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Präses Annette Kurschus (Foto: EKvW)

„Kein Grund zum resignierten Fatalismus“

Landessynode der EKvW

EKvW | 13. Juni 2022

Präses Annette Kurschus warb für eine Kommunikation des Lernens

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Präses Annette Kurschus (Foto: EKvW)

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Bielefeld. Geradezu unanständig scheine es zuweilen zu sein, sich angesichts zahlreicher Probleme in der Welt über einen strahlenden Himmel und prangende Blüten zu freuen, so die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), Annette Kurschus, zu Beginn ihres Berichts, den sie traditionell am ersten Sitzungstag der Landessynode in Bielefeld vortrug. „Als dürfe es keinen Sommer geben mit seinen Freuden, wenn ganz in der Nähe Krieg ist. Aber doch, es ist Sommer. Und Gottes Versprechen gilt: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. (1. Mose 8,22).“

Annette Kurschus beschrieb die vielfältigen Belastungen, mit denen sich Menschen gegenwärtig auseinanderzusetzen hätten. Dabei sei das öffentliche Interesse zwischenzeitlich auf den Krieg in der Ukraine übergegangen, obwohl die Corona-Pandemie keineswegs vorbei sei. Man könne sich offenbar immer nur von einer Sache verrückt machen lassen, so die Präses. Diese erstaunliche Anpassungsfähigkeit an Katastrophen scheine menschliche Überlebensstrategie zu sein, zeige möglicherweise aber auch eine Unfähigkeit, mit Krisen umzugehen.

Als weitere Herausforderung komme im Bereich der Kirche hinzu, was zurzeit den technischen Namen ‚Transformationsprozess‘ trage. „Der beschäftigt uns in unterschiedlichsten Facetten“, so Kurschus, „will gestaltet und gesteuert und verantwortet sein und erzeugt – da dies alles zusammen eine einzige Überforderung darstellt – hoch emotionale Wallungen.“ Und doch helfe es nicht, diesen Zustand zu beschweigen, „oder seine Beschreibung als fruchtloses Jammern über kollektive ‚Befindlichkeiten‘ abzutun.“ Wach angehen und verändern lasse sich nur, was ehrlich wahrgenommen werde und offen zur Sprache komme.

Kurschus verwies auf eine gesellschaftliche Betrachtung des Soziologen Hartmut Rosa, der analysiert habe, wie spätmoderne Menschen darauf fixiert seien, alles beherrschen zu wollen und nichts dem Zufall zu überlassen. Auf diese Weise werde versucht, „das Unverfügbare verfügbar zu machen.“ Als Folge beschreibt Rosa einen „rasenden Stillstand“.

Für sie, so Annette Kurschus, zeigten Rosas Überlegungen den Kern des christlichen Glaubens auf: „Wir sind Menschen und nicht Gott. Wir sind verletzliche, sterbliche Geschöpfe. Es hilft – wie Jesus sagt – dem Menschen nichts, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber Schaden nimmt an seiner Seele.“

So gebe es keinen Grund zum resignierten Fatalismus, so die Präses. „Im Gegenteil: Unverfügbarkeit ist weder Fluch noch böses Schicksal. Sie gehört wesentlich zu unserem geschöpflichen Sein. Es bedeutet einen Gewinn für unser Leben, die Unverfügbarkeit einzubeziehen in die Weise, wie wir reden und diskutieren, wie wir entscheiden und handeln.“

Die Möglichkeit des Unmöglichen einzubeziehen erweise sich als rettungsvoll realistisch, so die Präses. „Es ist weise und redlich, nicht dumm und unentschlossen, wenn wir zugeben, in den großen Fragen des Lebens keine leicht fertigen und darin leichtfertigen Antworten zu haben.“

So warb die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen für eine öffentliche Kommunikation, die nicht der üblichen binären Logik von ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ folge. „Wir brauchen eine Kommunikation, die es zulässt, Meinungen zu ändern – ohne dass es gönnerhaft als unentschiedenes Schwanken belächelt oder mit Häme als Schwäche aufgespießt wird“, postulierte die Präses. Dabei gelte es auch, das Fehlen eindeutiger Antworten auszuhalten – nicht nur in der Frage nach Waffenlieferungen an die Ukraine.

„Wir brauchen eine Kommunikation, die es erlaubt zu lernen“, so die Präses. Das biblische Wort für ‚Jünger‘ bedeute im Originaltext eigentlich ‚Schüler‘. So seien Jesus und die Zwölf im Kern eine Lerngemeinschaft, der Taufbefehl aus dem Matthäusevangelium die Aufforderung, diese Lerngemeinschaft weltweit zu erweitern. „Angesichts der Unverfügbarkeit der Welt ist Lernen nicht nur eine Stärke, Lernen ist ein Muss. Wir brauchen eine Kommunikation, in der nicht als ratlos gilt, wer auf eine komplexe Frage keine schnelle Antwort weiß, sondern stattdessen zwei neue Fragen stellt“, postulierte die Leitende Theologin.

Gleichwohl, so Annette Kurschus, müssten Entscheidungen getroffen, Fragen beantwortet werden. Für Christinnen und Christen biete das Gebet eine unverzichtbare Kraftquelle. Aber sie hätten nicht nur mit Gott zu reden, sondern auch die klare Pflicht, in die Welt hinein zu sprechen. Die Bibel gebe dafür den Kompass. Sie lasse offensichtliche Widersprüche nebeneinander stehen und hebe sie in einer größeren Wahrheit auf. So könne und dürfe man politische Optionen nicht direkt aus der Bibel ableiten. Stattdessen gelte es anhand dieses Kompasses immer neu auszuloten, wie man Recht und Würde von Menschen verteidigen und sich für den Frieden einsetzen könne.

Annette Kurschus: „Es stimmt: Die Verteidigung von Freiheit und Recht ist einen engagierten Streit wert. Aber dieser Streit muss sich unterscheiden von der Logik machtvoller Überwältigung, bösartiger Unterstellung und hasserfüllter Abwertung derer, die anders denken.“ Gerade in der gegenwärtigen Auseinandersetzung um Krieg und Frieden könne es Aufgabe von Christinnen und Christen sein, sich als Anwälte und Anwältinnen der Unverfügbarkeit zu verstehen - dem Nichtwissen das Wort zu geben, der Skepsis ihr Recht einzuräumen, dem Zweifel den Platz freizuhalten.

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