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Erst die Schöpfung. Die gewaltige Ordnung von kosmischen Kräften und Elementen, von Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Leben und Tod. Und dann? Dann die Geschichte Gottes mit den Menschen. Mit jeder Frau, jedem Mann; mit allen Völkern, durch alle Zeiten. Denn Gott hat die Welt nicht sich selbst überlassen, sondern ist in ihr erschienen. (Foto: PRASERT)

Gottes Geschichte geht weiter

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 19 / 2022

Dr. Judith E. Filitz | 6. Mai 2022

Über den Predigttext zum Sonntag Jubilate: 1. Mose 1, 1-4.26-28.31; 2, 1-4

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Erst die Schöpfung. Die gewaltige Ordnung von kosmischen Kräften und Elementen, von Himmel und Erde, Licht und Finsternis, Leben und Tod. Und dann? Dann die Geschichte Gottes mit den Menschen. Mit jeder Frau, jedem Mann; mit allen Völkern, durch alle Zeiten. Denn Gott hat die Welt nicht sich selbst überlassen, sondern ist in ihr erschienen. (Foto: PRASERT)
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Dr. Judith E. Filitz (37) ist Akademische Rätin am Lehrstuhl für Biblische Theologie an der Universität Augsburg.

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Predigttext
1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. […] 26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. […] 31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. 2 1 So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte. 4 Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden.

Schwarze Wellen durchziehen das Wasser, kein Licht, kein Klang: nur dunkle Stille. Finsternis und Chaos herrschen am Beginn der Zeit und am Anfang der Bibel.
Doch dann: Ein Wort, aus dem erst Licht wird, dann Land und Meer, Tiere und Menschen, schließlich Segen und Ruhe nach dem Tagewerk. Eine Bewertung zum Schluss: „Es war sehr gut“. Eine helle und friedliche Welt entsteht vor meinem inneren Auge, in meinem Herzen singe ich eines der Wochenlieder für den Sonntag Jubilate: „Gott schuf sie gut, er schuf sie schön.“

Doch finden solche Lieder schon seit einiger Zeit ihren Weg kaum noch über meine Lippen, ihr Jubelruf bleibt in meiner Kehle stecken. Die letzten Jahre haben mir oft das Gefühl gegeben, Chaos und Finsternis würden herrschen und nichts sei gut in dieser Welt: Viren brechen in Wellen herein. Die Ebenbilder Gottes schlagen Schneisen in die Wälder, vergiften Meere, greifen Länder und Menschen an, zerstören Leben, Hoffnungen und Träume.

Die Ebenbilder Gottes zerstören die Welt

Die Welt versinkt unter Schutt und Trümmern. In diesem Moment scheint Gott fern zu sein und die Welt weder gut noch schön.

Der Text vom Anfang der Welt und vom Beginn der Bibel ist schwierig in diesen Zeiten. Doch heute lese ich weiter und merke: Die Geschichte von Gottes Schöpfung hört nicht auf mit den ersten sieben Tagen. Nein, sie geht weiter, über Noah, Abraham und Sara mit ihren Familien bis hin zu Mose und dem Auszug aus Ägypten. Sie führt hinauf auf den Berg Sinai und mitten hinein in die Geschichte Gottes mit Israel: Sie führt nach Jerusalem in den Tempel, in die Fremde ins Exil und zurück ins Land; sie führt zu den Worten der Prophetinnen und Propheten und schließlich zu Gottes guten Weisungen, zur Tora.

Vertrauen in Gottes Begleitung

Gott hat die Welt nach sieben Tagen nicht sich selbst überlassen, sondern ist in ihr erschienen, stets aufs Neue. Als Christin glaube ich, dass er noch weiter gegangen ist. Als Mensch wurde er Teil einer Welt, in der damals wie heute Chaos und Finsternis, Nöte und Despoten an der Macht sind. Doch ist auch das Kreuz nicht Gottes letzter Schritt.

Auch wenn ich es oft nicht sehe, so vertraue ich: Die Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung geht weiter. Denn nach dem siebenten, dem Ruhetag, kommt ein achter, ein neunter, ein zehnter Tag, an dem Gott der Welt nahe kommt. Dann zeigt sich, wie wunderbar sie sein kann, wie hell und friedlich.

Momente in Gottes Nähe

In solchen Moment, in denen ich Gottes Nähe spüre, steht die Welt kurz still: Ich atme durch, spüre, wie sich meine Lungen mit Luft füllen. Ich lausche den Vögeln im hellrosa Licht des Morgens, sauge den süßen Geruch der Apfelblüten in mich ein und spüre die Wärme der Sonne auf meiner Haut. Dann beginne ich zu jubeln und ich bin dankbar, die Welt für diesen kurzen Moment so sehen zu können, wie Gott sie gemacht hat: sehr gut.

Ich nehme dieses Gefühl mit, wenn der Alltag mich wieder einfängt, wenn Chaos und Finsternis, Viren und Despoten zu herrschen scheinen. Ich vertraue darauf: Gott bleibt in dieser Welt, bis die Schöpfung ihre Vollendung findet, bis wirklich alles sehr gut ist, nicht nur kurz sondern in Ewigkeit. Und bis es soweit ist, findet das Lied über die Welt seinen Weg über meine Lippen: „Gott schuf sie gut, er schuf sie schön.“

Gebet

Gott: Oft frage ich mich, wie ich einstimmen kann in die Jubelrufe und Lieder, wenn die Welt unter Schutt und Trümmern liegt. Dann wieder erkenne ich dich in der Tora und am Kreuz.
Gott: Verwandle Schutt und Trümmer in helle Gärten und friedliche Plätze, lass die Lieder deiner Ehre nicht verstummen, dass wir singen, heute und morgen bis an der Welt Ende. Amen.

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