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Was hatten sie erwartet, die Frauen, die zum Grab gingen? Einen Toten natürlich. Und dann? Dann fanden sie Leben – und liefen davon, mit Furcht und Zittern. Aber die Osterbotschaft brach sich trotzdem Bahn, fand trotzdem ihren Weg zu den Frauen und Männern, die Jesus nachgefolgt waren. Und dort wurde sie zur Hoffnungs- und Kraftquelle für Menschen, die von Gottes Gerechtigkeit auf dieser Erde träumen. Trotz allem. (Foto: epd-bild/Rainer Oette)

Die Macht der Oster-Träume

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 16 / 2022

Heike Proske | 17. April 2022

Über den Predigttext zum Ostersonntag: Markus 16,1-8

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Was hatten sie erwartet, die Frauen, die zum Grab gingen? Einen Toten natürlich. Und dann? Dann fanden sie Leben – und liefen davon, mit Furcht und Zittern. Aber die Osterbotschaft brach sich trotzdem Bahn, fand trotzdem ihren Weg zu den Frauen und Männern, die Jesus nachgefolgt waren. Und dort wurde sie zur Hoffnungs- und Kraftquelle für Menschen, die von Gottes Gerechtigkeit auf dieser Erde träumen. Trotz allem. (Foto: epd-bild/Rainer Oette)
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Heike Proske (60) ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Dortmund.

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Predigttext
1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging. 3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür? 4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. 5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich. 6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

Wirklichkeit, harte Fakten – und – naives, schüchternes Träumen. Die Ostergeschichte nach Markus spricht in mir Unterschiedliches an, je nachdem, in welcher Stimmung ich sie lese: Die drei Frauen tun das, was gemacht werden soll: Sie wollen den Leichnam salben. Gut vorbereitet, zur frühen Stunde haben sie sich verabredet.

Warum denken sie nicht an den schweren Stein vor dem Eingang? Haben sie das verdrängt, weil ihnen zu viele Steine auf der Seele lasten? Ist es so, wie es mir manchmal geht, dass ich Dinge zwar mit dem Verstand weiß, aber mit den Gefühlen anderes wünsche, hoffe, erträume?

Die Realität des leeren Grabes

Was haben Maria Magdalena, Maria und Salome erwartet? Einen Toten. Und siehe da: ein Mensch, ein Erinnern an die Lebenskraft Jesu.

Sie brauchen die Realität des leeren Grabes, um die Leere in ihrem Leben wahrzunehmen, Wirklichkeit werden zu lassen, damit der Platz frei wird für Neues. Für die Ankündigung Jesu, die weltweite frohe Botschaft: Geht hin und sagt es allen! Das ist die Wirklichkeit. Das ist Ostern! Das ist christliches Leben im Alltag seit der Auferstehung!

Und was machen die Frauen? Sie fürchten sich und fliehen. Unvorstellbar, diese verpasste Chance! Die Frauen hätten Geschichte schreiben können (haben es trotz allem getan), wenn sie nun mutig und zuversichtlich die Auferstehung laut herausgerufen hätten.

Und doch fühle ich mich ihnen nah. Was hätte ich getan?, regt sich in mir. Ich erinnere mich an einen Abend im Vikariat. Wir waren zu fünft unterwegs und saßen noch spät in einer Gaststätte zusammen. Irgendwann waren nur noch vier andere an einem Nebentisch.

Wir kamen ins Gespräch. Alles war gut, bis einer von ihnen die unvermeidliche Frage stellte: Was macht ihr denn? Unsicher sahen wir uns an und einer der Kollegen antwortete: Wir arbeiten bei der Kirche. Die Reaktion kam postwendend: Dabei fanden wir euch bis jetzt ganz nett.

Ein Augenblick wie bei den drei Frauen: Erschrecken. Und die alte, immer wieder zu beantwortende Frage: Worauf gründen wir unseren Glauben? Unser Vertrauen? Unseren Weg mit Gott?

Wären wir „geflohen“, der Auseinandersetzung aus dem Weg gegangen, wäre keine lange Freundschaft entstanden. Um es gleich zu sagen: Nicht alle vier sind wieder in die Kirche eingetreten, aber kirchlichen Aktivitäten sehr offen gegenüber. Wir haben miteinander gerungen um Sinn und Visionen, um das, was jede und jeder Einzelne tun kann, was anderen Mut macht.

Oder anders: Um Ostern haben wir gerungen. Was bedeutet die Auferstehung Jesu für uns heute? Warum macht sie mir Mut für jeden weiteren Schritt, auch wenn ich mich manchmal fürchte und weglaufe, wie Maria und Maria und Salome?

Wenn die Last genommen wird

Weil der Stein schon weggewälzt ist: vom Grab, von meinem Leben. Weil mir die Last genommen ist, dass ich alles allein tun und verantworten müsste.

Denn Gott ist da. Trotz Pandemie kann ich Kontakt zu anderen Menschen halten. Wie viele Seelsorge-Spaziergänge zu zweit habe ich in den vergangenen zwei Jahren gemacht!

Real und zugleich unvorstellbar ist auch die Lage in der Ukraine. Wofür habe ich mich immer wieder eingesetzt, wenn uns jetzt doch Krieg in Europa erschreckt, dass unsere Gedanken davor fliehen möchten?

Dennoch: Ich sehe die Wirklichkeit und habe Träume: für die Menschen in der Ukraine, für alle aus der Ukraine, aber auch für die Menschen in Russland in ihrem alltäglichen Leben.

Von solchen Träumen ist mein Leben geprägt. Sie lassen mich aktiv werden, mich einsetzen für die unglaubliche und doch wahre Botschaft:
Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja.

Gebet

Aufstehen, wann auch immer am Tag, mitten im Leben, für das Leben, davon träume ich. Was auch immer mich niederdrückt, die Hoffnung auf die Auferstehung ist stärker. Was auch immer mich belastet, bei Gott kann ich es sagen, ablegen – und dann wieder aufatmen, durchatmen, mich zum Leben strecken, ins Leben aufstehen. Amen.

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