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„An Tagen wie diesen wünsch‘ ich mir Unendlichkeit“: Für seine Musik gibt der „Tote Hosen“-Sänger Campino alles. (Foto: epd-bild/Wofgang Schmidt)

„Ein wahnsinniges Geschenk“

Aus der Printausgabe - UK 25 / 2022

Paula Konersmann | 22. Juni 2022

Campino, der Sänger der „Toten Hosen“, feiert runden Geburtstag, ebenso wie seine Band

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„An Tagen wie diesen wünsch‘ ich mir Unendlichkeit“: Für seine Musik gibt der „Tote Hosen“-Sänger Campino alles. (Foto: epd-bild/Wofgang Schmidt)

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Mit neuen Songs und einer Tournee feiern die Toten Hosen ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum. Auch eines ihrer bekanntesten Lieder haben sie neu aufgelegt – mit augenzwinkerndem Motto, da Campino nun tatsächlich 60 wird.

Das Lied, das ihr womöglich größter Hit werden sollte, wollte die Band zunächst gar nicht auf dem Album haben. Später erklang es in Fußballstadien, auf Hochzeiten und unerlaubterweise im CDU-Wahlkampf. „An Tagen wie diesen/Wünsch' ich mir Unendlichkeit“, heißt es darin. Vor zehn Jahren stand der Song nicht nur auf Platz 1 der deutschen Single-Charts, sondern auch in den Top Ten jener Lieder, die auf Beerdigungen besonders häufig gespielt werden. Am 22. Juni wird der Verfasser dieser Zeilen und Sänger der „Toten Hosen“, Campino, 60 Jahre alt.

„Eisgekühlter Bommerlunder“

Geboren 1962 als Andreas Frege in Düsseldorf, gründete Campino mit 20 Jahren die „Toten Hosen“. Das Trinklied „Eisgekühlter Bommerlunder“ wurde ein erster Erfolg; das Musikvideo dazu zeigt eine ausartende katholische Hochzeit. 1988 veröffentlichte die Gruppe das Album „Ein kleines bisschen Horrorschau“, das vor allem Bühnenmusik zum Theaterstück „A Clockwork Orange“ enthielt. Das Lied „Hier kommt Alex“ – inspiriert von der Hauptfigur des düsteren Zukunftsromans – sorgte für den Durchbruch.

Von Beginn an waren die Musiker auch für ihr politisches Engagement bekannt. 1983 tarnten sie ein Geheimkonzert in der DDR als Gottesdienst, worüber die ARD kürzlich eine Doku ausstrahlte. Zudem veröffentlichten sie immer wieder politische Songs, 1992 etwa „Sascha ... ein aufrechter Deutscher“  gegen Rechtsradikalismus oder 2012 „Europa“ über das Flüchtlingssterben auf dem Mittelmeer.

Mehrfach wurden die Musiker für diesen Einsatz ausgezeichnet. 2019 beschrieben sie im Song „Schwerelos“ das Schicksal einer Auschwitz-Überlebenden. Im Vorjahr hatte Campino sich im Rahmen der „Echo“-Preisverleihung – als Einziger – mit deutlichen Worten gegen Antisemitismus positioniert. Der Eklat führte zu einer Reform des Musikpreises.

2014 beteiligte sich die Band an einer Neuauflage des Charity-Hits „Do They Know It's Christmas“ zur Bekämpfung der Ebola-Epidemie in Westafrika. Kritiker warfen den Initiatoren vor, ein verzerrtes Bild von Afrika zu bestärken und menschliches Leid für die eigene Popularität zu benutzen. Campino wies diese Vorwürfe als zynisch zurück. Zuletzt bekundete er, angesichts des Krieges in der Ukraine habe er das Gefühl, dass „die Welt über uns“ zusammenstürze.

Seit Ende der 1990er Jahre zog es den Sänger, der die Texte der meisten „Hosen“-Songs verfasste, wiederholt ins Kloster. Er habe mit Mönchen schon „wahnsinnige Abende“ erlebt, sagte er einmal. Im Sender MDR Jump betonte er, er habe nichts gegen die Kirche.

Die Stimmung zu Weihnachten

Das könnten Hörer religionskritischer Lieder wie „Paradies“ (1996) durchaus vermuten. Darin heißt es: „Ich will nicht ins Paradies/Wenn der Weg dorthin so schwierig ist/Wer weiß ob es uns dort besser geht/Hinter dieser Tür?“. Etwa zu Weihnachten, so Campino weiter, gehe er durchaus in die Kirche, „einfach weil ich die Stimmung dort gerne mag“.

Mit Religion befasst er sich auch in anderen Liedern. Im Video zum neuesten Werk „Teufel“ tritt er in der titelgebenden Rolle auf. In „Die zehn Gebote“ (1996) wird Gott direkt angesprochen: „Wenn ich Du wär, lieber Gott,/Und wenn Du ich wärst, lieber Gott,/Würdest Du die Gebote befolgen/Nur wegen mir?“ Später erklärte Campino, das Thema Glaube habe ihn immer wieder umgetrieben. Im Namen des Glaubens hätten viele Menschen „unglaublich gute Sachen gemacht“, sagte er 2008 der Jugendzeitschrift „spiesser“.

In den vergangenen Jahren wurden Campinos Texte vielfach ernster, sein Privatleben nach eigenem Bekunden ruhiger. Auf dem Album „Laune der Natur“ (2017) spielt sogar der Tod eine zentrale Rolle. Das Leben sei „ein wahnsinniges Geschenk“, sagte der Musiker dem Magazin „Rolling Stone“: Man könne sich angesichts des unvermeidbaren Todes nur vornehmen, „das Hier und Heute so bewusst wie möglich zu zelebrieren“.

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