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Foto by Tim Mossholder on Unsplash

Autor: Spitznamen sind mitunter Wertschätzung und Schmähung zugleich

epd-Gespräch

Daniel Staffen-Quandt (epd) | 7. Juli 2022

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Würzburg/Hildesheim (epd). Spitznamen sind - auch wenn sie mitunter boshaft und spöttisch gemeint sind - dem Autor Guido Fuchs zufolge auch eine Form von Wertschätzung. Wer mit solchen Namen bedacht werde, «wird zumindest von anderen wahrgenommen», sagte der frühere Würzburger Professor für Liturgiewissenschaften. Für sein neues Buch «Vorwiegend heiter bis boshaft» hat er sich mit Spitznamen in der Literatur befasst - etwa mit Wolfgang Herrndorfs Roman «Tschick», in dem sich der Ich-Erzähler Maik Klingenberg, der als Langweiler gilt, sehnlichst einen Spitznamen wünscht.

   Fuchs zufolge, der in Hildesheim ein privates Institut für Liturgie- und Alltagskultur betreibt, gibt es zwischen Spitznamen im öffentlichen und privaten Bereich nur wenig Unterschiede. Spitznamen wie «Birne» für Helmut Kohl oder «Mutti» für Angela Merkel gebe es auch im Privaten, der Unterschied liege lediglich «im Fokus der
Aufmerksamkeit», sagte er. In der Politik würden Spitznamen außerdem auch gezielt zur persönlichen Auseinandersetzung mit dem Gegner verwendet. So schmähten etwa die Konservativen den ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt als «Willy Weinbrand», erläuterte er.

   Auch im kirchlichen Bereich gebe es seit vielen Jahrhunderten immer wieder Spitznamen - auch hier vor allem als Mittel der kirchenpolitischen Auseinandersetzung, sagte Fuchs. So sei der evangelische Theologe Nikolaus Selnecker beispielsweise schon im 16. Jahrhundert als Anhänger Martin Luthers mit Spitznamen wie «Schelmlecker», «Seelnecator» (Seelenmörder) oder auch «Lutheräfflein» bedacht worden. Im Judentum übrigens seien Spitznamen laut Talmud - also laut der Auslegung der biblischen Gesetze - verboten, zumindest wenn es sich um herabwürdigende Bezeichnungen handle.

Info

Guido Fuchs (Hg.): Vorwiegend heiter bis boshaft: Spitznamen in der Literatur, Verlag Monika Fuchs, Hildesheim 2022.

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