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Erika Maluck, Leiterin des Trauer-Fuchsbaus und Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche des ambulanten Hospizdienstes "Lebenshaus" in Barsinghausen (Foto vom 08.03.2022). Aufgefangen werden hier nicht nur Menschen, die im Sterben liegen, sondern auch trauernde Familienmitglieder - und das weit über den Tod ihrer Angehörigen hinaus. (Foto: epd-bild/Jens Schulze)

«Und dann soll man einfach wieder funktionieren»

Trauer

Julia Pennigsdorf (epd) | 7. April 2022

Im «Lebenshaus» werden Trauerprozesse ins Leben integriert

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Erika Maluck, Leiterin des Trauer-Fuchsbaus und Trauerbegleiterin für Kinder und Jugendliche des ambulanten Hospizdienstes "Lebenshaus" in Barsinghausen (Foto vom 08.03.2022). Aufgefangen werden hier nicht nur Menschen, die im Sterben liegen, sondern auch trauernde Familienmitglieder - und das weit über den Tod ihrer Angehörigen hinaus. (Foto: epd-bild/Jens Schulze)

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Wer trauert, braucht Zeit, ein offenes Ohr und Verständnis. Im «Lebenshaus» in Barsinghausen gibt es all das. Für Frauen wie Janine Steinhoff, deren Mann letztes Jahr an Ostersonntag starb. Und für trauernde Kinder, deren Gefühle oft zu kurz kommen.

Barsinghausen/Klingenmünster (epd). Der Blick in den Garten beweist es: Das «Lebenshaus» hat seinen Namen verdient. Trauerhaus - nein, das würde nicht passen, nicht angesichts des fröhlich-trubeligen Treibens auf der sonnigen Wiese. Kinder und Erwachsene werfen sich Bälle zu, zwischen ihnen springt Hund Kalle, ein hellbrauner Labradoodle, schwanzwedelnd in die Höhe, um einen Ball zu erhaschen. Die Kinder juchzen vor Freude.

   Das «Lebenshaus» in Barsinghausen in der Region Hannover ist Sitz des ambulanten Hospizdienstes «Aufgefangen», der 1992 im Kirchenkreis Ronnenberg gegründet wurde und seit 2003 als Verein organisiert ist. Aufgefangen werden hier nicht nur Menschen, die im Sterben liegen, sondern auch trauernde Familienmitglieder - und das weit über den Tod ihrer Angehörigen hinaus.

   Im «Lebenshaus» gibt es zwei Trauergruppen - eine für Erwachsene und den «Fuchsbau» für Kinder und Jugendliche. Gerade für Kinder sind Trauerangebote in der Region überschaubar. Insgesamt engagieren sich vier Sterbe- und zwei Trauerbegleiterinnen hauptamtlich für «Aufgefangen», dazu kommen Dutzende Ehrenamtliche.

   Eine von ihnen ist Brigitte Hürter. Sie sitzt mit Janine Steinhoff, Canan May-Avci und Bettina Liebe bei einem Roibuschtee zusammen. Die drei Frauen haben viel gemeinsam. Sie sind noch relativ jung, 48, 46 und 47 Jahre alt. Sie haben Kinder im Alter von sechs bis 24 Jahren und sind doch schon Witwen. Steinhoff verlor ihren Mann Henning am Ostersonntag vor einem Jahr. Er starb an einem Gallengangs-Karzinom. May-Avcis Ehemann Mehmet starb im Sommer 2020 ebenfalls an Krebs, und Bettina Liebes Mann Torsten erlag 2017 einem Herzinfarkt.

   Den Austausch in der Gruppe schätzen sie. «Hier kann ich trauern, hier bin ich nicht allein», sagt May-Avci. Die Gesellschaft würde zu schnell erwarten, dass Trauer sich lege: «Und dann soll man einfach wieder funktionieren.» Liebe nickt: «Am Anfang sind alle da, aber dann wollen sie nichts mehr davon hören.» Die Frauen berichten, wie verletzend es sei, wenn ihnen Bekannte und Nachbarn aus dem Weg
gingen. «Tod ist noch immer ein Tabu», sagt Steinhoff. Viele Menschen seien damit schlicht überfordert. «Ich wünschte, wir alle würden mit Trauer offener umgehen.»

   Dass Trauernde ihren Verlust auf eigene Weise verarbeiten wollen, ohne Druck und in dem Wissen, dass ihr Umfeld Verständnis hat, bestätigt auch Kirsti Gräf. Sie engagiert sich im Vorstand des Bundesverbandes Trauerbegleitung im rheinland-pfälzischen Klingenmünster und begleitet seit 20 Jahren Trauernde. «Wir haben als
Gesellschaft verlernt, mit Trauer umzugehen», sagt sie.

   Aus Sprachlosigkeit duckten sich Menschen weg. Das gelte selbst für Freunde. «Da kommt dann noch der Satz: 'Melde Dich, wenn ich was tun kann', und das war's.» Doch Trauernde schafften genau das oft nicht. Gräf rät dazu, am Ball zu bleiben: «Erkundigen Sie sich immer mal wieder, bieten Sie Gespräche und Spaziergänge an.»

   Statistisch gesehen dauerten Trauerprozesse sechs bis acht Jahre, betont Gräf. Nach einigen Monaten sei der erste Schockzustand vorüber, und Gefühle brächen sich Bahn. «Nach einem Jahr kann man davon sprechen, dass die ersten Schritte in ein neues Leben, in dem der Verstorbene seinen Platz hat, ausprobiert werden können.» Dann entscheide sich, ob die Trauerbewältigung mit Selbstheilungskräften
gelinge oder Unterstützung brauche.

   Davon, dass Kinder Hilfe benötigen, ist die Leiterin des «Fuchsbaus», Erika Maluck, überzeugt. Während es die Mütter im «Lebenshaus» genießen, unter sich über ihre Gefühle sprechen zu können, spielen und klönen die Kinder im Erdgeschoss. «Kinder werden in ihrer Trauer oft nicht gesehen», sagt Maluck. Sie wollten nicht zusätzlich zur Last fallen, sondern ihre Familie stabilisieren. «Ihre Gefühle kommen oft zu kurz.» Eltern versuchten sie zu schützen, indem sie sie zum Beispiel nicht mit zu der Beerdigung nehmen. «Dabei wollen Kinder gefragt, einbezogen, ernstgenommen werden».

   Im «Fuchsbau» können 5- bis 21-Jährige ihrer Trauer Ausdruck verleihen. Es gibt eine «Himmelsleiter» und im Garten flatternde Fahnen mit Grüßen an die Verstorbenen. Es gibt einen Baum, unter dem Gedenksteine liegen, eine hellblaue «Tür ins Jenseits» - und einen Sarg. Der ist besonders beliebt. Die Kinder haben ihn bemalt. Sie mögen es, sich reinzulegen, mit Kissen und Stofftieren. So fühlt sich
das also an. Wer mutig ist, nimmt die Taschenlampe mit und klappt den Deckel zu. Maluck lächelt. «Das ist Trauerarbeit», sagt sie.

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