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Foto: www.shutterstock.com/NextMarsMedia /TSEW

Was zu Pfingsten begann

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 23 / 2022

Anke von Legat | 6. Juni 2022

Komplizierte Erklärungen helfen kaum weiter, wenn es um Gott, den Heiligen Geist, um Leben und Tod geht. Erzählen dagegen hilft, Gott und die Welt zu verstehen

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Alle Menschen lieben Geschichten. Das fängt schon früh an: Kinder sind begeisterte Geschichtenhörer. Ganz versunken können sie lauschen, wenn von Drachen, Zauberwesen oder sprechenden Tieren die Rede ist, von Abenteuern, Streichen oder Heldentaten. Genauso gern hören sie Geschichten, die das Leben spielt: wie Opa die Oma auf der Straße ansprach; wie Mama der Gummistiefel in den Teich fiel oder wie sie selbst früher am selben Keks geknabbert haben wie der Hund.

Geschichten spiegeln für Kinder eigene und fremde Erfahrungen und Gefühle und helfen dabei, die Welt zu verstehen; ganz konkret und ohne komplizierte theoretische Erklärungen.

Auch Erwachsenen lassen sich noch gerne Geschichten erzählen. Erfundene, aber auch solche aus dem wahren Leben. Denn die Erfahrungen anderer Menschen zeigen: Der oder dem ist es in dieser Situation ganz ähnlich gegangen wie mir. Oder auch ganz anders. Beides hilft, wenn es darum geht, das eigene Leben zu betrachten, zu gestalten, zu leben.

Das gilt ganz besonders für Glaubensgeschichten. In ihnen zeigt sich das Wirken des Heiligen Geistes – viel einfacher und deutlicher als in allen Erklärungsversuchen, mit denen sich die theologische Wissenschaft und manche Predigt so schwer tun. Denn der Geist lässt sich nicht in unsere menschliche Logik einordnen, und Formeln und Theorien fassen Gott nicht. Alle Systeme bleiben unbefriedigend, abstrakt und damit letztlich lebensfremd.

Greifbar werden Gottes Gegenwart und sein Wirken dagegen dann, wenn wir davon erzählen, wie wir sie erlebt haben. Darum besteht die Bibel überwiegend aus Geschichten, und christliche Gemeinden sind Gemeinschaften, in denen das Teilen von Glaubensgeschichten grundlegend dazugehört.

Was sind unsere Glaubensgeschichten? Es mag manchmal so scheinen, dass wir da wenig zu erzählen haben. Aber wenn wir zurückdenken, tauchen doch Gottesbegegnungen auf, die das Weitererzählen lohnen: Da war das Gespräch an einer entscheidenden Stelle im Leben, das wir als Gottesgeschenk empfunden haben. Die Wanderung durchs Moor, auf der das Herz über die Schönheit der Schöpfung jubelte. Die Stunden am Sterbebett der Eltern, in denen Choräle Trost schenkten. Der Freund, der wie ein Engel in schwierigen Jahren an unserer
Seite war.

Solche Erlebnisse sind Glaubensgeschichten, die wir miteinander teilen können – auch wenn sie von Hilflosigkeit oder Scheitern handeln. Für den einen können sie zur Seelsorge in einer ähnlichen Situation werden, für die andere zur Verkündigung, weil sie Gott am Werk sieht im Leben eines Menschen. In diesem Sinne ist Erzählen Predigen des Evangeliums.

Mit dem Pfingstereignis fing es an, als die Jüngerinnen und Jünger erstmals öffentlich von ihren Erfahrungen mit Jesus berichteten – und heute reihen wir uns ein in die Reihe derer, die von Gott erzählen. Ein ermutigender Gedanke, der dazu einlädt, bei der nächsten Gelegenheit selbst zur Erzählerin oder zum Erzähler zu werden.

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