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Grafik: TSEW/Shutterstock.com/Ilija Erceg

Sag mir, wo die Blumen sind

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 19 / 2022

Gerd-Matthias Hoeffchen | 9. Mai 2022

Schwerter zu Pflugscharen: Jahrzehntelang galt in der Kirche als undenkbar, Waffenlieferungen in Krisengebiete zu unterstützen. Der Überfall auf die Ukraine hat das fast über Nacht geändert

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Grafik: TSEW/Shutterstock.com/Ilija Erceg

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Ich konnte der Waffe nicht abschwören. Ich war 19, und die Frage, die mich quälte: Wenn jemand dich oder deine Lieben bedroht – würdest du sie mit Gewalt verteidigen?

Alle meine Freunde und Altersgenossen verweigerten den Kriegsdienst. Das war Anfang der 80er Jahre; die Zeit der Ostermärsche und Friedensdemos. Ich war dabei, sang mit „Sag mir, wo die Blumen sind“, trug Schilder „Schwerter zu Pflugscharen“. Es gab Spottlieder über die Bundeswehr, Soldaten wurden als „Mörder“ bezeichnet.

Aber am Ende musste auch ich eine Gewissensentscheidung treffen. Und mir wurde klar: Notfalls würde ich zur Waffe greifen. Also ging ich zur Bundeswehr.
Seitdem musste ich mich dafür rechtfertigen. Immer und immer wieder. Gerade in kirchlichen Kreisen.

Und heute?

Plötzlich müssen sich diejenigen rechtfertigen, die sich zum Pazifismus bekennen.
Quasi über Nacht hat der Angriff auf die Ukraine die Friedensethik auf den Kopf gestellt. Plötzlich kann man gar nicht laut genug rufen: Kanzler Scholz, liefere endlich Waffen!

Auch die Theologie präsentiert gute Gründe dafür. Einerseits habe Jesus den Gewaltverzicht vorgelebt, bis zum bitteren Ende. Andererseits könne man diese radikale Haltung nicht auf ganze Gesellschaften übertragen. Eines der Zehn Gebote lautet: Du sollst nicht töten – und deshalb habe man jene zu unterstützen, die sich gegen Angriff und Mord wehren.

Das alles ist richtig. Aber auch altbekannt.
Deshalb reibt man sich die Augen: Warum jetzt und mit einem Mal dieser plötzliche Schwenk?

Ich könnte mich zurücklehnen und selbstgefällig sagen: Seht ihr, ich habe es doch immer schon gewusst. Wenn es hart auf hart kommt, dann wirst auch du zur Waffe greifen – oder sie deinen Nachbarn liefern.

Aber, ganz ehrlich: Auch als jemand, der sich nie als Pazifist verstanden hat, können einem Zweifel kommen. Um es klar zu sagen: Putin ist ein Kriegsverbrecher. Moralisch gesehen muss man der Ukraine beistehen. Aber am Ende lautet die Frage: Was, wenn durch unsere Unterstützung dann alles noch viel, viel schlimmer wird? Insofern sei Verwunderung erlaubt über die Festigkeit, mit der Leitmedien, Politik und viele in den Kirchen die Frage nach Waffenlieferungen plötzlich mit „Ja!“ beantworten.
Hat sich der Pazifismus überlebt? War er immer schon ein schöner Traum, der der brutalen Wirklichkeit nicht standhalten kann?

Ich gestehe, ich weiß es nicht. Aber mir ist mulmig zumute. Die nächsten Wochen und Monate könnten eine Zeitenwende bedeuten. Nicht nur, aber auch für die evangelische Friedensethik. „Schwerter zu Pflugscharen“, so haben wir jahrzehntelang gefordert, in Bezug auf die Bibelstelle Micha 4. Was wir nie so recht wahrgenommen haben: Ein paar Seiten weiter wird der Spruch auf den Kopf gestellt. Beim Propheten Joel, ebenfalls im vierten Kapitel, heißt es dann: Macht aus euren Pflugscharen Schwerter und aus euren Sicheln Spieße.

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