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Herzlich willkommen! Die Flucht, die in einem Heim in der Nähe von Kiew begonnen hat, findet für die jungen Menschen mit Behinderungen im Haus Ebenezer in Bielefeld-Bethel ihr vorläufiges Ende. (Foto: v. Bodelschwinghsche Stiftungen/Christian Weische)
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111 besondere Schicksale

Aus der Printausgabe - UK 16 / 2022

Anke von Legat | 20. April 2022

Auch Menschen mit Behinderungen fliehen aus der Ukraine. Sie brauchen besondere Zufluchtsorte

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Herzlich willkommen! Die Flucht, die in einem Heim in der Nähe von Kiew begonnen hat, findet für die jungen Menschen mit Behinderungen im Haus Ebenezer in Bielefeld-Bethel ihr vorläufiges Ende. (Foto: v. Bodelschwinghsche Stiftungen/Christian Weische)

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Die v. Bodelschwinghschen Stiftungen in Bielefeld haben 111 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Behinderungen aufgenommen, die aus der Ukraine fliehen mussten. Selbst für einen großen diakonischen Betrieb wie Bethel ist das eine besondere Herausforderung.

Bielefeld-Bethel. Im Haus Eben­ezer herrscht ein reges Kommen und Gehen. In der Eingangshalle sitzen mehrere junge Männer und grüßen freundlich alle, die vorbeikommen. In den hohen Gängen des alten Gebäudes sind Jugendliche unterwegs, und draußen flitzt ein Junge mit einem Roller über den sonnigen Gartenweg. „Es hat schon eine besondere Symbolik, dass in diesem traditionsreichen Gebäude Bethels jetzt geflüchtete Menschen Zuflucht gefunden haben“, findet Julia Negri-Küster, Referentin der Geschäftsführung der v. Bodelschwinghschen Stiftungen in Bielefeld.

77 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit leichten Behinderungen sind im Haus Ebenezer untergekommen, nachdem sie aus der Ukraine fliehen mussten. Bereits in den ersten Kriegstagen war offenbar die Anweisung gekommen, das Heim in der Nähe von Kiew, in dem die Gruppe lebte, zu evakuieren, erklärt Stefan Helling-Voss, Geschäftsführer von Bethel regional. In zwei Bussen reisten die jungen Flüchtlinge – 73 Jungen und vier Mädchen – gemeinsam mit elf Betreuerinnen zunächst bis Polen, bevor sie in dem großen alten Haus in Bethel eine bleibende Unterkunft fanden. Eine Gruppe von 34 schwerst-mehrfach behinderten Kindern und Jugendlichen aus demselben Heim kam im Haus Mamre unter.

Ein Kraftakt mit vielen Hilfsbereiten

Die Anfrage zur Unterbringung kam aus dem Sozialministerium. „Wir waren uns sofort darüber einig, dass wir helfen wollen“, erzählt Helling-Voss. Die Organisation war und ist allerdings ein Riesen-Kraftakt. Zufällig standen zwar die Gebäude zur Verfügung, weil die vorherigen Bewohnerinnen und Bewohner in andere Unterkünfte umgezogen waren. Die gesamte Ausstattung jedoch, angefangen bei Betten, Tischen und Stühlen bis hin zu Geschirr und WLAN-Anschlüssen, musste neu eingerichtet werden. Dabei halfen Privatspenderinnen und -spender, aber auch Geschäftsleute: Eine Tischlerei spendete die Betten, ein Bettenhaus Matratzen und Bettwäsche, ein Möbelhaus Stühle für den Esssaal. Die allerdings mussten noch zusammengeschraubt werden – was wiederum Ehrenamtliche übernahmen. „Es gab hier unglaublich viel Hilfsbereitschaft und Engagement, vor allem von Anwohnern und Beschäftigten in Bethel, aber auch darüber hinaus“, sagt Negri-Küster.

Pflege mit großem Zusatz-Engagement

Ehrenamtlich lief auch zunächst ein großer Teil der Betreuung und Pflege der behinderten jungen Flüchtlinge. „Viele Kolleginnen und Kollegen haben nach ihrer Schicht noch zusätzlich hier mit ausgeholfen, und auch Leute im Ruhestand sind eingesprungen“, so Helling-Voss. „Das Verantwortungsbewusstsein für die Geflohenen ist ganz stark ausgeprägt.“ Dass dies keine Lösung auf Dauer ist, ist allen Beteiligten klar. Bethel sucht daher nach qualifiziertem Fachpersonal. „Wir gehen da in Vorleistung und stellen selbst neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an“, erklärt der Bereichsleiter. „Die Politik hat zwar Unterstützung angekündigt, aber konkrete Zusagen haben wir bisher noch nicht.“

Dabei ist der Aufwand groß: Bei der Gruppe in Mamre wird jedes Kind zunächst gründlich untersucht; nicht bei allen ist die Diagnose bekannt. In einigen Fällen wird die Medikamenten-Gabe wohl verändert werden. Nicht alles lässt sich aus dem Heim in der Ukraine nach Bethel übertragen; kulturelle Unterschiede treten zutage. So stellen die Ärzte und Pflegekräfte in Haus Mamre fest, dass nicht alle Kinder dort ständig im Bett liegen müssen. „In der Ukraine hat wohl wenig Mobilisierung stattgefunden“, erklärt Stefan Helling Voss. „Hier sind die Fachkräfte aber davon überzeugt, dass manche der Kinder trotz ihrer Behinderungen mit etwas Übung im Rollstuhl sitzen oder sogar laufen können.“ Ein Junge, so erzählt er, habe sich mit dem ihm unbekannten Rollstuhl so schnell zurechtgefunden, dass er jetzt mit großer Begeisterung ständig auf den langen Gängen des Hauses unterwegs sei.

Auch die Gruppe in Haus Ebenezer ist anders organisiert, als man das in Bethel kennt. „Schon als sie hier aus den Bussen stiegen, waren wir überrascht, wie geordnet und ruhig das ablief“, sagt Julia Negri-Küster. Die Direktorin des Heims habe schon im Vorfeld entschieden, welche zwei oder drei Jugendlichen zusammen ein Zimmer beziehen würden; Ältere seien für Jüngere zuständig, beim Essen wie bei der Köperhygiene; Spaziergänge finden in Viererreihen statt. „Auf längere Sicht würden wir sie gern an mehr Freiheit und Selbstständigkeit gewöhnen, damit sie etwa die Küchen in ihren Wohneinheiten nutzen können“, erklärt Stefan Helling-Voss.

Zunächst aber geht es eher darum, den Geflüchteten Angebote zu machen, um den Tag zu strukturieren, denn die Neuankömmlinge in Ebenezer sind voller Taten- und Bewegungsdrang. Dabei können die Verantwortlichen auf die Betheler Infrastruktur mit ihren vielen Werkstätten für behinderte Menschen zurückgreifen. Besonders beliebt scheinen die Gartenbetriebe zu sein. „Die jungen Erwachsenen haben auch schon gefragt, ob sie da Geld verdienen können“, sagt Helling-Voss.

Als nächstes auf der Liste: Sprachkurse

Ein junger Mann läuft jetzt durch den Speisesaal und begrüßt die Gesprächsrunde mit Handschlag wie alte Freunde. Dann gestikuliert er, zeigt nach oben und erklärt dabei etwas auf Ukrainisch – man bemüht sich, sich mit Händen und Füßen zu verständigen, oder mit einer Smartphone-App. „Das sind ganz besondere Menschen in dieser Gruppe“, sagt Julia Negri-Küster. „So lieb und herzlich – schade, dass wir uns so schlecht verständigen können.“ Das Kennenlernen ist wegen der Sprachbarriere schwierig. Darum wissen die Verantwortlichen bisher auch wenig über die persönlichen Schicksale der Kinder und Jugendlichen, über ihre Familien oder ihre traumatischen Erfahrungen auf der Flucht. Aber dafür wird bereits gesorgt: Auch Sprachkurse stehen auf der To-do-Liste in Bethel.

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