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Grafik: TSEW/shutterstock.com (Eric Isselee/Liliya Kulianionak/Ollyy/Hurst Photo)

Ein wenig Demut

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 13 / 2022

Anke von Legat | 28. März 2022

Liebe, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Intelligenz – all das, was wir als Besonderheit der „Gattung Mensch“ betrachten, gibt es im Tierreich schon lange

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Grafik: TSEW/shutterstock.com (Eric Isselee/Liliya Kulianionak/Ollyy/Hurst Photo)

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Kraken sind Weltmeister im Vermessen. Eine enge Röhre, die zu einem Leckerbissen führt, tasten sie zunächst mit ihren Fangarmen ab. Wenn die Öffnung groß genug ist, schlüpfen sie hinein – wenn nicht, verzichten sie auf den Versuch.
Ameisen leben in Staaten mit bis zu 20 Millionen Mitgliedern. Vom Nestbau bis zur Müllabfuhr haben alle ihre Aufgabe. Nur eines gibt es nicht: ein Leittier. Trotzdem funktioniert das Zusammenspiel perfekt.

Tauben haben zwar ein eingebautes Navigationssystem, das sie über Hunderte von Kilometern nach Hause finden lässt, nutzen aber aus Bequemlichkeit auch von Menschen vorgegebene Routen: Sie fliegen dann entlang von Eisenbahnlinien und Straßen und halten sich sogar genau an Kreisverkehre.

Tiere besitzen Kräfte und Fähigkeiten, die uns Menschen ganz klein aussehen lassen. Das gilt auch für ihre sozialen Fähigkeiten: Sie haben Freunde und Feinde, spielen zusammen, belügen einander und trauern über den Tod von Artgenossen. Einige wenige Tierarten, wie Elefanten und Affen, aber auch Delfine und Elstern, erkennen sich sogar im Spiegel, was auf ein Bewusstsein des eigenen Ichs hindeutet.

Schaut man auf all diese hochspezialisierten Fähigkeiten, dann stellt sich die Frage: Wieso halten wir Menschen uns eigentlich für die Krone der Schöpfung? Wir sind schwächer, langsamer und viel weniger widerstandsfähig als ein Großteil der Tiere. Liebe, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Kreativität, Intelligenz – all das, was wir uns so großspurig als „typisch menschlich“ auf unsere Fahnen schreiben, gibt es im Tierreich schon lange. Und bedenkt man den Selbstzerstörungstrieb des Menschen, der das Überleben des gesamten Planeten betrifft, dann wachsen die Zweifel an dieser Überheblichkeit nur noch: Klimawandel, Umweltvergiftung und ein Krieg, bei dem plötzlich wieder der Einsatz von Atomwaffen möglich erscheint, sind nicht gerade Ausweise eines überlegenen Bewusstseins, das die Welt intelligent zu gestalten vermag.

Woher stammt aber dann die Arroganz, mit der wir unsere Sonderrolle in der Schöpfung behaupten? Zum einen wohl von den bisher überdurchschnittlich erfolgreichen Strategien, die die Gattung Mensch anwendet, um seine körperlichen Nachteile auszugleichen. Dazu gehört eine ausgeprägte Anpassungsbereitschaft an veränderte Umweltbedingungen, die Weitergabe von Wissen und ein hoch entwickeltes Einfühlungsvermögen, das die Zusammenarbeit mit anderen erleichtert. Allerdings scheinen all diese Fähigkeiten gerade an ihre Grenzen zu kommen. Ob sie ausreichen, uns das Überleben zu sichern, ist noch nicht ausgemacht.

Außerdem sind da natürlich die  biblischen Schöpfungsberichte, die dem Menschen eine Sonderstellung einräumen: von Gott beim Namen genannt, mit Geist begabt, zum Herrscher über die Erde gesetzt. So jedenfalls sah über Jahrtausende hinweg die menschliche Deutung der Welt aus, mit der sie ihre Sonderstellung begründete. Ob das allerdings wirklich so gemeint war, als Gott am Ende seiner Schöpfung sein „Siehe, es war sehr gut“ sprach? Es gibt da Zweifel. Ein wenig Demut wäre angesagt.

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