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Grafik: TSEW

Mit langem Atem

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 17 / 2022

Anke von Legat | 25. April 2022

Manche Träume brauchen Zeit. Dann heißt es: nicht aufgeben, sondern weitermachen, Schritt für Schritt. Ein gutes Bild auch für den Glauben

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Grafik: TSEW

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Jahrelang malte Carmen Herrera ihre Bilder, Tag für Tag. Gerade Linien, klare Formen, wenige Farben – eine beeindruckende, abstrakte Welt. Nur: Interessieren tat das niemanden. Es gab so gut wie keine Ausstellungen und erst recht keine Käufer. Herrera malte nur für sich; unbeirrt, ohne sich von Zeitgeist und Trends beeinflussen zu lassen.

Bis sie dann doch ihr erstes Bild verkaufte. Da war sie 89 Jahre alt.
Beeindruckend, diese Ausdauer und Disziplin – und vor allem die offenbar unerschütterliche Überzeugung, trotz mancher Selbstzweifel: Das, was ich tue, ist richtig. Es ist meine Kunst, mein Leben, mein Weg – egal, ob sich nach außen hin Erfolg zeigt, ob ich Anerkennung finde oder ein bestimmtes Ziel erreiche.

Menschen wie Carmen Herrera bewundere ich. Denn ich sehe es ja bei mir selbst und bei anderen: Manchmal erreichen wir ein Ziel, das wir uns vorgenommen und erträumt haben, erst nach langer Zeit. Trotzdem dranzubleiben und unbeirrt den Weg fortzusetzen, Schritt für Schritt, ist eine wahre Herausforderung, die eine Menge Mut, Energie und zu manchen Zeiten sogar Sturheit erfordert.

Vielleicht stellen sich der Erfolg, die Anerkennung oder die Erfüllung eines Wunsches irgendwann ein. Vielleicht auch nicht. Aber unterwegs kann eine andere Erkenntnis wachsen: Es zählt gar nicht so sehr das Ziel, sondern der Weg – und jeder einzelne Schritt darauf.

Der Glaube ist da gar nicht weit entfernt von der Kunst: Auch hier geht es um einen langen Atem, Tag für Tag, Schritt für Schritt. Anerkennung und Erfolg sind nicht unbedingt Kriterien, die auf diesem Weg eine Rolle spielen, und oft genug kommen auch da die Zweifel: Bin ich wirklich auf dem richtigen Weg, wenn ich mich Gott anvertraue und mein Leben in seinen Dienst stelle? Halte ich durch mit meiner Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden in dieser Welt; mit meinem Glauben daran, dass Gott einmal alle Tränen abwischen wird? Und was kann ich eigentlich ausrichten mit dem kleinen bisschen Liebe, das ich der Welt schenken kann?

Da hilft es, sich das Leben im Glauben als lange, unermüdliche Abfolge von kleinen Gesten, Gebeten und Ritualen vorzustellen. So wie jeder Pinselstrich, den Carmen Herrera über so viele Jahre hinweg auf die Leinwände gesetzt hat. Oder wie ein Pilgerweg, der über Tage und Wochen hinweg kaum Höhepunkte aufweist, auf dem jeder Schritt aber seinen ganz eigenen Wert hat.

An einem Punkt allerdings unterscheidet sich der Glaubensweg von dem Weg der Malerin: Auf ihm bleiben Menschen nicht mit sich selbst allein, sondern suchen Schwestern und Brüder, um mit ihnen gemeinsam unterwegs zu sein.  Denn wenn sich der Weg zieht und Zweifel am Sinn des Ganzen kommen, dann hilft es, wenn man unterwegs hört: Schmeiß jetzt nicht hin. Es lohnt sich. Gott geht mit.

Carmen Herrera übrigens wurde in ihren letzten Lebensjahren doch noch bekannt. Trotz körperlicher Einschränkungen malte sie weiter und genoss den Erfolg, den die Ausstellungen und Verkäufe ihrer Werke mit sich brachte. Vor Kurzem ist sie gestorben. Sie wurde 106 Jahre alt.

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