hg
Bild vergrößern
Der Entertainer Harald Schmidt wird im August 65 Jahre alt. (Foto: Daniel Sadrowski)

200 Jahre Pause für die Kirche

Interview

Aus der Printausgabe - UK 26 / 2022

Paula Konersmann | 25. Juni 2022

Entertainer Harald Schmidt über Depressionen, Glaube und Humor

Bild vergrößern
Der Entertainer Harald Schmidt wird im August 65 Jahre alt. (Foto: Daniel Sadrowski)

Anzeige

Im August wird Harald Schmidt, Kabarettist, Entertainer und Katholik, 65 Jahre alt. Bekannt geworden mit bissigem Humor, ist Schmidt seit über zehn Jahren Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Mit Paula Konersmann spricht er im Interview über die Wahrnehmung von Depressionen, die Krise der Kirche und seinen Umgang mit dem Älterwerden.

Herr Schmidt, bekannt sind Sie für Ihren Humor. Passt das zur Beschäftigung mit Depressionen?
Harald Schmidt: Das ist ja das Geniale. Wir haben genügend Trauerweiden, die von Beruf schlecht gelaunt sind, was sie dann mit Depression verwechseln. Dabei hat beides nichts miteinander zu tun. Die Aufmerksamkeit ist viel größer, weil man mich eben nicht damit in Verbindung bringt.

Ist das Thema in der Öffentlichkeit präsent genug?
Es kann nie genug sein, aber es ist jetzt doch ein Bewusstsein da. Immer mehr Menschen gehen damit in die Öffentlichkeit – man muss fast schon ein bisschen aufpassen, dass es nicht in die Richtung kippt, dass jemand, der Schwierigkeiten hat, sich am Markt zu halten, sagt: Dann oute ich mich mal als depressiv, dann reicht's schon für zwei Talkshows. Aber prinzipiell ist es natürlich sehr gut, wenn Aufklärung hergestellt wird.

Gibt es ein Vorurteil zu Depressionen, das Sie nicht mehr hören können?
In den letzten Jahren hat man nicht mehr gehört: „Der soll sich mal nicht so anstellen.“ Es ist klar, dass es eine Krankheit ist, die nicht damit zu therapieren ist, dass man mal ein Eis essen geht oder einen lustigen Film anschaut. Die Leute sind eher neugierig und fragen, was kriegst du denn da so mit? Ich gebe natürlich keine medizinischen Urteile ab, sondern gebe weiter, was ich zum Beispiel über Therapiemöglichkeiten weiß.

Was raten Sie jemandem, der befürchtet, dass ein Freund oder Angehöriger depressiv sein könnte?
Zuhören – und vielleicht auch konkret nachfragen. Das muss man natürlich mit Fingerspitzengefühl machen. Es ist wichtig, dass Betroffene schnell Hilfe bekommen. Dieses Verbergen – vor sich selber, vor der Familie, am Arbeitsplatz – kostet unter Umständen wertvolle Zeit.

Welche Rolle spielt Humor?
In meiner persönlichen Sicht eine große. Aber ich kann nicht jemandem sagen, der depressiv ist oder eine andere schwere Krankheit hat: Nimm's mal mit Humor. Die Frage ist, ob jemandem, der vorher ein humorvoller Mensch war, dieser Humor dann auch hilft – oder ob derjenige sagt, jetzt ist mir der Humor vergangen. Nach allem, was ich von Betroffenen an Schilderungen höre, wenn sie in einer depressiven Phase sind, ist mit Humor nicht viel gewonnen.

Sie sind auch ein gläubiger Mensch. Ist der Glaube eine hilfreiche Ressource?
Wenn jemand wirklich gläubig ist, dann hilft ihm das generell. Wer tiefgläubig ist, wird auch so eine schwere Krankheit als zum Leben gehörig empfinden. Aber dass ihm das aus der Krankheit heraushilft, das glaube ich nicht.

Wie erleben Sie die Kirchenkrise?
Die katholische Kirche ist in Deutschland im Untergehen begriffen: Rekordaustrittszahlen, ein kommunikatives Desaster nach dem anderen und kein Medienprofi  erkennbar, der das Ganze kanalisiert und steuert. Jeder sagt einen Halbsatz, der ihm gerade einfällt und der wieder korrigiert werden muss. Bei den Führungspersönlichkeiten sieht es ziemlich finster aus. Beispiel Kardinal Marx: Der kündigt an, ich trete zurück, dann kommt aus Rom: Klappe halten,weitermachen – und damit ist der Fall erledigt.

Aber?
Ich gehöre nicht zu denen, die die katholische Kirche mit Deutschland gleichsetzen. Rund um den Globus leben 1,2 Milliarden Katholiken, eine Weltkirche. Ich finde es immer toll, egal wo ich gerade bin, in einen katholischen Gottesdienst reingehen zu können. Auch wenn ich die Sprache überhaupt nicht verstehe, weiß ich, wo ich in der Liturgie bin. Und bei einem Gottesdienst in Südamerika oder auf den Philippinen, wo Armut und Elend herrschen, ist die Situation eine völlig andere als hier. Hauptziel hierzulande scheint zu sein, dass Frauen mit dem Kirchengemäuer kuscheln – das ist nicht mein Ding. Ich bin mehr von der Fraktion „Sixtinische Kapelle“.

Trotzdem scheint Ihnen die Kirche hierzulande nicht egal zu sein. Sind Sie wütend?
Nein, wütend nicht. Etwas, das auf Ewigkeit angelegt ist wie der Glaube, kann sich nicht allzu lang mit der Situation im Erzbistum Köln befassen. Wenn Sie die Zeitung aufschlagen, ist der nächste Skandal da: mal 1,5 Millionen hierhin, mal 500 000 Euro dorthin. Allerdings: Dass der verstorbene Kardinal Meisner über die Missbrauchsfälle eine Akte geführt hat mit dem Titel „Brüder im Nebel“, das hat mir unglaublich gut gefallen. Es ist nicht falsch: Aus Sicht von Kardinal Meisner oder von Professor Ratzinger wandern diese Brüder massiv im Nebel. Ich glaube aber nicht, dass sich der Nebel rasch lichtet, sondern dass überraschend noch eine Wand auftaucht, gegen die der eine oder andere krachen wird.

Könnte es der Kirche helfen, die Frohe Botschaft stärker in den Vordergrund zu stellen, wie oft gefordert wird?
Ich glaube nicht. Die Leute haben das Gefühl, das ist ein Sumpf. Und da rede ich von 80-jährigen Frauen, die niemals auch nur den Hauch eines Zweifels gehabt haben, die jetzt sagen: So geht's nicht weiter! Daher mein Vorschlag: Warum macht die katholische Kirche nicht mal 200 Jahre Pause?

Hat sie so viel Zeit?
Natürlich. Wir warten auf die Wiederkunft des Erlösers, und was zu hören und zu lesen ist, wird der eh erstmal aufräumen. Die Leute, die noch in die Kirche gehen, lesen nicht seitenlange Abhandlungen, sondern für sie ist das eine emotionale Sache. Und sie haben das Gefühl: Die Kirche vertuscht, die Kirche deckt Täter, und Opfer werden nicht ernst genommen. Dagegen kommen Sie mit Gutachten nicht an. Da muss der Herr im Tempel mal wieder sagen, wo es langgeht.

Themenwechsel. Ist Ironie, gewissermaßen Ihr Markenzeichen, noch so möglich wie früher?
Selbstverständlich. Sie müssen nur die Texte ein bisschen ändern. Die Haltung bleibt dieselbe. Sie können gewisse Sachen nicht mehr sagen, aber für mich ist es ein großer Spaß, den politisch korrekten Text zu lernen. Ich sage zum Beispiel nicht mehr, auf der anderen Straßenseite geht ein Chinese. Sondern ich sage: Da geht jemand, der von mir als Chinese gelesen wird. Das ist superkorrekt und macht mir einen wahnsinnigen Spaß. Ich stelle fest, dass viele diese hochoffizielle Formulierung noch gar nicht kennen. Mein Prinzip war schon immer: Herstellen von Chaos durch Befolgen von Anordnungen.

Wird durch die Auseinandersetzung mit Depression und Krankheit auch die eigene Vergänglichkeit greifbarer?
Schon, aber das hat eher etwas dem Alter zu tun. Ich werde jetzt 65, und da haut's natürlich im Umfeld viele weg. Ganz klar die Generation vor einem, 80 plus, aber auch in meinem Alter oder jünger. Darin hat der schöne Choral „mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ seinen Grund – und diesen Gedanken, „memento mori“ (lateinisch „Sei dir der Sterblichkeit bewusst“), kannten schon die alten Römer.

Per E-Mail empfehlen