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Oberstes Gebot polnischer Gastfreundschaft: Das Essen muss reichen – also muss von allem viel zu viel da sein. Nicht nur beim Festmahl am Weihnachtsabend. (Foto: zi3000)
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Nur nicht lumpen lassen

Aus der Printausgabe - UK 23 / 2022

Steffen Möller | 4. Juni 2022

Die polnische Gastfreundschaft kann überwältigend sein – es gelten aber strenge Regeln. Ein Verhaltenskodex

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Oberstes Gebot polnischer Gastfreundschaft: Das Essen muss reichen – also muss von allem viel zu viel da sein. Nicht nur beim Festmahl am Weihnachtsabend. (Foto: zi3000)
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Steffen Möller beleuchtet in seinen Programmen das deutsch-polnische Verhältnis mit einem Augenzwinkern (Foto: Steffen Möller/Polnische Paartherapie)
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Steffen Möller: „Viva Polonia” - über Aberglaube, Gastfreundschaft, Verschwörungstheorien, Liebe und vieles mehr. Piper-Verlag; 384 Seiten; 12 Euro. ISBN: 978-3-492-30673-7.

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Die Bilder gastfreundlicher Polen, die geflüchtete Menschen aus der Ukraine aufnehmen, gingen vor einigen Wochen erst um die Welt. Der Kabarettist Steffen Möller, Wanderer zwischen Deutschland und Polen, kennt diese Gastfreundschaft sehr gut – und wirft einen humorvollen Blick darauf.

Wo immer auf Erden Vergleiche zwischen deutscher und polnischer Kultur angestellt werden, fällt der Begriff der Gastfreundschaft als erster. Die Lage scheint ja auch völlig klar zu sein: Die Deutschen sind die Geizhälse, die Polen die Gastfreundlichen. Kein deutscher Ehemann, der nicht von seiner polnischen Familie tagelang bewirtet worden wäre, keine Polin, die bei ihren deutschen Schwiegereltern nicht von einem Entsetzen ins nächste getaumelt wäre, weil ihr nicht mal eine zweite Salamischnitte angeboten wurde.

Gastgeber müssen sich ins Zeug legen

Gastgeber müssen sich für ihre polnischen Gäste ins Zeug legen. Das fängt schon bei der Verabredung des Termins an. Wenn der deutsche Gastgeber umständlich im Kalender herumsucht und jammert: „Nee, am Dienstag ist Zahnarzt, am Mittwoch Männergruppe, und am Donnerstag brauche ich Ruhe“ – dann vergeht dem polnischen Gast schon die Lust. Einen solchen Planungsfetischismus ist er nicht gewohnt. Wenn hier einer den Termin bestimmen darf, dann ist er es! Man sollte als Gastgeber auch nicht fragen, wie viele Kartoffeln der Gast zu essen pflegt. Alle Eventualitäten müssen einkalkuliert werden, und das heißt im Klartext: Es muss viel zu viel Essen da sein.

Nun ist der große Abend gekommen. Man hat mittlerweile drei andere Termine abgelehnt und eine Viruserkankung überlebt, aber tapfer durchgehalten. Verschieben darf nämlich nur der Gast! Und dann das! Das Essen dampft, der Wein ist entkorkt, aber die Polen verspäten sich. Sie rufen nicht einmal an, um sich für ihre Verspätung zu entschuldigen. Mit eiserner Geduld muss das Essen warmgehalten werden.

Gespieltes Erstaunen: Hunger? Nein!

Und wenn die Gäste endlich eintrudeln und sich mit vagen Worten entschuldigen, muss der Gastgeber entrüstet sagen: „Ach was, Hauptsache, ihr seid gesund durch den Verkehr gekommen!“ Nun führt man die Gäste an den vollgeladenen Tisch. Sie werden Erstaunen mimen und sagen, dass sie eigentlich rein gar nichts essen wollten.

Bei deutschen Gästen wäre das die pure Wahrheit (denn sie haben ja zu Hause schon vorgegessen), doch bei den Polen darf die Erklärung nicht für bare Münze genommen werden. Seit Stunden freuen sie sich auf ein reichhaltiges Essen, haben möglicherweise auf das Mittagessen verzichtet, um abends guten Appetit zu haben. Das tun sie nicht, um ein paar Euro zu sparen, sondern weil sie den Gastgeber nicht kränken wollen, indem sie seinen Speisen zu wenig zusprechen.

Wenn sie sich dann endlich, nach dreimaligem Drängen des Gastgebers, dazu bereit erklärt haben, wider Erwarten doch eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen, darf das Essen serviert werden. Sobald eine Schüssel leer zu werden droht, holt man eilends Nachschub aus der Küche. Im Notfall müssen Knabberzeug, Oliven, Käse oder Brot aufgefahren werden. Hauptsache, der Tisch wird niemals leer, weil die Gäste das als eine indirekte Andeutung empfinden würden, dass die Konversation mit ihnen ein Fiasko ist. Im Idealfall sollte auch um zwei Uhr morgens noch ein Überraschungsdessert aus dem Kühlschrank gezaubert werden.

Falls der Gastgeber zu diesem Zeitpunkt schon todmüde ist, muss er sich Streichhölzer unter die Lider klemmen. Seine letzte, größte Aufgabe besteht nämlich darin, den furchtbaren Moment des Abschieds bis ins Unendliche hinauszuzögern. Nur die Gäste dürfen vorsichtige Andeutungen machen, dass sie so langsam mal gehen möchten. Dann muss seitens der Gastgeber abgrundtiefes Beleidigtsein markiert werden: „Wie bitte? Unmöglich!“ – „Na gut, weil es so schön ist, bleiben wir halt noch ein Weilchen.“ Ab dem Wort „Weilchen“ sind es noch zwei Stunden. Jetzt nicht die Nerven verlieren!

Ein absolutes Tabu wäre es, den Tisch abzuräumen, solange die Gäste noch da sind. Oder in der Küche schon mal mit dem Abwasch zu beginnen. Das geht gar nicht.

Beim Abwasch kommen die heiklen Themen

Korrekt läuft es so: Das benutzte Geschirr wird diskret weggeschafft und in der Küche gestapelt. Wenn die Gäste halbwegs ihre Pflichten kennen, werden sie irgendwann, so gegen halb drei Uhr morgens, hinterherkommen und anbieten, beim Abwasch zu helfen. Der Gastgeber lehnt selbstverständlich ab, drückt den Gästen am Ende aber doch noch ein Geschirrtuch in die Hand. Beim Abtrocknen werden dann übrigens die heikelsten Themen des Abends besprochen. Sollten die Gäste anschließend immer noch nicht gehen, muss man ihnen eine Bettstatt anbieten. Und wenn sie einwilligen und fragen, ob sie ein Kissen bekommen können — Pech! Dann hatte man keine Polen, sondern Russen zu Gast.

Auch die katholische Kirche ist übrigens souveräne Gastgeberin. Sehr im Unterschied zum bemühten Engagement deutscher, vor allem protestantischer Kirchengemeinden, ist sie dem Credo verhaftet: leben und leben lassen. Beim Besuch einer Sonntagsmesse bekommt der Besucher nicht etwa einen sauber gedruckten Ablaufplan des Gottesdienstes in die Hand gedrückt. Es gibt gar nichts, noch nicht mal einen schlampig kopierten Zettel.

Gastfreundschaft in der Kirche: unaufgeregt

Es steht auch niemand da, sei es ein freundlich lächelnder Kirchenältester oder ein dienstbeflissener Küster, der dezent auf das Regal mit den Gesangbüchern hinweist. Die sind noch nicht einmal in ausreichender Zahl vorhanden.

Die Liedtexte werden deshalb per Overhead-Projektor an die Wand geworfen, schlecht lesbar, von den dicken Säulen halb verdeckt. Am besten kennt man die Texte folglich auswendig. Und wenn nicht, ist das auch nicht peinlich. Es gibt genug andere Leute, die sie singen können. Und genau das ist für mich das Angenehme an der katholischen Kirche Polens: Nichts ist peinlich, niemand steht taxierend am Eingang, nichts wird erklärt – diese Kirche wirkt frei von Belehrungen und Komplexen.

Ganz anders verhält sich die Sache als Gast im privaten Rahmen. Hier gelten strenge Pflichten. Außer Blumen für die Gastgeberin müssen Gäste vor allem Zeit und Geduld mitbringen. Selbst wenn sie am liebsten nach zwei Stunden verschwinden würden, müssen sie sich zusammenreißen und eifrigst den Speisen zusprechen.

Innerhalb der eigenen Familie kann dies ein besonderes Gefühl der Unfreiheit erzeugen, weil hier der Faktor Liebe hinzukommt. Ist es nicht liebenswert, dass der Schwiegervater jeden Morgen um sechs zu einem Bauernhof radelt, um dort frische Milch zu holen, nur weil der deutsche Schwiegersohn mal gemurmelt hat, dass er den Kaffee gerne mit frischer Milch nimmt? Wer würde da so herzlos sein und plötzlich damit ankommen, dass er statt zu frühstücken am liebsten bis elf Uhr schlafen würde? Unmöglich!

Den deutschen Partnerinnen und Partnern fehlt es mangels kultureller Sozialisierung an familiärer Demut. Stattdessen melden sie ein fast aggressives Bedürfnis nach Alleinsein an. Verzweifelt appelliere ich an alle polnischen, türkischen oder sonstigen Partnerinnen und Partner deutscher Individualisten: Seht es positiv! Wenn die Bedeutung der Familie klein ist, bringt euch zwar der deutsche Schwiegerpapa morgens keine frische Milch mit, strickt die deutsche Schwiegermama euren Kindern keine Wintermützchen, doch könnt ihr dafür länger schlafen, müsst an Weihnachten nicht alle Verwandten bis ins dritte Glied besuchen und habt sogar noch Zeit, einen großen Freundeskreis zu pflegen oder eure Kinder in den Fußballverein zu bringen.
Und auf diese Weise wird am Ende mal wieder nicht Polen und auch nicht die Türkei, sondern eben doch Deutschland Weltmeister.

Steffen Möller: „Viva Polonia” - über Aberglaube, Gastfreundschaft, Verschwörungstheorien, Liebe und vieles mehr. Piper-Verlag; 384 Seiten; 12 Euro.
ISBN: 978-3-492-30673-7.

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