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Max Born (links) macht sich in Argentinien mit „seiner“ Gruppe auf den Weg zur Eisdiele. Zusammenarbeit und Austausch stehen beim Auslands-Freiwilligendienst im Mittelpunkt – dafür arrangiert sich die Landeskirche auch ohne weiteres mit den Corona-Schutzvorschriften. Fotos: privat

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Diakonisches Jahr: Der Lockdown war ein Tiefpunkt

Der Auslands-Freiwilligendienst musste während der Pandemie pausieren. Alle Beteiligten freuen sich auf den Neustart.

Aus der Printausgabe - UK 20 / 2022

12. Mai 2022

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Max Born (links) macht sich in Argentinien mit „seiner“ Gruppe auf den Weg zur Eisdiele. Zusammenarbeit und Austausch stehen beim Auslands-Freiwilligendienst im Mittelpunkt – dafür arrangiert sich die Landeskirche auch ohne weiteres mit den Corona-Schutzvorschriften. Fotos: privat
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Max Born unterstützt den Koch seiner Einrichtung.
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Auch Theateraufführungen gehörten vor Beginn der Corona-Pandemie zum Diakonischen Jahr dazu.

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Diakonisches Jahr: Der Lockdown war ein Tiefpunkt

Der Auslands-Freiwilligendienst musste während der Pandemie pausieren. Alle Beteiligten freuen sich auf den Neustart.

Die Entscheidung, ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland zu leisten, hatte für Max Born ein ganz anderes Abenteuer zur Folge als geplant: Der Abiturient aus Bad Berleburg im Hochsauerland wurde über die Synode seines Kirchenkreises auf das Diakonische Jahr aufmerksam. Mit diesem Angebot ermöglicht die westfälische Landeskirche jungen Leuten, die ihre Schulpflicht erfüllt haben, ein Freiwilliges Soziales Jahr oder einen Bundesfreiwilligendienst zu leisten – in Westfalen selbst oder in einer der Partnerkirchen in Süditalien oder Südamerika.

Wie Born erzählt, veranlassten ihn viel Neugier und Interesse an völlig anderen Kulturen und Lebensstilen, sich für den einjährigen Freiwilligendienst in der „Deutschen Evangelischen Kirche am Rio de la Plata“ zu bewerben, der südamerikanischen Partnerkirche der westfälischen Landeskirche. Diese besteht aus 45 Gemeinden mit 240 Gottesdienstorten und 50 diakonischen Einrichtungen in Argentinien, Paraguay und Uruguay. Im August 2019 wurde ein Wohnheim samt Werkstatt für 28 Menschen mit Behinderungen im Alter zwischen 20 und 70 sein Arbeitsplatz. Damit wurde er einer von 14 jungen Freiwilligen, die die Landeskirche 2019 ins Ausland entsandte.

Sein Dienst endete früher als geplant im März 2020: Er war gerade auf einer Entdeckungstour in Patagonien, als der Lockdown verhängt wurde und er direkt zum Flughafen Santiago de Chile reisen musste. „Da hatte ich einige interessante Gespräche mit anderen Corona-Gestrandeten. Das war eine ganz verrückte, unsichere Zeit.“ Anfangs hatte er noch die Hoffnung, dass er an seinem Arbeitsplatz in Argentinien bleiben kann, aber dann erfuhr er, dass für ihn ein Flug zurück nach Deutschland gebucht wurde. „Abschied von Kollegen und neu gewonnenen Freunden war nicht möglich, aber ich habe genug Gründe, eines Tages zurückzukehren.“

Lockdown: Abbruch des Dienstes fiel schwer

Kirsten Potz, die beim Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung (MÖWe) für die Beziehungen nach Südamerika zuständig ist, erinnert sich daran, wie das Bundesentwicklungsministerium im Frühjahr 2020 anordnete, alle im Ausland wohnenden Deutschen nach Hause zu holen: „Alle unsere Freiwilligen wollten bleiben. Alle waren mit Herzblut dabei und es ist ihnen sehr schwergefallen, den Dienst abzubrechen. Sie konnten sich noch nicht mal richtig von den Einsatzstellen, von den Kindern und Jugendlichen verabschieden.“ Zudem habe man lange auf Infos vom Ministerium warten müssen.

Während der Austausch mit Italien ungemindert weitergegangen sei, sei in Südamerika Zwangspause gewesen, weil der Kontinent die ganze Zeit über als Hochrisikogebiet gegolten habe. Der Lockdown sei dort deutlich strenger gewesen als in Deutschland. Auch die Provinzgrenzen seien geschlossen gewesen, Züge seien fast gar nicht mehr gefahren, private Fahrten und Inlandsflüge seien verboten gewesen. „Am Ende hat ein Bus der französischen Botschaft unsere Leute zum Flughafen Buenos Aires gebracht“, erzählt Potz. „Diese Rückholaktion war sehr abenteuerlich.“ Für sie war es ein Tiefpunkt, alle Freiwilligen zurück nach Deutschland holen zu müssen und keine neuen entsenden zu können.

Im ersten Corona-Jahr sei das Interesse am Auslandsdienst sehr verhalten gewesen. Im Gegensatz zum Diakonischen Jahr im Inland: Das Interesse daran sei sogar gestiegen, sodass die Landeskirche ihre FSJ-Plätze aufgestockt habe. Zurzeit leisten knapp 300 junge Menschen in Westfalen selbst einen Freiwilligendienst, erklärt Ute Gerdom, die Leiterin des Diakonischen Jahres im Amt für Jugendarbeit der EKvW. Fast die Hälfte von ihnen arbeitet in Kindertagesstätten, Schulen und in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit, andere in Sozialstationen, Krankenhäusern oder in der Alten- oder Behindertenhilfe.

Austausch ist allen wichtig – trotz Einschränkungen

Als die ersten Coronaviren Deutschland erreichten, ermöglichte die Landeskirche den südamerikanischen Freiwilligen, die gerade in Deutschland waren, nach Hause zu fliegen. „Aber alle haben gesagt: Nein, wir haben uns für ein Jahr verpflichtet, wir bleiben, egal, wie sich die Lage entwickelt“, berichtet Potz weiter. „Das fand ich bemerkenswert. Das war für die eine ganz harte Zeit, im Lockdown, ohne Sprachkenntnisse, ohne Kontakte. Aber kein Einziger hat es am Ende bereut. Alle sagten: Wir haben viel gelernt über Deutschland, über globale Beziehungen, über den Wert diakonischer Arbeit.“

Mit den Corona-Schutzvorschriften, die für den Dienst im Ausland mittlerweile gelten, hat sich das Amt für Jugendarbeit mittlerweile arrangiert, wie Ute Gerdom erlebt hat: „Partnerschaft, Zusammenarbeit und Austausch sind für uns viel zu wichtig, um zu sagen, dass sich der Aufwand nicht lohnen würde. Einen Vorteil hat alles: Durch die Zwangsdigitalisierung gibt es mehr Austausch und regelmäßige Videokonferenzen. Die Auslandskirchen und wir sind enger zusammengerückt.“

Schicksale hinter den Menschen verstehen

Kirsten Potz kann einige Erfolgsgeschichten aus den letzten Jahren erzählen, zum Beispiel habe eine ehemalige Freiwillige nach ihrem Diakonischen Jahr Theologie studiert und werde demnächst ihr Vikariat in Buenos Aires beginnen. „Freiwilligendienst bedeutet nicht nur, mit den Kindern zu spielen, sondern auch, zu verstehen, wie dort die Zustände sind, was für Schicksale hinter den Gesichtern stecken und warum es diese diakonischen Einrichtungen geben muss.“ Auch Max Born ist sich sicher: „Das war meine beste Entscheidung, auch ohne das klassische Happy End. Das waren prägende, faszinierende Erfahrungen, die Corona niemals verdrängen kann. Das lässt einen nicht los.“ Der heute 22-Jährige studiert zurzeit in Frankfurt Wirtschaftswissenschaft und hat noch Kontakt zu seinen argentinischen Freunden.

Für das Diakonische Jahr 2023/24 fängt im Herbst das Auswahlverfahren an. „Es war nicht nur für die jungen Leute selbst schlimm, dass alles so eingeschränkt ist“, erzählt Potz. „Auch in den Einrichtungen in Südamerika selbst freuen sich alle wie verrückt darauf, dass im August die neuen Freiwilligen kommen.“ Ab August 2023 sollen auch wieder junge südamerikanische Freiwillige in Westfalen zu Gast sein.

 

Infobox:

Für das Diakonische Jahr in der westfälischen Landeskirche ist das Amt für Jugendarbeit der EKvW (AfJ) in Schwerte-Villigst zuständig. Sowohl Schulabsolventen, die sich für ein Diakonisches Jahr interessieren, als auch Einrichtungen, die Arbeitsplätze für Freiwilligendienstleistende anbieten können, finden Informationen unter www.diakonisches-jahr-westfalen.de.

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