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Mit einer Plakat-Kampagne haben beide großen Kirchen 2021 ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. Mit der Initiative sollte zugleich auf die Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Christentum hingewiesen werden. (Foto: epd-bild/Christian-Ditsch.de)
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Himmlische Gaben für Juden und Christen

Christian Feldmann (epd) | 5. Juni 2022

Was das christliche Pfingsten und das jüdische Schawuot verbindet

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Mit einer Plakat-Kampagne haben beide großen Kirchen 2021 ein Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. Mit der Initiative sollte zugleich auf die Gemeinsamkeiten zwischen Judentum und Christentum hingewiesen werden. (Foto: epd-bild/Christian-Ditsch.de)

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Es sind starke Botschaften: An Pfingsten feiern Christen den Heiligen Geist, Juden erinnern zu Schawuot an die Übergabe der Tora. Beide Feste hängen in den biblischen Berichten zusammen, und dieses Jahr wird sogar am gleichen Tag gefeiert.

Frankfurt a. M. (epd). Juden und Christen feiern 50 Tage nach Pessach und Ostern ein Geschenk des Himmels: die Juden die Gabe des Gesetzes, der Tora, die Christen die Sendung des Heiligen Geistes. 2022 fallen beide Feste, Schawuot und Pfingsten, am 5. Juni zeitlich zusammen.

   Pfingsten und Ostern sind Beispiele für die vielen Gemeinsamkeiten zwischen jüdischen und christlichen Festen, die lange jüdische Vorgeschichte christlicher Riten. Es war die jüdische Pessachfeier, zu der Jesus nach Jerusalem kam, wo er verraten und gekreuzigt wurde. Und 50 Tage nach dem Kreuzestod und der Auferweckung Jesu, an die man an Ostern erinnert, war es dann das jüdische Fest Schawuot, an dem die Jünger und Jüngerinnen sich in Jerusalem versammelt hatten,
desorientiert und traurig, weil sie ihr Messias scheinbar verlassen hatte.

   Eine Legende veranschaulicht den doppelten Sinn des uralten jüdischen Schawuot-Festes: Als Gott die Hebräer von der ägyptischen Fron befreit hatte und Mose das Gesetz übergab, erstrahlte der Berg Sinai plötzlich in frischem Grün. Denn Schawuot sollte im «Gelobten Land» auch ein Frühlingsfest werden, an dem man die ersten Früchte und Weizengarben des Jahres im Jerusalemer Tempel opferte.

   In traditionsbewussten jüdischen Gemeinden schmückt man an Schawuot heute noch Synagogen, Schulen und Kindergärten, Häuser und Wohnungen mit Blumen und Zweigen, buntem Gemüse und Weizenähren. Das hebräische «Schawuot» heißt schlicht und einfach «Wochen». Denn zwischen Pessach, dem Beginn der Gerstenernte, und Schawuot, dem Beginn der Weizenernte, liegen exakt sieben Wochen - genau wie zwischen Ostern und Pfingsten.

   Schawuot gehört auch zu den ehrwürdigen Wallfahrtsfesten, an denen die Kinder Israels zum Tempel und zum Grab des Königs David auf dem Berg Zion pilgerten. Seit einiger Zeit versucht man diese Tradition wiederzubeleben: Bei Sonnenaufgang ziehen Hunderte Menschen zur Klagemauer, um dort Gottesdienst zu feiern. In den Synagogen liest man an Schawuot das Buch Rut, das eine Liebesgeschichte während der Weizenernte erzählt.

   Vor allem aber ist Schawuot das Fest der Erinnerung an die Verkündigung der Gebote. Während der Wüstenwanderung der aus Ägypten geflohenen hebräischen Stämme soll Mose am Berg Sinai diese Gebote erhalten haben - und zwar nicht einfach Steintafeln mit zehn ehernen Sätzen wie es in alten Bibel-Monumentalfilmen zu sehen ist, sondern bereits auch die «mündliche Tora», die Auslegung der biblischen fünf Bücher Mose.

   Seit der Übergabe der Gebote dürfen sich die Juden als «auserwähltes Volk» verstehen, als Zeuge Gottes und seines Bundes vor aller Welt. Die Gebote können verstanden werden als Manifest der Menschenwürde, als Markierungen, wie Menschen miteinander, mit der Natur, mit fremdem Leben umgehen sollen.

   «Wie aber mit der Handvoll Zeichen notfalls die Worte aller Sprachen der Völker geschrieben werden konnten», formulierte es Thomas Mann in seinem amerikanischen Exil, «und wie Jahwe der Gott der Welt war allenthalben, so war auch, was Mose zu schreiben gedachte, das Kurzgefasste, von solcher Art, dass es als Grundweisung und Fels des Menschenanstandes dienen mochte unter den Völkern der Erde - allenthalben.»

   Als sich die verzagten Jünger und Jüngerinnen Jesu an jenem Schawuot-Tag 50 Tage nach Jesu Kreuzestod und Auferweckung versammelten, erlebten sie den Heiligen Geist. Es erhob sich ein wildes Brausen vom Himmel, so wird es in der biblischen Pfingstgeschichte erzählt. Es zeigte sich ein Gott, der ihnen Feuer, Einsicht und Mut ins Herz gab und aus Verängstigten Propheten machte.

   Bald nach diesem ersten Pfingstfest begannen sie in die Welt hinaus zu wandern und die Botschaft von Gott zu verbreiten, der ihnen in Jesus sein Gesicht gezeigt hat. «Er ist die ausgestreckte Hand Gottes», sagt der Münchner katholische Dogmatiker und Ökumeniker Bertram Stubenrauch über den Heiligen Geist. «Er ist der verschenkte Gott. Er führt uns über uns hinaus, und er führt uns dadurch in die Nähe Gottes.» Und das Wirken des Heiligen Geistes, der Menschen offenbar komplett zu verwandeln vermag, passt noch heute ganz gut zur Freude der Juden über das Geschenk der Tora.

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