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Dirk Schümer hat mit „Die schwarze Rose“ seinen ersten Roman geschrieben. Bestseller-Autorin Donna Leon sagt über den Soester: „Er ist ein großartiger Geschichtenerzähler“. (Foto: Andreas Stephany/Zsolnay)

Wenn der Papst zum Bösewicht wird

Literatur

Aus der Printausgabe - UK 14 / 2022

Hans-Albert Limbrock | 5. April 2022

Der bekannte Kultur-Journalist Dirk Schümer hat mit „Die schwarze Rose“ seinen ersten Roman geschrieben

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Dirk Schümer hat mit „Die schwarze Rose“ seinen ersten Roman geschrieben. Bestseller-Autorin Donna Leon sagt über den Soester: „Er ist ein großartiger Geschichtenerzähler“. (Foto: Andreas Stephany/Zsolnay)
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Dirk Schümer: Die schwarze Rose. Paul Zsolnay Verlag 2022, 608 Seiten, 28 Euro. ISBN-13: 978-3-552-07250-3.

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Dirk Schümer (59) ist ein aus Soest stammender Journalist (FAZ, Die Welt) und erfolgreicher Autor von Sachbüchern. Mit „Die schwarze Rose“ hat er nun seinen ersten Roman veröffentlicht. Die über 600 Seiten knüpfen exakt da an, wo der Bestseller „Der Name der Rose“ von Umberto Eco (über 50 Millionen verkaufte Exemplare) aufhört. Im Interview mit Hans-Albert Limbrock verrät der Wahl-Baden-Badener, wie es zu der Idee kam und welches Verhältnis er zum Papst und zur Religion hat.

Sie sind über 40 Jahren Journalist und Buchautor. Jetzt der erste Roman. Wie lange schlummerte der schon in Ihnen?
Dirk Schümer: Gar nicht. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich nie einen Roman schreiben würde. Weil ich geglaubt habe, dass mir das nicht liegt. Ich habe mich immer eher als schnell reagierenden Journalisten gesehen und nicht als jemand, der sich viel Zeit für eine Geschichte und deren Entwicklung nimmt.

Was hat dann zum Umdenken geführt?
Kurz vor Corona habe ich nach langer Zeit mal wieder „Der Name der Rose“ von Umberto Eco zur Hand genommen und darin gelesen. Da ist mir dann in Windeseile eine – wie ich finde – originelle Idee zu einer spannenden Fortsetzung eingefallen. Diese Überlegung hat mich dann so überzeugt, dass ich von meiner eigenen Idee immer wieder vorangetrieben worden bin. Nach dem ersten Lockdown, den ich für intensive Recherchearbeit genutzt habe, hat das Projekt dann so richtig Fahrt aufgenommen.

Es ist eine Ich-Erzählung. Wie groß war die Versuchung, die Figur Wittekind als Zeitreise für Dirk Schümer zu benutzen?
Überhaupt nicht. Wittekind ist eine völlig andere Figur als ich. Er ist ein ziemliches Raubein, ein Kämpfer und wühlt sich förmlich in das Abenteuer. Ich bin eher der gemütliche und besonnene Typ. Wittekind ist daher in keiner Weise als autobiographische Figur angelegt.

Gleich zu Beginn gibt es einen zarten Hinweis auf Soest. Wie sehr hat die Stadt Ihr Verständnis von Kirche, Religion und Geschichte beeinflusst?
Soest war zu der damaligen Zeit, das Buch spielt im Frühjahr 1328, eine unheimlich bedeutende Stadt, eine Stadt mit europäischer Strahlkraft. Deshalb habe ich sie auch als Herkunftsort für die Wittekind-Figur gewählt. Aber der Bezug zu Soest ist eher für die Kenner gedacht. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dass das eine Art heimatautobiographische Geschichte ist. Die Stadt hat aber in der Tat mein Verständnis von Mittelalter schon sehr geprägt. Und man kann über das Mittelalter nicht schreiben, wenn man nicht über die Religion schreibt, die damals alles beherrscht hat. Es ist aber trotzdem mehr eine Beobachtung von außen; manchmal mit sehr viel Spannung, voller Faszination oder auch Abscheu, wenn es zum Beispiel um die Inquisition mit Scheiterhaufen und Verbrennungen geht. Das ist ja heutzutage Gott sei Dank aus der Mode gekommen.

Während „Der Name der Rose“ sich an den Geschichten von Sherlock Holmes orientiert, ist Ihr Buch eher in der Tradition amerikanischer Krimis à la Raymond Chandler geschrieben.
Das ist richtig. Ich liebe diese alten amerikanischen Krimis, die in dunklen Städten spielen, wo das Verbrechen an jeder Straßenecke lauert. Der typische Autor dafür ist Raymond Chandler mit seinem Detektiv Marlowe. Hier gibt es dann in dem Buch auch wieder einen kleinen Hinweis zu Soest, denn der Baumeister der Wiesenkirche heißt  Johannes Schendler. Chandler – Schendler, das fand ich recht witzig und hab ihn deshalb in den Roman als einen Freund von Meister Eckhart eingeführt.

Die Geschichte ist grundsätzlich fiktional. Aber es gibt zahlreiche Figuren, die wirklich gelebt haben. Wie haben Sie über die und die Schauplätze recherchiert? Reicht da heutzutage Google oder hatten Sie Einsicht in Originalquellen?
Nein, da reicht Google nicht. Ich habe in der Tat einige tausend Seiten über die Geschichte von Avignon gelesen und viele Quellen studiert. Der ganze Hintergrund des Romans ist von mir so nah wie möglich an den historischen Fakten orientiert. Ich bin sogar mit meiner Frau in Avignon gewesen und habe die Strecken, auf denen sich meine Figuren in der Stadt bewegen, regelrecht vermessen; habe geguckt, was noch an Straßen, an Häusern und Palästen da ist und mich nach Kräften bemüht, keine historischen Fehler einzubauen. Das war erstaunlicherweise eine sehr erfüllende Arbeit.

Wie sind Sie auf den Prediger Eckhart von Hochheim aufmerksam geworden und was hat Sie an dieser Figur gereizt?
Ich fand den Meister Eckhart schon immer toll. Ich habe viel von ihm und über ihn gelesen. Er ist in der Kirchenszene noch immer sehr in Mode, besonders wenn es um Innerlichkeitsseminare geht oder um seine Theologie der persönlichen Freiheit und der Versenkung oder wie man den Tod überwinden kann. Nämlich indem man sich selber nicht so wichtig nimmt. Das sind ja alles Themen, die weltweit noch aktuell sind. Und ich fand ihn als historische Gestalt spannend. Er ist ja nicht umsonst als Ketzer angeklagt worden, weil er gesagt hat: Gott ist überall anwesend und nicht nur in irgendwelchen kirchlichen Ritualen. Für den Kontakt mit Gott, fand Meister Eckhart, braucht der Mensch keine Priester. Sein Credo: Man muss die Religion vielmehr im eigenen Herzen fühlen und leben. In diesem Sinne war Meister Eckhart radikal modern.

Und wie ist er dann Teil der Romanhandlung geworden?
Ein Ausgangspunkt meines Buches waren die Franziskaner, die bei Eco so eine Art Sozialisten, Rebellen, fast Terroristen sind, und gesagt haben, dass der Reichtum der Kirche nicht im Einklang mit Religion und der Bibel steht. Sie haben deshalb gefordert, dass die Kirche zurück zu den Wurzeln und wieder arm werden muss. Dafür sind sie blutig verfolgt worden. Diese Mönche sind nach Avignon gezogen und haben den Papst direkt herausgefordert. Ich habe dann recherchiert und festgestellt, dass Eckhart von Hochheim zu dieser Zeit  – also im Frühling 1328 – auch in Avignon war. Eine meiner Vorgaben war ja, dass ich diese welthistorische Auseinandersetzung zwischen Papst und Armutspredigern in eine Krimihandlung weben wollte. Meister Eckhart ist buchstäblich aus dem Geschichtsbuch in meinen Roman gehüpft.

Das Buch besticht durch eine sehr hohe Detailtreue.
Ja, das hoffe ich doch. Es war mir wichtig, dass die überprüfbaren Angaben auch stimmen. Man kann nicht unbedingt recherchieren, wie das Wetter im Mai im Jahr 1328 an einem bestimmten Tag war. Aber man kann nachlesen, wie die Mondphasen waren. Wenn ich geschrieben habe, gestern war Vollmond, dann war auch Vollmond.

Die Kirche des Mittelalters wird in dem Buch in keinem besonders guten Licht dargestellt. Auch heute produziert sie – vor allem die katholische – eher negative Schlagzeilen. Sehen Sie da Parallelen? Hat Kirche in den letzten 700 Jahren aus Ihrer Sicht nur wenig oder auch gar nichts dazugelernt?
Ich enthalte mich da eines Urteils. Bei mir kommen sowohl sehr fromme und selbstlose Vertreter der Kirche wie auch sehr böse vor. Ich glaube, dass Religion, wenn man sie so versteht wie ich, nie nach einem besonderen moralischen Maßstab funktioniert. Es gibt dort immer gute und schlechte Menschen – so wie die Menschen nun einmal ganz allgemein sind. Deshalb bin ich da heute auch weder überrascht oder enttäuscht, wenn ich etwas über die Kirche lese. Ich blicke da sehr distanziert von außen drauf.

Der Papst in Ihrem Buch, Papst Johannes XXII, wird als ein unwahrscheinlich geldgieriger und auch brutaler, offenbar gewissenloser Kirchenführer beschrieben.
Das stimmt. Er war eine Art Dagobert Duck des Mittelalters, der Unmengen von Geld in ganz Europa eingesammelt hat. Unter dem Gesichtspunkt der Geldmacherei betrachtet war er ein Genie. Aber er hatte auch eine sehr dunkle Seite. Ich glaube, Menschen sind generell, wenn sie Macht haben und Macht ausüben, oft grausam, gierig  und böse – egal, ob sie sich dann Papst, Kaiser, König oder Bankier nennen. Bei diesem Papst kam dann halt alles zusammen. Aber für einen Krimi ist es natürlich toll, so einen Bösewicht zu haben. Das ist grandios.

Wie würden Sie Ihr persönliches Verhältnis zur Religion beschreiben?
Ich liebe die Schönheit der Bauten und der Kunst. Wenn Religion sich mit Kunst und Schönheit beschäftigt, versuche ich das zu genießen. Und wenn Religion sich durch Mord und Totschlag, Kreuzzüge und Hexenverbrennungen definiert, dann wundert mich das auch nicht. Ich glaube nicht, dass Religion per se was anderes ist als das, was Menschen sonst so fabrizieren.

Sie haben schon vorher einige Bücher geschrieben, themenbezogene Sachbücher über das Wandern oder über Fußball zum Beispiel. Ist es dennoch noch einmal etwas anderes, etwas Besonderes, seinen ersten eigenen Roman in den Händen zu halten?
Absolut. Es ist etwas sehr anderes. Gar nicht mal, weil ich die Literatur auf ein erhöhtes Podest setzen möchte, ein Sachbuch ist auch sehr wahre und harte Arbeit, auch viel Recherche. Aber hier war es so, dass ich viel mehr aus meiner Fantasie herausholen konnte. Es ist viel spielerischer. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das so viel Spaß macht und so erfüllend ist. Ich habe den Text über viele Monate immer wieder bearbeitet und ihn geschliffen. Von daher war es etwas völlig anderes.

Liest man sein eigenes Buch, wenn es dann gedruckt ist, noch einmal am Stück durch?
Nein, das habe ich bisher nicht. Dazu ist es mir noch zu präsent. Aber ich habe mir einzelne Kapitel angeguckt, weil ich ja auch aussuchen muss, was ich für die Lesungen, die demnächst hoffentlich anstehen, nehme. Und ich gebe zu, dass ich mich manchmal auch darin verloren habe. Aber das ist grundsätzlich ja vermutlich ein gutes Zeichen.

Haben Sie ein bestimmtes Ritual beim Schreiben?
Morgens bin ich zu gar nichts zu gebrauchen. Ich fange in der Regel nachmittags an, kann dann aber auch mehrere Stunden durchschreiben. So schreibe ich dann an guten Tagen 30, 40 Seiten.

Nach dem Roman ist vor dem Roman. Gibt es schon eine neue Idee?
Ich habe in der Tat Blut geleckt. Ich werde mich wieder von einer historischen Geschichte leiten lassen und da hinein dann eine möglichst blutige und abenteuerliche Fiktion und Krimihandlung transplantieren. Das nächste Buch wird in Florenz während der Pest spielen. Da arbeite ich mich jetzt gerade rein.

Dirk Schümer: Die schwarze Rose. Paul Zsolnay Verlag 2022, 608 Seiten, 28 Euro.
ISBN-13: 978-3-552-07250-3.

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