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Tagebücher bieten eine gute Möglichkeit, sich an besondere Zeiten im Leben zu erinnern. (Foto: mimagephotos)

„Wie ein gehobener Schatz“

Aus der Printausgabe - UK 22 / 2022

Angelika Prauß | 28. Mai 2022

Buchautorin Bettina Tietjen über die Tagebücher ihrer Jugend

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Tagebücher bieten eine gute Möglichkeit, sich an besondere Zeiten im Leben zu erinnern. (Foto: mimagephotos)
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Bettina Tietjen (Foto: © Sebastian Fuchs / Piper Verlag)

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Viele Menschen führen Tagebuch, so auch TV-Moderatorin Bettina Tietjen in ihrer Jugend. Über die Begegnung mit ihrem jüngeren Ich hat Tietjen nun ein Buch geschrieben. Im Gespräch mit Angelika Prauß berichtet sie, was sie dabei über sich selbst gelernt hat und was sie der jungen Bettina heute mit auf den Weg geben würde.

 

Frau Tietjen, was hat Sie im Mai 1974 bewogen, mit dem Tagebuchschreiben anzufangen?
Bettina Tietjen: Wenn ich das noch wüsste, ich war damals 14. Ich habe mir wohl Dinge von der Seele schreiben wollen, die mich beschäftigt haben und die ich loswerden wollte. Gerade in dem Alter macht man sich ja viele Gedanken und Sorgen. Offensichtlich brauchte ich dafür etwas anderes als meine Schwestern, Freundinnen oder Eltern. Bestimmte Gedanken und Fragen wollte ich nur meinem Tagebuch anvertrauen.

Wie kam es jetzt zu Ihrem neuen Buch?
Mit Anfang 60 macht man sich schon mal Gedanken über das, was war und was noch kommt. Die Kinder sind aus dem Haus, man versucht vielleicht beruflich etwas kürzer zu treten und denkt so über das Leben nach. Ich habe mich gefragt, wie ich mich entwickelt habe und was aus meinen Freunden von früher geworden ist. Und je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto mehr fielen mir diese Tagebücher ein. Parallel dazu fragte mich mein Verlag, ob ich nicht mal ein neues, autobiografisches Buch schreiben wolle. Für diese Zwischenbilanz brauchte ich die neun Tagebücher,die ich im Alter zwischen 14 und 31 geschrieben habe.

Sie haben Ihre alten Tagebücher aber erst nach einer intensiven Suche wiedergefunden. Warum war es Ihnen so wichtig, Ihr jüngeres Ich wiederzuentdecken?
Ich glaubte, ohne diese Aufzeichnungen nicht richtig zurückblicken zu können. Man weiß ja, wie oft die Erinnerung verfälscht wird. Dinge, von denen man glaubt, dass sie ganz genau so waren, waren tatsächlich ganz anders. Also habe ich in unserem Haus wochenlang alles auf den Kopf gestellt, bis ich sie schließlich gefunden habe. Es war dann eine abenteuerliche Reise für mich, diese Person, die ich in diesen Tagebüchern entdeckt habe, wiederzuentdecken.

Was haben Sie über sich als junge Frau erfahren?
Ich war sehr nachdenklich und habe mir viele Sorgen gemacht über die Zukunft, den Sinn des Lebens, die verstreichende Zeit, die ich vielleicht nicht optimal nutze und ausschöpfe. Auch die Liebe zieht sich wie ein roter Faden durch meine Tagebücher; ich habe mir immer Sorgen gemacht, warum ich nicht den richtigen Mann finde. Und ich habe – nicht nur durch mein Studium – viel gelesen und Zitate aufgeschrieben, weil ich mich identifiziert habe mit Balzac, Goethe, Dostojewski. Ich habe sogar seitenweise Sonette von Shakespeare abgeschrieben – mit dem Vermerk: „ein Seelenverwandter, er hat auch nach der Liebe gesucht und sie nicht gefunden“. Ich musste sehr lachen. Meine Aufzeichnungen haben mich dazu angeregt, mal wieder über wesentliche Dinge nachzudenken, die in den vergangenen 30 Jahren keine Rolle mehr für mich gespielt haben, nachdem ich meinen Mann getroffen habe und Kinder hatte.

Sie schreiben, dass ein Blick zurück auch ein Blick nach vorne sein kann. Wie meinen Sie das?
Ich habe von meinem jüngeren Ich gelernt, mir mal wieder gewisse Gedanken zu machen. Zum Beispiel, wie gestalte ich mein Leben, und was mache ich eigentlich mit meiner Zeit? Ich glaube, dass ich seitdem etwas bewusster lebe. Als junge Frau habe ich ohne Ende Ausstellungen besucht, viele Filme angesehen, bin ständig ins Theater gegangen. Solche Dinge machen wir heute kaum noch, sondern gehen lieber an der Nordsee spazieren oder fahren mit dem Wohnmobil los. Zum Leidwesen meines Mannes möchte ich nun wieder mehr Hochkultur in unser Leben lassen. Aber es gibt auch etwas, das mein jüngeres Ich von meinem heutigen Ich lernen könnte: einfach mal zu entspannen und loszulassen und nicht immer darüber nachzudenken, was wohl sein wird.

Sie schreiben, dass auch der Glauben immer wieder Thema in ihrem Leben war. Hat Sie diesbezüglich etwas besonders berührt?
Ich bin christlich erzogen worden, aber in einer Freikirche, die sehr streng nach der Bibel lebt – ohne Liturgie, Schmuck und kirchliche Feiertage. Da war ich oft im Zwiespalt, weil ich sehr geprägt war von dem extremen Sünderbewusstsein, dass man sich bekehren muss, um dem lieben Gott zu gefallen. Andererseits hatten wir auch Freunde, die nicht in dieser strenggläubigen Gemeinde waren. Selbst zu Beginn meines Studiums habe ich mich noch gefragt, ob ich ausreichend gottgefällig lebe.

Aber nicht alle in Ihrer Familie gehörten der Freikirche an...
Das stimmt. Deshalb habe ich mir zum Beispiel auch viele Gedanken gemacht über meinen Großvater mütterlicherseits. Er war Atheist und Kommunist und hatte mit Gott rein gar nichts am Hut. Opi hat immer gesagt: „Was rennt ihr dahin in diese Gemeinde, so ein Quatsch.“ Als er dann mit 89 gestorben ist, habe ich mich gesorgt, wo er nun ist und was mit ihm passiert, weil er doch eine verlorene Seele war. Seitenlang habe ich mir darüber Gedanken gemacht. Aber ich kam zu dem Schluss, dass er weder im Himmel noch in der Hölle ist.

Wie regelmäßig haben Sie Tagebuch geschrieben?
Meine Aufzeichnungen sind Momentaufnahmen. Ich habe mal jeden Tag geschrieben, dann wieder wochenlang gar nicht. Meist habe ich geschrieben, wenn es mir schlecht ging, wenn ich besorgt, bedrückt und allein war, bestimmt auch oft nachts oder spätabends. Das sind Schlaglichter auf ein Seelenleben, das nicht immer mit sich im Reinen war. Das ist heute bei mir ganz anders. Da tat mir mein jüngeres Ich rückblickend manchmal schon ein bisschen leid.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass sie die Aufzeichnungen von Ihrer Jugendzeit haben?
Das ist mir sehr wichtig. Ich habe die Tagebücher mindestens zweimal komplett durchgelesen und durchgearbeitet, das war wie ein gehobener Schatz für mich. Das hatte etwas von einer Katharsis, einem therapeutischen Prozess. Die einen gehen zum Psychiater, wenn sie etwas mehr über sich erfahren möchten. Wenn man aber so etwas hat wie diese Tagebücher, dann braucht man kein Gegenüber, das einem in einem therapeutischen Gespräch die ganze Jugend zurückruft. In meinen Tagebüchern habe ich sie ja schwarz auf weiß. Ich habe dabei viel über mein Leben gelernt, über den Prozess, den ich bis zum 31. Lebensjahr durchgemacht habe. Und daraufhin habe ich mir Gedanken gemacht, was denn in den 30 Jahren danach war.

Haben die wiedergefundenen Tagebücher jetzt einen Ehrenplatz bei Ihnen?
Auf jeden Fall! Sie stehen direkt neben meinem Schreibtisch und ich überlege, sie neu binden zu lassen, damit sie nicht auseinanderfallen. Die sind ein Schatz, den ich nie wieder aus den Augen lassen werde.

Bettina Tietjen: Früher war ich auch mal jung. Eine Zeitreise durch meine Tagebücher. Piper, München 2022, 301 Seiten, 22 Euro.

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