine ganze Epoche der Kulturgeschichte, nämlich die Romantik, gründet sich auf dieses Sehnen: Herz und Seele verspüren einen süßen Schmerz. Die Richtung ist diffus. Das Verlangen aber gewaltig.

Jede Sehnsucht speist sich aus der Unvollkommenheit des gegenwärtigen Lebens, schreibt die Zeitschrift „Psychologie heute“ in ihrer Juli-Ausgabe; das Empfinden, dass etwas Elementares fehlt. Der Wunsch nach einer anderen Wirklichkeit, die Vorstellung „was wäre, wenn?“.

Aber Sehnsüchte müssen nicht bei der Tagträumerei stehenbleiben. Sie können helfen, sich besser zu verstehen und das eigene Leben selbstbestimmter zu gestalten. Denn oft stecken hinter den diffusen Sehnsüchten ganz andere Wünsche und Bedürfnisse, als man sie auf den ersten oder zweiten Blick erkennen kann.

Beispiel Freiheit. Wer sein Leben lang davon träumt, auf große Abenteuerfahrt um die Welt zu gehen, es in der Realität aber immer nur in den Schwarzwald oder nach Mallorca schafft, sollte sich fragen: „Warum versuche ich es denn nicht mal?“ Tieferes Nachdenken könnte dann möglicherweise zu der Antwort führen: „Weil ich mir eigentlich gar nicht die Unbequemlichkeiten und Gefahren eines echten Abenteuers zumuten möchte.“ Stattdessen könnte die große Abenteuerreise ein Symbol sein, ein Hilferuf der Seele, dass man sich in seinem bisherigen Leben schlicht unausgelastet fühlt, gelangweilt oder gar eingesperrt. Ähnliches kann passieren, wenn jemand in der Lebensmitte der vermeintlichen „Liebe des Lebens“ begegnet – und irgendwann feststellt: Nein, es geht hier gar nicht um Liebe. Sondern um Flucht aus den bisherigen Zuständen.

Sehnsüchte können mit der Macht einer Urgewalt daherkommen. Sie können Kraft zur Veränderung geben, wo das Leben in einer Sackgasse steckt. Oder auch das eigene Leben ruinieren – und das anderer gleich dazu. Insofern ist es ratsam, sich möglichst ehrlich  auf die Schliche zu kommen, bevor man Entscheidungen trifft. Helfen können Gespräche mit Vertrauten, Therapeutinnen oder Therapeuten, dem Pastor oder der Pastorin, ein Anruf bei der Telefonseelsorge – oder auch das Buch von Wolfgang Hantel-Quitmann, „Sehnsucht. Das unstillbare Gefühl“, Klett-Cotta.

Aber hinter den Sehnsüchten steckt möglicherweise noch etwas anderes. Etwas viel Tiefergehendes, Grundlegenderes. Auffällig ist, dass Sehnsüchte stets eine Utopie herbeisehnen; einen Idealzustand, von dem man ja schon ahnt, dass es ihn auf absehbare Zeit oder überhaupt in diesem Leben so niemals geben wird. Philosophie und Religion kleiden diese Erkenntnis in Bilder. So erzählt etwa Platon von den Kugelmenschen der Vorzeit, der chinesische Daoismus vom Yin und Yang. Und die Bibel vom verlorenen Paradies. So unterschiedlich diese Vorstellungen sind, sie haben eines gemeinsam: Sie versuchen zu erklären, woher das tiefe, ungestillte Sehnen in der Welt stammt.

Für den Apostel Paulus liegt die Sache klar auf der Hand: Die Menschen sehnen sich nach Gottes zukünftiger Welt. Sie tragen die Erinnerung an das verlorene Paradies in sich, sie seufzen geradezu danach, zu Gott zurückzukehren (2. Korinther 5). Auch die Psalmen kennen diesen „Durst“ nach Gott. Frieden, Freiheit, Hoffnung, Heilung, Ganzheit: All das ist Ausdruck der verschütteten Sehnsucht nach Gott. So heißt es in dem Lied „Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott“. Der Kirchenvater Augustinus formulierte „unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir“.

Alle Sehnsüchte der Menschen, so diffus sie sind, weisen letztlich auf das eine Sehnen des Menschen hin – die vielleicht schönsten Worte dafür fand der Dichter August Heinrich Hoffmann von Fallersleben. In dem Liedtext zu „Abend wird es wieder“ beschreibt er, wie die Welt sich zum Schlafen legt. Nur der Bach braust und fließt immer fort, er findet keine Ruh. „So in deinem Streben“, dichtet Fallersleben, „bist, mein Herz auch du: Gott nur kann dir geben wahre Abendruh“.

Per E-Mail empfehlen