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Albrecht Weinberg sitzt in der ehemaligen jüdischen Schule im ostfriesischen Leer auf einen Stuhl zwischen den hölzernen Schulbänken aus alten Tagen (Foto vom 23.02.2022). (Foto: epd-bild/Wolfgang Stelljes)
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«Da war ich 99 Prozent ein Toter»

Karen Miether und Wolfgang Stelljes (epd) | 28. April 2022

Der KZ-Überlebende Albrecht Weinberg engagiert sich bis heute als Zeitzeuge

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Albrecht Weinberg sitzt in der ehemaligen jüdischen Schule im ostfriesischen Leer auf einen Stuhl zwischen den hölzernen Schulbänken aus alten Tagen (Foto vom 23.02.2022). (Foto: epd-bild/Wolfgang Stelljes)

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Er zählt zu den Jahrhundertzeugen: Mit 97 Jahren berichtet Albrecht Weinberg aus Leer noch immer Jugendlichen von der Verfolgung seiner Familie, der Ermordung der Eltern und seiner Zeit im Konzentrationslager.

Leer/Bergen-Belsen (epd). Albrecht Weinberg setzt sich in der ehemaligen jüdischen Schule im ostfriesischen Leer auf einen Stuhl zwischen die hölzernen Schulbänke aus alten Tagen. Für kurze Zeit, nachdem seine Familie 1936 zum Umzug gezwungen worden war, hat er selbst diese Schule besucht, die heute eine Gedenkstätte beherbergt. «Ich war elf Jahre alt, als ich in meinem Geburtsort Rhauderfehn nicht mehr auf eine deutsche Volksschule gehen durfte - weil ich Jude
war», sagt der 97-Jährige. Er hält kurz inne. Von da an sei er behandelt worden, als hätte er eine Krankheit und könnte die anderen anstecken.

   Albrecht Weinberg hat die Konzentrationslager Auschwitz, Mittelbau-Dora in Thüringen und Bergen-Belsen bei Celle überlebt. Und er gehört zu denen, die bis heute davon berichten können, wie auch in einem Dorf in Ostfriesland die Ausgrenzung begann, an deren Ende die Ermordung seiner Eltern stand. «Albi hat man mich als Kind genannt», erzählt er. «Ihr dürft mit ihm nicht mehr spielen, er ist ein Jude» - so wurde es auf einmal seinen Freunden eingeschärft. Sein Vater, ein
Viehhändler, durfte sein Gewerbe nicht mehr ausüben. An den Geschäften hingen Schilder «Juden kein Zutritt», berichtet Weinberg. «Wir wurden sozusagen in einen Schraubstock gespannt. Jeden Tag eine neue Umdrehung, bis man sich nicht mehr bewegen konnte.»

   Als vor 77 Jahren britische Truppen das Lager Bergen-Belsen befreiten, lag Albrecht Weinberg, gerade 20 Jahre alt, inmitten von Leichen. Mit einem Viehwaggon war er Tage zuvor auf einem Räumungstransport vom Lager Mittelbau-Dora über Neuengamme bei Hamburg in das niedersächsische KZ verfrachtet worden. «Da war ich 99 Prozent ein Toter», sagt er. Als dann Panzer kamen, dachte er: «Jetzt ist es endgültig. Unsere Endlösung. Wir werden jetzt alle erschossen. Aber das waren Engländer, das haben wir ja nicht gewusst.»

   Bei der Befreiung des Konzentrationslagers am 15. April 1945 fanden die britischen Soldaten Tausende unbestattete Leichen und Zehntausende todkranke Menschen vor. In Bergen-Belsen starben mehr als 52.000 KZ-Häftlinge und rund 20.000 Kriegsgefangene. Diejenigen, die sich ins Leben zurückkämpften, waren heimatlos geworden wie Albrecht Weinberg. Mehr als 40 seiner Angehörigen wurden ermordet.
«Wir konnten nirgends hin. Die ganze Welt war mit Brettern vernagelt.»

   1947 gelangten Albrecht und seine Schwester Friedel schließlich nach New York. Am Broadway betrieb er einen Fleischerladen. Die Geschwister blieben zusammen und schworen einander: «Jemanden heiraten, das wäre okay.» Aber nach all dem, was sie hinter sich hatten, jüdische Kinder in die Welt zu setzten, «das kam für uns
nicht infrage». Als die Stadt Leer in den 80er Jahren frühere jüdische Bürger einlud, besuchten die Geschwister ein erstes Mal wieder Ostfriesland. Nachdem Friedel einen Schlaganfall erlitt, kehrten sie 2012 endgültig zurück, in ein Altersheim in Leer, wo die Schwester später starb.

   Bis heute engagiert sich Albrecht Weinberg öffentlich als Zeitzeuge. Vor Schulklassen berichtet er über endlose Zählappelle, den Hunger und die Zwangsarbeit, die er leisten musste. Zeitzeugen wie er seien wertvoll, sagt die Historikerin Diana Gring von der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen halten noch zu vielen Überlebenden Kontakt und wollen unter anderem mit Video-Interviews deren Erinnerungen bewahren. Noch seien es
einige Hundert Menschen, weil im Lager viele Kinder inhaftiert waren. «Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es werden wird, ganz ohne Zeitzeugen», sagt Gring.

   Albrecht Weinberg lebt inzwischen in einer Wohngemeinschaft bei Gerda Dänekas, die ihn früher im Heim als Pflegerin betreut hatte. In Rhauderfehn wurde eine Schule nach ihm benannt, in der er auch seinen 97. Geburtstag gefeiert hat - mit Ostfriesen-Kuchen, wie er erzählt. Manchmal schleichen sich noch englische Worte bei ihm ein: «Die Kinder, die Schüler sind einfach tough», sagt er: «Ganz wunderbar.» Er hoffe, dass sie sich widersetzen, falls erneut Zeiten kommen, wie er sie erlebt hat. Niemand in der Nachbarschaft habe seiner Familie beigestanden, blickt er zurück. Menschen hätten hinter den Gardinen gestanden und sich gesagt: «Oh, das sind die Juden, die werden nach Osten geschickt - und das war's.»

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