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Rein damit: Im ostwestfälischen Halle packen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer Kisten für den Weitertransport in die Westukraine. (Foto: privat)

Von A wie Anlaufstelle bis Z wie Zusammenhalt

Aus der Printausgabe - UK 12 / 2022

UK | 24. März 2022

Wie Kirchengemeinden in der westfälischen und lippischen Landeskirche Menschen aus der Ukraine helfen

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Rein damit: Im ostwestfälischen Halle packen ehrenamtliche Helferinnen und Helfer Kisten für den Weitertransport in die Westukraine. (Foto: privat)

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Immer mehr Menschen flüchten aus der Ukraine vor dem Krieg. Vor allem Frauen mit ihren Kindern suchen Schutz außerhalb ihrer Heimat. Wo auch immer die Geflüchteten hinkommen – die Hilfsbereitschaft ist groß. Auch in Westfalen und Lippe engagieren sich Kirchengemeinden. Sie öffnen ihre Gemeindehäuser, sammeln Spenden und arbeiten mit Kommunen und Hilfsorganisationen zusammen, um die Hilfe in die richtigen Bahnen zu leiten. Hier ein paar Beispiele – stellvertretend für die vielen hilfsbereiten Menschen.

Der orthodoxe Priester: direkte Kontakte

Burbach: Kontakte zur Ukraine gibt es in der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde Burbach im Siegerland schon seit über 20 Jahren. Pfarrer Jochen Wahl, aktiv im CVJM, lernte den Vorsitzenden des CVJM in der Ukraine kennen: einen russisch-orthodoxen Priester. Die Verbindung zu dem Geistlichen, der um seiner persönlichen Sicherheit willen anonym bleiben soll, besteht auch jetzt noch – und macht eine gezielte Hilfe in der Zentralukraine möglich.
„Eigentlich wollte er uns im Februar besuchen“, erzählt Jochen Wahl. „Dabei wollten wir ihm Spendengelder mitgeben, mit denen er vor Ort Bedürftige unterstützt.“ Diesen Plan durchkreuzte der Kriegsausbruch. Aber Überweisungen sind nach wie vor möglich. „Wir haben uns extra beim Kreiskirchenamt beraten lassen, haben dann das Geld überwiesen und wissen auch, dass es angekommen ist“, sagt Wahl.
Das Geld ist inzwischen schon in Nahrungsmitteln, Medikamenten und anderen wichtigen Gütern des täglichen Bedarfs angelegt, wie ein Foto zeigt, das der Priester nach Burbach geschickt hat: Da stapeln sich Mehlsäcke und Kartons mit Kohlköpfen, Konserven und Getränken. „Er kauft das, was noch zu kriegen ist, und bringt es in Waisenhäuser, Gefängnisse oder Krankenhäuser“, sagt Wahl.
Die Kirchengemeinde in Burbach hat außerdem Kleinlaster mit Hilfsgütern an die ukrainische Grenze geschickt und bereitet gerade eine Etage im Gemeindehaus für die Aufnahme geflüchteter Menschen vor. Geld gesammelt wird weiterhin. Infos dazu gibt es im Internet: https://burbach.kirchenkreis-siegen.de/. leg

Das Gemeindehaus: Gemeinschaft stärken

Lage-Heiden: In der Evangelisch-Reformierten Kirchengemeinde Heiden ist man noch in der Planungsphase, wie Pfarrerin Brigitte Fenner erzählt. „Wir versuchen gerade, die vielen persönlichen Hilfsangebote zu sammeln und in Zusammenarbeit mit der Stadt Lage zu koordinieren“, erklärt sie. Das lippische Lage hat gerade einen großen Zustrom an Menschen aus der Ukraine zu verzeichnen – eventuell deshalb, weil es schon vorher eine ukrainische Community und zudem eine Reihe an Freikirchen gab, wie die Pfarrerin vermutet.
„Uns ist dabei aufgefallen, dass viele größere Gruppen ankommen: Großfamilien oder ganze Nachbarschaften“, sagt Fenner. „Die haben ein großes Bedürfnis, zusammenzubleiben und nicht über eine große Fläche verteilt zu werden – sehr verständlich in ihrer Situation.“ Darum kam in Heiden die Idee auf, die Gemeinde als eine Art „großes Quartier“ zu organisieren: Die Menschen würden dann zwar dezentral in verschiedenen Haushalten untergebracht, könnten aber das Gemeindehaus als Anlaufzen­trum und Gemeinschaftsort nutzen. Zudem könnte die Gemeinde hier weitere Hilfe anbieten. „Das wäre zumindest für den Anfang nicht schlecht“, meint die Pfarrerin. leg

Das Corona-Netzwerk: bewährte Truppe

Dülmen: Gemeindediakon Ralf Kernbach hat bereits viel Erfahrung mit Hilfsangeboten und deren Koordination. Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie hat er ein Netzwerk Corona-Hilfe aufgebaut. „Darauf kann ich jetzt zurückgreifen und es nutzen, um Hilfe für Geflüchtete aus der Ukraine zu leisten“, sagt der 62-Jährige. Los ging es in Dülmen Anfang März mit einer Kleider-Sammelaktion. „Wir hatten über das Wochenende gesammelt und gepackt, aber am Montag hieß es dann schon, es sei bereits zu viel Kleidung unterwegs, Kommando zurück.“ Nach seinen Informationen kommen viele Transporte nicht mehr über die polnische Grenze – wegen Spionageverdacht.
Jetzt konzentrieren sich die Dülmener auf die Hilfe vor Ort. Ralf Kernbach ist im Kontakt mit der Kommune, anderen Einrichtungen und Helfenden. „Das ist wichtig. Blinder Aktionismus hilft nicht.“ Ziel ist es, Geflüchtete aufzunehmen, Hilfsangebote vor Ort zu schaffen. „Wir rufen jetzt zu Spenden auf: Hygieneartikel, Medikamente und gute, tragbare Kleidung für Frauen und Kinder.“ Kernbach hat Jugendliche aktiviert, die ebenfalls Sammelaktionen unterstützen und sich um technische Hilfsmittel wie Handys und Ladestationen kümmern. Andere organisieren Demos für den Frieden und Jugendgottesdienste.
Von einem Pfarrer im Schuldienst hat er gehört, dass es Probleme gibt – Kinder russischer Abstammung werden angefeindet. „Da ist Aufklärung nötig, wir wollen gemeinsam für Frieden auf die Straße gehen“, sagt der Diakon. Er rechnet damit, dass ein Container-Dorf in Dülmen entstehen wird, wo Geflüchtete erst einmal unterkommen können. „Viele Aufgaben werden sich dann auch erst kurzfristig ergeben. Sich zu engagieren tut gut, es hilft gegen das Ohnmachtsgefühl.“ kil

Die 40-Tonner: Hilfe mit Partnern

Halle: Als im ostwestfälischen Halle die Frage auftauchte, wie man Menschen in der Ukraine helfen könnte, kamen Sebastian Plath seine Erfahrungen aus zahlreichen früheren Hilfseinsätzen zugute. „Wir suchen uns immer gezielt Ansprechpartner vor Ort, mit denen wir zusammenarbeiten“, erklärt der Gemeindepädagoge, der in der Haller Gemeinde mehrere Projekte für benachteiligte Menschen betreut. „Für die Ukraine haben wir uns mit der diakonischen Hoffnungstaler Stiftung Lobetal bei Berlin zusammengetan. Die fahren alle zwei Tage mit 40-Tonnern zu Partnerorganisationen in die Westukraine und bringen Hilfsgüter.“
Für diese Transporte wurde auch in Halle gesammelt: Hygieneartikel, Verbandsmaterial, lang haltbare Lebensmittel, Powerbanks, Taschenlampen und Kerzen. „Manche Leute sind mit zwei, drei Sachen vorbeigekommen, manche fuhren mit ganzen Kofferraumladungen vor“, erzählt Plath. Besonders erinnert er sich an die alte Frau, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt hat und erzählte, wie sie sich mit ihrem Bruder eine einzelne Kartoffel geteilt hat. „Die sagte: Jetzt gebe ich auch was ab“, sagt Plath.
Einen Tag lang wurden die Spenden dann von freiwilligen Helferinnen und Helfern sortiert, in Kartons verpackt und in Kleinbusse geladen, die nach Lobetal fuhren. „Es tut auch uns gut, helfen zu können“, findet der Gemeindepäda­goge.
Inzwischen hat man in Halle Kontakt zu polnischen Gemeinden aufgenommen, die Geflüchtete unterbringen und versorgen. „Die leisten Unglaubliches. Wir wissen von Kinderheimen, die jetzt doppelt, dreifach belegt sind“, sagt Plath. Auch dort will die Haller Kirchengemeinde helfen. leg

Das leere Pfarrhaus: Unterkunft für Familien

Lage-Kachtenhausen: Ein leerstehendes Pfarrhaus erwies sich als eine ideale Unterkunft für die Menschen aus der Ukraine, die seit dem 9. März in der Johannes-Kirchengemeinde Lage-Kachtenhausen im Kreis Lippe eintrafen. „Wir haben es entrümpelt, sauber gemacht und jetzt bietet es Platz für 15 Personen“, berichtet die ehrenamtliche Mitarbeiterin Melina Braun. Nach einem Aufruf im Internet und auf Facebook habe sie binnen acht Stunden alle notwendigen Spenden zusammengehabt – darunter Betten, eine Kinderspiel­ecke, zwei Waschmaschinen, ein Fernsehgerät, Fahrräder, Hygieneartikel und Ausstattungen für drei Bäder und eine komplette Küche. „Und ein ortsansässiger Bauer hat uns Lebensmittel geliefert“, erzählt Braun. „Unser Team war super motiviert und ist es jetzt auch noch. Hilfsbereitschaft, Fürsorge und Zusammenhalt waren unglaublich. Die Gemeinde war längst nicht immer so lebendig wie heute.“
„Als die ersten Flüchtlinge ankamen, war sehr bewegend, sich vorzustellen, woher sie gekommen sind und was sie durchgemacht haben“, erinnert Braun sich. „Eine Familie ist zwei oder drei Tage lang gefahren. Die waren sehr erschöpft und sehr dankbar für die Hilfe.“ Sie hält für möglich, dass viele von ihnen traumatisiert sind. „Wir gehen damit sehr behutsam um. Die Leute sollen sich bei uns willkommen fühlen. Das Seelsorge-Angebot steht, aber niemand soll sich genötigt fühlen, von seinen Erlebnissen zu erzählen. Wir wollen schließlich keine Traumata triggern.“
Zurzeit vernetzen sich mehrere Ehrenamtliche miteinander, um die Neuankömmlinge beim Lernen der Sprache, bei Behördenbesuchen, mit Fahrdiensten oder mit seelsorgerlicher Hilfe zu unterstützen. Melina Braun hat dies initiiert und wird es weiterhin koordinieren. „Für uns ist es echt ein Glücksgriff, dass sie das in die Hand genommen hat“, lobt Kirchenvorstandsmitglied Nina Schnelle.
Vereinzelt hätten Gemeindemitglieder auch Flüchtlinge zu Hause aufgenommen. Für einen 16-jährigen Jungen aus einer Flüchtlingsfamilie konnte schon die Teilnahme am Fußballtraining des benachbarten Sportvereins organisiert werden. „Das ist viel wert, schließlich ist soziale Teilhabe total wichtig“, erklärt Braun. mwi

Wer helfen möchte – Geldspenden sind willkommen und vielfältig einsetzbar: Diakonie Katastrophenhilfe: IBAN DE68 5206 0410 0000 5025 02 (Evangelische Bank), Stichwort: Ukraine Krise.

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