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Nerven, einfach nur nerven und nicht aufgeben, bis man erreicht hat, was man will: Kinder und Jugendliche sind Experten in dieser Kunst. Sicher hatten die Jüngerinnen und Jünger nicht gerade sie vor Augen, als sie Jesus fragten, wie beten geht. Umso interessanter ist es, dass Jesus ausgerechnet dieses nervige Nicht-Lockerlassen als vorbildlich für das Gebet darstellt. Vertrauen steckt darin, aber auch Trotz. Beten ist eben ein ganz besonderes Gespräch. - Foto: ViDi Studio

Wie geht beten?

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 21 / 2022

Elke Rudloff | 20. Mai 2022

Andacht über den Predigttext zum Sonntag Rogate: Lukas 11, 1-13

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Nerven, einfach nur nerven und nicht aufgeben, bis man erreicht hat, was man will: Kinder und Jugendliche sind Experten in dieser Kunst. Sicher hatten die Jüngerinnen und Jünger nicht gerade sie vor Augen, als sie Jesus fragten, wie beten geht. Umso interessanter ist es, dass Jesus ausgerechnet dieses nervige Nicht-Lockerlassen als vorbildlich für das Gebet darstellt. Vertrauen steckt darin, aber auch Trotz. Beten ist eben ein ganz besonderes Gespräch. - Foto: ViDi Studio
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Elke Rudloff (59) ist Dozentin im Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung der Evangelischen Kirche von Westfalen. Sie ist dort zuständig für die Ausbildung von Prädikantinnen und Prädikanten.

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Predigttext
1 Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. 2 Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. 3 Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag 4 und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung. 5 Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; 6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, 7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf. 9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. 10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. 11 Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange? 12 Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Gespräch im Himmel:
Jesus: Hörst du was? Oder hat es deinen Kindern die Sprache verschlagen? Gnadenkraut und Pfingstrosen leuchten in den schönsten Farben, Zaunkönig und Dompfaff singen dir ihre Hymnen. Aber deine Kinder schweigen.
Gott: Nicht alle. Komm mal rüber. Der junge Mann dort im Tarnanzug sagt immer „A boze, dopomozhit meni“ (Mein Gott, hilf mir). Seine Frau und sein Kind wurden verschüttet.
Und die ältere Frau im schwarzen Mantel klagt dich an. Sie wirft dir unterlassene Hilfeleistung vor. Seit sie ihren Mann an die Seuche verloren hat, isst sie ihr täglich Brot mit Tränen. Ihr Schluchzen geht mir ans Herz.
Klagen kann
trösten
Aber auch, wie manche auf solche Klagen reagieren. „Gott ist kein Gebetsautomat“, habe ich schon gehört. Wollen sie mich damit schonen oder verteidigen? Sollen sie meinetwegen im Hörsaal so über mich spekulieren. Aber doch nicht im Angesicht von Menschen, die ihr Liebstes verloren haben. Damit stopfen sie ihnen den Mund, statt sie zu trösten!
Jesus: Hier klingt es anders. Hör mal das Mädchen: Es betet ununterbrochen. Ganz ruhig, immer nur diese beiden Sätze: „Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.“ Dann atmet sie still. Klingt wie ein Mantra. Schön, dass sie sich gerade diese Zeilen ausgesucht hat. Sie richten sie auf und lenken ihren Geist über ihre eigenen Sorgen hinaus. Sie ist noch so jung, aber könnte manchen das Beten lehren.
Die Jünger wollten damals ja genau von mir wissen, wie beten geht. Das hat mich zuerst verwundert. Sie beteten doch längst, besonders gerne die Psalmen. „Ich werde wandeln vor Gott im Lande der Lebendigen.“ (Psalm 11,9) war Marias Zuversicht. Und Judas hörte ich mehrfach schreien „Gott, erhebe deine Hand! Vergiss die Elenden nicht!“ (Psalm 10,12)
Die anderen wollten auch meine Worte kennenlernen. Weil sie sahen, wie innig ich mit dir sprach. Wie zu einem guten Freund. So wollten sie auch zu dir beten. In aller Stille auf einem Berg. Morgens in ihren Hütten. Nachts am Krankenbett. Oder wenn sie zu einem Sterbenden gerufen werden. Mit Worten, leicht zu merken. Klar. Wesentlich.
Gott: Mir scheint, diese Worte kommen vielen nicht mehr über die Lippen. Trauen sie ihnen nicht? Oder haben sie sie vergessen? Vielleicht sollten wir unsere Taube noch mal losschicken?
Jesus: Ja, zuerst zu den Dreien. Denn eine Gabe hatte ich den Jüngern damals in die Hand versprochen: dass du ihnen deinen Geist gibst, wenn sie dich bitten.
Gib der Taube als Zeichen ein Ei mit. Für den Mann, damit er seine Hoffnung nicht verliert, der Witwe ein Brot für ihre Liebe. Und dem Mädchen einen Fisch für seinen Glauben. Das wird ihre Seelen nähren und sie an deine Freundschaft erinnern. Sonst machen sie am Ende dir zum Vorwurf, was ihr Leben bedroht.
Gott: Einverstanden. Und wenn sie fragen, welchen Sinn es hat, zu beten, wenn die Bomben fallen?
Jesus: Dann soll sie sagen: Damit sie trotzig bleiben. Wenn sie beten, werden sie nicht vergessen, dass dein Name größer ist, als der des Tyrannen. Sein Reich vergeht. Dein Reich kommt.

Gott, du Schöpfer des Lebens, die Not ist groß. Hitze, Krieg und Seuche bestimmen das Leben. Hörst du das Seufzen, die Schreie, das Schweigen? Wir brauchen deine Hilfe. Den Geist des Friedens in den Verhandlungen. Den Geist der Hoffnung in den Bunkern. Den Geist der Beharrlichkeit in den Parlamenten. Lass uns finden, was wir suchen. Erbarme dich über uns. Amen.

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