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Über Bitten und Verstehen

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 22 / 2022

Gerd-Matthias Hoeffchen | 23. Mai 2022

Beten? Kennt jede und jeder. Aber was genau tun wir da eigentlich? Wie sinnvoll ist es, darauf zu hoffen, dass Gott unsere Bitten erhört? Oft genug bleiben wir ratlos zurück

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Gebetet hat wohl schon jeder. Wenn es richtig brenzlig wird, entfleucht einem wie von selbst der Gedanke: „Bitte, gib, dass …“ Instinktiv spricht der Mensch eine höhere Macht an; ob es das Schicksal ist, der liebe Gott aus Kindertagen oder wer auch immer da sein möge, der sich unseres Hilferufes erbarmen könnte.

Bitte in Not; Dank für Bewahrung und Glück – diese beiden Regungen als Urformen des Gebets stecken den Menschen tief im Wesen. Und doch. Selbst geübte Beterinnen und Beter kommen ins Grübeln, wenn sie darüber nachdenken: Was genau ist „Beten“ eigentlich?

Das geht schon beim Bitten los. Wir Menschen sollen ja bitten. Die Bibel ist voll von der Vorstellung, Gott mit unserem Wünschen und Flehen geradezu in den Ohren zu liegen. Nur: Was genau versprechen wir uns davon? Dass Gott unsere Bitten auch erfüllen wird?

Es gibt Gebete, die kann Gott nicht erhören. Beispiel Fußball. Da fiebern Zehntausende, manchmal Millionen Menschen. Dann folgt der entscheidende Elfmeter. Die einen schicken ihr Stoßgebet gemeinsam mit dem Torwart in den Himmel: „Bitte lieber Gott, lass ihn den Schuss halten!“ Die anderen beten mit dem Schützen: „Lass ihn reingehen, dann werde ich dir ewig dankbar sein.“
Blöde Sache für Gott; er kann nicht beiden Seiten den Wunsch erfüllen.

Wofür kann und darf man also beten? Neulich schrieb eine evangelische Theologieprofessorin, sie habe sich dabei ertappt, wie sie für den Tod des russischen Staatspräsidenten gebetet habe. Als instinktive Regung mag das angesichts des Leids, das dessen Angriffskrieg über die Menschen in der Ukraine bringt, verständlich sein. Aber – darf man als Christin, als Christ, für so etwas beten? Wer jetzt sofort „Nein“ ruft, mag Recht haben; er (oder sie) sollte aber noch mal einen Blick in die Bibel werfen. Dort zählt die Bitte um Tod und Niederlage der Feinde zu den ganz regelmäßigen Gebeten.

„Nach weltlichen Maßstäben gibt es wohl nichts Unsinnigeres als das Gebet“, sagt die Theologin Konstanze Kemnitzer im UK-Interview (Seite 13). Das ist ein wichtiger Hinweis: nach weltlichen Maßstäben. Denn wie Gott unsere Gebete erhört, das geht über menschliches Bitten und Verstehen hinaus. Es mag für uns nicht immer Sinn ergeben, was Gott da macht. Ob er Gebete erfüllt. Oder nicht. Manchmal mag man in der Rückschau heilfroh sein, dass Gott einen Wunsch nicht erfüllt hat. Oder ganz anders erfüllt hat.

Oft genug aber bleiben wir ratlos zurück. Etwa bei Tod und Leben, Krieg und Frieden; voll Jammer und Klage.

Beten mag vertraut sein, von Kindesbeinen an. Aber es rührt auch an das Geheimnis, das Gott trotz allem für uns bleibt. Wir sollen Gott bitten, ihm in den Ohren liegen. So, wie Jesus es im Garten Gethsemane kurz vor seinem Tod getan hat: Gott, ich flehe dich an; erspar mir das Leid. Aber was auch geschieht, bleib bei mir, und gib mir Kraft, deinen Weg zu gehen.

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Leser-Kommentare öffnen

Alwite, 24. Mai 2022, 18:55 Uhr


Der Schluß lässt mich nachdenklich zurück . . . Glaube ist was er ist - .
Dabei fallen mir Verse aus einem Gedichteband Rilkes ein:
"Tore gehn auf..
Und wir sind nicht mehr zag,
unser Weg wird kein Weh sein,
wird eine lange Allee sein
aus dem vergangenen Tag . . .

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