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Zum Muttertag 2018 demonstrierten in Berlin Hunderte für Chancengleichheit und gegen Kinderarmut. Prominente Unterstützung bekamen sie von Dietmar Bartsch (Mitte, blaues Hemd), dem Vorsitzenden der Linken-Bundestagsfraktion, und der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock (rechts daneben). (Foto: epd-bild/Rolf Zoellner)

Expertin: Muttertag transportiert ein veraltetes Familienbild

epd/Maximilian Wiescher | 7. Mai 2022

UN Women fordert: Chancengleichheit und gerechte Arbeitsteilung statt Blumen und Pralinen

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Zum Muttertag 2018 demonstrierten in Berlin Hunderte für Chancengleichheit und gegen Kinderarmut. Prominente Unterstützung bekamen sie von Dietmar Bartsch (Mitte, blaues Hemd), dem Vorsitzenden der Linken-Bundestagsfraktion, und der Grünen-Vorsitzenden Annalena Baerbock (rechts daneben). (Foto: epd-bild/Rolf Zoellner)

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Der Muttertag ist heutzutage mit viel Kommerz und Geschlechts-Stereotypen verbunden. Davon ist Professorin Barbara Thiessen von der Hochschule Landshut überzeugt. Noch immer würden Frauen den Großteil der Sorgearbeit leisten. Dass Männer und Kinder sich von der Hausarbeit überwiegend fernhielten, werde nicht weiter thematisiert, sagte die Professorin für Soziale Arbeit und Gender Studies dem Evangelischen Pressedienst (epd) zum Muttertag am kommenden Sonntag.

Dass meist Frauen die unbezahlte Sorgearbeit leisten, habe negative Auswirkungen auf deren Gesundheit, Einkommen und gesellschaftliche Teilhabe, erklärte UN Women Deutschland. Viele Mütter in Deutschland seien einem Armutsrisiko ausgesetzt und würden Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt erleben. Alleinerziehende seien davon besonders stark betroffen. Das deutsche Komitee der Gleichstellungs-Organisation der UN fordert ein Ende der strukturellen Benachteiligungen von Frauen und vor allem von Müttern.

Frauen bräuchten weder Blumen noch Rabattgutscheine für Haushaltsgeräte oder Sprüche über die vermeintliche Selbstlosigkeit und Bedürfnislosigkeit der Mütter, sagte Thiessen. „Statt Blumen und Pralinen wünschen wir uns eine partnerschaftliche Teilung von Erwerbs- und Sorgearbeit“, erklärte Elke Ferner, die Vorsitzende von UN Women Deutschland, am Donnerstag in Bonn. Außerdem forderte sie eine gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an allen politischen Entscheidungen – auch in den Parlamenten – und ein Paritätsgesetz.

Muttertags-Bräuche entsprechen der Familienrealität der 50er Jahre

Thiessen betonte, dass Geschenke von Kindern für ihre Mütter nicht entwertet werden dürften. Gleichzeitig kritisierte sie jedoch Kitas und Grundschulen, an denen zum Muttertag entlang von Stereotypen gebastelt und gemalt werde. Damit würden Geschlechtermuster der 1950er Jahren transportiert, ohne auf die tatsächliche Familiensituation der Kinder einzugehen. Es gebe auch alleinerziehende Väter oder Familien, in denen in erster Linie die Väter die Kinderbetreuung übernehmen. „Bastelorgien“ zum Vatertag gebe es dagegen eher nicht, sagte Thiessen.

Thiessen verwies auch auf die historischen Wurzeln des Muttertages. Die bürgerliche Frauenbewegung habe Muttersein in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts politisiert. In den USA sei erstmals der Muttertag 1908 gefeiert worden. Seit 1914 ist er dort offizieller Feiertag. Die Frauen wollten auf gesundheitliche Missstände in Arbeiterfamilien hinweisen und vertraten pazifistische Anliegen, so Thiessen.

In Deutschland wurde der Muttertag 1934 unter den Nationalsozialisten eingeführt, 1938 wurden erstmals Mutterkreuze verliehen. Da werde deutlich, dass der Muttertag von reaktionär-faschistischer Seite vereinnahmt worden sei, sagte Thiessen. „Die Interessen der Mütter standen nicht mehr im Vordergrund.“ Nach dem Krieg sei der Muttertag immer mehr kommerzialisiert worden. 1987 sei mit der Veröffentlichung des Müttermanifests, das von Feministinnen aus dem Umfeld der Grünen initiiert wurde, wieder Empowerment und Solidarität unter Müttern propagiert worden.

Idee: Ein Tag zur Würdigung der Sorgearbeit statt Mutter- und Vatertag

Thiessen plädiert für einen „Pride Care Day“ anstelle des Mutter- und Vatertages, an dem die Sorgearbeit – etwa für Kinder und pflegebedürftige Angehörige – im Mittelpunkt steht. Ein politisches Anliegen wäre, Care-Aufgaben zum Normalfall für alle zu machen.

Außerdem sei es ihr wichtig, dass über ein verändertes Mutterbild nachgedacht werde, mahnte Thiessen. Kein Mensch könne gleichzeitig perfekte Mutter, Ehefrau und Hausfrau und dabei noch sexy und gutgelaunt sein. „Wenn das die Ansprüche an Mutterschaft sind, dann finde ich das problematisch.“

UN Women appellierte an Politik und Unternehmen, die Rahmenbedingungen für Geschlechtergerechtigkeit zu verbessern. Dazu zählten etwa eine kostenlose und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung ab dem Säuglingsalter sowie flexible Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle.

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