hg
Bild vergrößern
Der Prophet Hese­kiel verspricht, dass Gott die Schuld vergangener Generationen nicht anrechnet. Jeder und jede kann aus den eigenen Fehlern lernen und sie korrigieren. Gott ermöglicht Umkehr. Immer und jederzeit. Das Fest des Lebens kann gefeiert werden, und Gottes Gebote bieten ein freies Leben. Tut Buße, sagt die Bibel. Wer dieser Spur folgt, sorgt für unbändige Freude im Himmel und hilft gleichzeitig dabei, die geschundene Erde zu einem besseren Ort zu machen. (Foto: JenkoAtaman)

Frei von Schuld

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 27 / 2022

Ralph van Doorn | 1. Juli 2022

Über den Predigttext zum 3. Sonntag nach Trinitatis: Hesekiel 18,1–4.21–24.30–32

Bild vergrößern
Der Prophet Hese­kiel verspricht, dass Gott die Schuld vergangener Generationen nicht anrechnet. Jeder und jede kann aus den eigenen Fehlern lernen und sie korrigieren. Gott ermöglicht Umkehr. Immer und jederzeit. Das Fest des Lebens kann gefeiert werden, und Gottes Gebote bieten ein freies Leben. Tut Buße, sagt die Bibel. Wer dieser Spur folgt, sorgt für unbändige Freude im Himmel und hilft gleichzeitig dabei, die geschundene Erde zu einem besseren Ort zu machen. (Foto: JenkoAtaman)
Bild vergrößern
Ralph van Doorn (58) ist Pfarrer in der E(vangelischen) S(tudierenden) G(emeinde) in Siegen.

Anzeige

Predigttext
1 Und des Herrn Wort geschah zu mir: 2 Was habt ihr unter euch im Lande Israels für ein Sprichwort: „Die Väter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden“? 3 So wahr ich lebe, spricht Gott der Herr: Dies Sprichwort soll nicht mehr unter euch umgehen in Israel. 4 Denn siehe, alle Menschen gehören mir; die Väter gehören mir so gut wie die Söhne; jeder, der sündigt, soll sterben. (…) 21 Wenn sich aber der Gottlose bekehrt von allen seinen Sünden, die er getan hat, und hält alle meine Gesetze und übt Recht und Gerechtigkeit, so soll er am Leben bleiben und nicht sterben. 22 Es soll an alle seine Übertretungen, die er begangen hat, nicht gedacht werden, sondern er soll am Leben bleiben um der Gerechtigkeit willen, die er getan hat. 23 Meinst du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen, spricht Gott der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich bekehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 24 Und wenn sich der Gerechte abkehrt von seiner Gerechtigkeit und tut Unrecht und lebt nach allen Gräueln, die der Gottlose tut, sollte der am Leben bleiben? An alle seine Gerechtigkeit, die er getan hat, soll nicht gedacht werden, sondern wegen seines Treubruchs und seiner Sünde, die er getan hat, soll er sterben. (…) 30 Darum will ich euch richten, ihr vom Hause Israel, einen jeden nach seinem Weg, spricht Gott der Herr. Kehrt um und kehrt euch ab von allen euren Übertretungen, damit ihr nicht durch sie in Schuld fallt. 31 Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel? 32 Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben müsste, spricht Gott der Herr. Darum bekehrt euch, so werdet ihr leben.

Ich bin irritiert! Vielleicht geht es Ihnen ähnlich, lieber lesender Mensch. Heißt es in den Zehn Geboten nicht, Gott werde die üblen Taten der Väter und der Mütter bei den Kindern derjenigen aufspüren, die Gottes Gebote mit den Füßen treten?

Bis in die vierte Generation werden nach 2. Mose 20,5 Kinder für das haftbar gemacht, was ihre Urgroßeltern an Schlechtem in die Welt setzten. Die Eltern essen saure Trauben, den Kindern werden die Zähne stumpf. Die Alten kochen ein übles Süppchen. Die Jungen müssen es auslöffeln.

Nicht böse gemeint

So ist es doch. Das wird doch überaus deutlich, wenn wir die Krisen unserer Zeit betrachten, die die ganze Welt in Atem halten. Die Alten helfen durch gar nicht böse gemeintes Verhalten dabei mit, dass den Kindern das Klima um die Ohren fliegt. Die Alten finanzieren Kriege mit geliehenem Geld, das die Jungen zurückzahlen müssen. Und wer sich Familiengeschichten anschaut, spürt sehr schnell: Das, was die früheren Generationen in den Sand setzten, knirscht heute im Getriebe.

„NEIN! SO wird es nicht mehr sein!“, behauptet Hesekiel („Gott wird fest und stark sein und es bleiben“ bedeutet der Name) im Namen Gottes. Gott verflucht sich lieber selber, als dem, was hinter dem Sprichwort steht, weiterhin Raum zu geben. Demnach kann es keine Kollektivschuld und auch keine Sippenhaft geben.

Vielmehr wird jedem Menschen zu jeder Zeit die rettende Chance geschenkt, sich zu bekehren – also umzukehren und dem Leben eine andere Richtung zu geben. Gott lädt also jede und jeden von uns ein zu einem Lebensfest, das durch die tiefe Freude geprägt ist, Recht und Gerechtigkeit zu durchdenken, zu besprechen, und schließlich zu tun.

Etwas ganz anderes versuchen

Mein Vater mag jemand gewesen sein, der rücksichtslos sein Ding durchzog und nur auf Kosten anderer lebte. So ließe sich in etwa das biblische Wort „Gottloser“ beschreiben. Mag sein, dass auch der Großvater den ihm anvertrauten Menschen in der Regel rücksichtslos oder gar brutal begegnete. Das bedeutet aber eben nicht, nun darauf festgelegt zu sein, als tyrannischer Giftzwerg durchs Leben gehen zu müssen.

Die Kinder von Eltern, die ihre kleine Welt eher zerstören als zum Guten hin aufbauen, werden von Gott dazu eingeladen, es eben ganz anders zu versuchen. Die Kinder der Kinder können und dürfen als „Gerechte“ durchs Leben gehen. Sie müssen also ihre je eigenen Interessen nicht dadurch durchsetzen, dass sie stets und ständig gierig nur ihren eigenen Vorteil sehen und so die Gemeinschaft zerstören. Ja, Gott hilft ihnen sogar dabei, das zerbrechliche Verhältnis von Schöpfungsgemeinschaft und Einzelnem gut zu balancieren.

 Die Sache mit der dritten und vierten Generation bleibt wichtig: Ich darf lernen, dass mein rücksichtsloses Verhalten nicht ohne Folgen bleibt. Aber ich werde eben nicht festgelegt.

Bekehrung meint Umkehr. Die Möglichkeit, umzukehren, steht auch hinter dem fremden Wort: Tut Buße. Wer dieser Spur folgt, sorgt für unbändige Freude im Himmel und hilft gleichzeitig dabei, die geschundene Erde zu einem besseren Ort zu machen.

Gebet

„Umkehren mache, DU, uns zu dir, dass wir heimkehren können, erneure unsre Tage wie ureinst!“ Gebet nach Klagelieder 5,21 (übersetzt durch Martin Buber)

Per E-Mail empfehlen