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Grafik: TSEW/Shutterstock.com (Aramanda/Davydenko Yuliia)

...und niemand hatte Mangel

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 14 / 2022

Bernd Becker | 4. April 2022

Wenn Not droht, wollen die Menschen vorsorgen. Das ist vernünftig und richtig. Zum Problem wird‘s, wenn dann für die anderen nichts mehr übrig bleibt. Was also tun?

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Grafik: TSEW/Shutterstock.com (Aramanda/Davydenko Yuliia)

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Gestern der Selbstversuch im Supermarkt. Einkauf in Zeiten von Pandemie und Kriegsangst. Und tatsächlich: Kein Zucker mehr da, kein Toilettenpapier.

Was schon seit einigen Wochen wieder zu Witzen und Empörung führt, ist Realität. In anderen Läden fehlen Speiseöl, Mehl oder Hefe. Nun sind die Gründe für den Mangel wohl vielfältig. Corona steht diesmal weniger im Fokus als der Krieg in der Ukraine. Die Auswirkungen auf den Weltmarkt sind schwer einzuschätzen. Zudem gilt die Ukraine schon von jeher als „Kornkammer Europas“, und ein Großteil des Sonnenblumenöls in Deutschland stammt von dort oder aus Russland.

Dass nun manche Autofahrer Speiseöl statt Diesel in den Tank kippen, ist angesichts der gestiegenen Spritpreise vielleicht nachvollziehbar, aber verschärft die Not im Kaufmarkt umso mehr.

Viele Menschen haben zudem Sorge, dass Lebensmittel nicht nur knapp, sondern vor allem teurer werden könnten. Auch das ein Grund fürs Hamstern, der vielleicht am ehesten nachvollziehbar ist. Genauso wie der Domino-Effekt: Ich sehe, das Regal ist leer, also kaufe ich beim nächsten Mal auch schnell ein paar Packungen mehr.
Und ein letzter Aspekt: An die Menschen im Kriegsgebiet und ukrainische Flüchtlinge werden derzeit auch große Mengen an Grundnahrungsmitteln weitergegeben.

Trotz alledem sei ein echter Mangel jedoch nicht zu erwarten, erklären Politik und Wirtschaft – und hoffen so, das Hamstern zu stoppen.

Aber das Handeln der Bürgerinnen und Bürger ist nicht immer rational. Manche Wissenschaftler vergleichen diesen Effekt mit der „Tragik der Allmende“. Allmende bezeichnet seit dem Mittelalter eine gemeinschaftlich genutzte landwirtschaftliche Fläche. Tragisch wird es, wenn bei der Bewirtschaftung nicht mehr das Gemeinwohl im Mittelpunkt steht, sondern der persönliche Vorteil des Einzelnen. Dann ist das Feld nämlich irgendwann nicht mehr zu gebrauchen. Oder der Teich überfischt.
Und genauso ist, wenn jeder nur an sich denkt, das Supermarktregal halt leer. Das nutzt dann weder dem Gemeinwohl noch dem eigenen.

Wo ist nun der Ausweg aus dem Schlamassel? Ganz schlicht: Besinnung auf Tugenden wie Fairness und Solidarität. Welche Mengen an bestimmten Produkten brauche ich wirklich? Die übrigen lasse ich den anderen da.
Klingt einfach, aber dafür müssen vielleicht Ängste überwunden werden, die seit Generationen weitergegeben werden. Beispiele dafür, dass das gelingen kann, gab es zum Glück immer wieder.

Nicht zuletzt in der sogenannten „Urgemeinde“ in Jerusalem. Von ihr heißt es in der Apostelgeschichte: „Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte.“

Diese Verse gelten oft als Utopie. Aber der Ansatz ist dennoch richtig. Deutlich mehr Gemeinsinn und Sorge um den Mitmenschen. Wie heilsam das sein könnte, für unsere Gesellschaft und letztlich für die ganze Welt.

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