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Mit jeweils drei Gottesdiensten sind Karfreitag und Heiligabend normalerweise Jürgen Heidemanns arbeitsreichste Tage. Die Gemeinde hatte von Anfang an Verständnis dafür, dass er nicht überall sein kann. (Fotos: privat)

Umgeben und getragen von netten Leuten

Porträt Pfarramt

Aus der Printausgabe - UK 19 / 2022

Maximilian Wiescher | 8. Mai 2022

Jürgen Heidemann ist Pfarrer für drei Gemeinden im Münsterland nahe der niederländischen Grenze

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Mit jeweils drei Gottesdiensten sind Karfreitag und Heiligabend normalerweise Jürgen Heidemanns arbeitsreichste Tage. Die Gemeinde hatte von Anfang an Verständnis dafür, dass er nicht überall sein kann. (Fotos: privat)
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Pfarrer Jürgen Heidemann hat in seinen 30 Dienstjahren schon einige Familien seiner Gemeinde über mehrere Generationen begleitet.

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Die drei westlichsten Gemeinden der Landeskirche teilen sich eine Pfarrstelle. Das heißt aber nicht, dass Pfarrer Jürgen Heidemann ein Einzelkämpfer wäre. Zusammenhalt, Einsatzbereitschaft und die Möglichkeit, Menschen lange zu begleiten, sind für ihn die größten Stärken seines Arbeitsplatzes.

Wenn Pfarrer Jürgen Heidemann mit seinem E-Bike sonntags 20 Minuten lang durch die Felder und Wälder des westlichen Münsterlandes zu einer seiner Kirchen fährt, denkt er meist nur: „Welch ein Privileg. Ich verstehe nicht, wie manche Kollegen auf das Dienst-Fahrrad verzichten können.“ Trotz der sehr ländlichen Gegend liegen nur etwa acht Kilometer zwischen den drei Gemeinden Isselburg-Anholt, Isselburg-Werth und Bocholt-Suderwick. Sie sind die drei westlichsten Gemeinden der westfälischen Landeskirche und liegen zwischen dem Rhein und der deutsch-niederländischen Grenze, die mitten durch die größte Straße von Suderwick verläuft. Seit 2016 verbindet eine gemeinsame Pfarrstelle diese drei Gemeinden.

Aus einer Vertretung entstand Verbundenheit

1992 hatte Jürgen Heidemann gerade sein Vikariat im wenige Kilometer entfernten Bocholt abgeschlossen und fing als Pfarrer in der 800-Seelen-Gemeinde Isselburg-Werth an. Dort war damals etwa die Hälfte der Stadtteilbevölkerung evangelisch. Mitte des 16. Jahrhunderts hatte die Gemeinde sich nämlich der Reformation angeschlossen – eine große Ausnahme im Münsterland, in dem Protestanten sonst nur in der Diaspora leben.

Heidemann, dessen Heimat Oer-Erkenschwick im Kreis Recklinghausen ist, legte 1989 sein Examen ab. Währenddessen wurden seine Kinder geboren. Was in Werth als Vertretung für eine gerade vakante Pfarrstelle begann, entwickelte sich zu einer engen freundschaftlichen Verbindung mit den drei Dörfern. Auf die Frage, wie lange er bleiben wolle, antwortet er immer mit „Bis es mir hier nicht mehr gefällt oder bis ihr mir signalisiert, dass ihr mich nicht mehr wollt.“ Beides sei bis heute nie passiert.

„Man kann Menschen hier langfristig freundschaftlich begleiten“, erklärt er die Vorzüge seines Arbeitsplatzes. „Meine Konfirmandinnen und Konfirmanden habe ich selbst getauft, deren Eltern habe ich konfirmiert und getraut, deren Großeltern habe ich beerdigt. Meine ersten Konfirmanden von damals sind jetzt alle schon Mitte vierzig, teilweise sind sie Presbyter. Meine jetzigen Konfis kennen mich schon – aus dem Kindergarten. Im Laufe der Zeit war ich in fast jeder Wohnung. Wir haben viel Lebensgeschichte miteinander geteilt.“ Dies seien immer sehr intensive Zeiten gewesen und auch oft Krisenzeiten, zum Beispiel Todesfälle.

Die Kirche sei in den Orten immer sehr präsent. Zum Beispiel habe Werth einen evangelischen Kindergarten und die Grundschule nutze dort die Gemeinderäume öfters für Betreuungsangebote. „Kinder sehen mich auch bei Festen und sonstigem“, erzählt Heidemann. „Man denkt weniger daran, aus der Kirche auszutreten, wenn man den Pastor persönlich kennt. Wir sind die einzigen Gemeinden des Kirchenkreises, in denen die Mitgliederzahlen nicht rückläufig sind. Ich kann voller Freude sagen, dass viele Leute, auch Zugezogene, ihre Kinder taufen lassen.“

Meist habe er abwechselnd einen Sonntag mit Gottesdiensten in Anholt und Suderwick und einen Sonntag mit einem Gottesdienst in Werth. „Als der Pfarramtliche Verbund entstand, hatten alle Verständnis dafür, dass ich nicht immer überall sein kann“, berichtet er. Seine arbeitsreichsten Tage seien normalerweise Karfreitag und Heiligabend mit jeweils drei Gottesdiensten – plus den Gottesdiensten an den darauffolgenden Feiertagen. „Manchmal gibt es in einer Woche fünf Beerdigungen. Das ist auch viel. Man muss zwischendurch mal Luft holen. Aber die Gemeinden und Presbyterien stehen dahinter. Ich bin umgeben und getragen von netten Leuten. Keiner will, dass ich mich überfordere.“ Ein Pfarrer, der wegen eines Burnouts aufhören muss, nütze schließlich niemandem.

Viel ehrenamtliche Unterstützung

„Es gibt auch Prädikanten, die mal für mich einspringen und mir den Rücken freihalten. So gesehen bin ich kein Einzelkämpfer.“ Besonders schätzt Heidemann die Einsatzbereitschaft aller Beteiligten: „Oft übernehmen Presbyter den Küsterdienst. Die machen das super. In Werth hat sowieso fast jeder einen Kirchenschlüssel. Wir arbeiten oft auf Zuruf. Mir macht das alles nichts aus, schließlich stamme ich aus einer Handwerkerfamilie. Man hat nicht den Eindruck, dass ich einen Heiligenschein hätte und über dem Boden schweben würde.“

Im Pfarramtlichen Verbund habe man immer gewagt, an der gewohnten Selbstständigkeit der drei Gemeinden festzuhalten. „Gewachsene Strukturen bringen Vorteile. Man ist näher an den Leuten. Wir haben hier nun mal alles dreifach: Drei Kirchen, drei Gemeindezentren, drei Gemeindehaushalte, drei Presbyterien, drei Konfirman­dengruppen, drei Frauenhilfen, ich bin damit ausgelastet.“

Nach den Richtlinien des Kirchenkreises gebe es jedoch zu wenig Gemeindemitglieder, wie er weiter erklärt: „Man hat sich leider auf die Fahne geschrieben, dass eine Pfarrstelle erst ab 3000 Gemeindemitgliedern freigegeben wird. Aber dann wäre eine Betreuung, so wie ich sie anbiete, kaum noch möglich. Es interessiert die Synode nur nicht, dass sich die Pfarrstelle hier auch mit weniger Leuten immer noch finanziert – wegen unserer Sondereinnahmen.“ Zu diesen würden unter anderem die Einnahmen durch verpachtetes Land, Erbpachtzinsen und die Beteiligung an einer Windkraftanlage auf einem Gemeindegrundstück gehören.

Als bei einer Visitation festgestellt wurde, dass die Gemeinden nicht genug Mitglieder hätten, habe man sich sehr darüber aufgeregt und tausende Unterschriften für den Erhalt des Status quo gesammelt, auch von Nichtprotestanten. „Man spürt in diesen kleinen Orten hier noch: Man kennt sich, man ist mit der Situation vertraut, man will sie bewahren. Das ist die Stärke von solchen kleinen Gemeinden.“

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