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Medienpädagoge: «Undurchsichtig, verwirrend und teilweise verstörend»

epd-Gespräch

Inga Jahn (epd) | 17. März 2022

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Berlin/Hannover (epd). Der Medienpädagoge Lennart Hesse-Sörnsen von der Online-Beratungsplattform Juuuport.de sieht in Fehlinformationen über den Ukraine-Konflikt in sozialen Medien eine Gefahr für junge Menschen. Es sei schwer, Echtes von Falschem zu unterscheiden, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Bei Juuuport.de mit Sitz in Hannover beraten Jugendliche und junge Erwachsene andere junge Menschen, die Probleme im Netz haben. Dabei geht es etwa um Cybermobbing, Stress in sozialen Medien, Online-Abzocke und Datenklau. Die kostenlose Beratung erfolgt per Kontaktformular oder WhatsApp.

 

epd: Herr Hesse-Sörnsen, auf den Social-Media-Plattformen kursieren unter anderem gefälschte Inhalte zum Krieg in der Ukraine. Was sind das für Inhalte?

   Hesse-Sörnsen: Es gibt vor allem Videos, die einen hautnahen Blick auf die Szenerie vor Ort versprechen. Videos aus vermeintlichen Kriegsgebieten, bei denen sich dann aber herausstellt: Das ist gar nicht an diesem Ort, gar nicht zu dieser Zeit gedreht worden. Oder es werden echte Tonaufnahmen verwendet, aber über völlig andere Bilder gelegt. Das alles findet innerhalb einer Flut von Nachrichten statt, sodass es wahnsinnig schwer ist Echtes von Falschem unterscheiden. Es ist wahnsinnig undurchsichtig, verwirrend und teilweise verstörend.

epd: Warum existieren diese Falschinformationen auf den Plattformen?

   Hesse-Sörnsen: Grundsätzlich gibt es Personen, Institutionen oder auch Staaten, die versuchen sich Social Media für ihre Propaganda zunutze zu machen. Politische Gegner sollen so in ein schlechtes Licht gerückt werden, oder es soll eine bestimmte Stimmung zu einem Thema kreiert werden. Deswegen ist es gerade umso wichtiger, die junge Generation, die sich gerade auf den Plattformen wie beispielsweise TikTok tummelt, präventiv zu schulen und ihnen einen kritischen Blick auf Medien beizubringen. In der aktuellen, wirklich besonderen und dramatischen Situation muss man sich aber auch fragen: Was will ich mir zumuten? Es kann etwas mit der mentalen Gesundheit machen, wenn ich permanent mit dramatischen Bildern und Videos konfrontiert bin. Insofern ist es ratsam, immer wieder auch Abstand von den Plattformen zu nehmen und sich auf wenige, aber seriöse Quellen zu beschränken.

epd: Wie können Nutzerinnen und Nutzer sicherstellen, dass Inhalte vertrauenswürdig sind?

   Hesse-Sörnsen: Der erste und offensichtlichste Schritt ist, sich die Quelle des Inhalts anzuschauen. Handelt es sich um ein Nachrichtenportal, eine Expertin oder einen Journalisten? Außerdem kann berücksichtigt werden, ob ein Account als verifiziert gekennzeichnet ist, also einen entsprechenden Haken oder ein Abzeichen hat. Und es lohnt sich, zu schauen, was die Person zuvor gepostet hat und wie viele Follower der Account hat. Ansonsten könnte man die Person auch einfach mal googeln und schauen, was man über sie findet. Bilder und Videos können zudem mit Tools, wie die Bilder-Rückwärtssuche, geprüft werden, die zeigen, wann und in welchem Zusammenhang die Inhalte vielleicht schon einmal veröffentlicht wurden.

epd: Auf der Plattform TikTok hat unter anderem der Account @valerisssh für Aufsehen in den Medien gesorgt. Was ist zu sehen?

   Hesse-Sörnsen: Auf dem Account wird auf eine sehr eigene, man kann schon sagen künstlerische Art, direkt aus der Ukraine berichtet. Eine junge Frau befindet sich, so wie es aussieht, in einem Bunker und dreht von da aus Videos in typischer TikTok-Manier - also teilweise mit Musik oder Effekten hinterlegt. Sie zeigt Bilder von Zerstörung und von vor dem Krieg und kommentiert diese, ihre Fans würden sagen, auf humorvolle, Kritiker werfen ihr vor, auf sarkastisch, auf zynische Weise; aus meiner Sicht in jedem Fall ohne die Sache zu verharmlosen oder in einen falschen Kontext zu stellen. Das kann einem gefallen oder nicht, aber immerhin, im Gegensatz zu den vielen Falschinformationen, die auf der Plattform kursieren, ist das ein relativ authentischer Blick gepaart mit ihrem eigenen Humor. Im Endeffekt erleben wir, wie die junge Frau sich in dieser doch sehr dramatischen Situation auf ihre Weise ausdrücken möchte und das gilt es zu respektieren.

epd: Unterscheidet sich TikTok in der Darstellung von anderen Plattformen?

   Hesse-Sörnsen: Bei TikTok ist das Besondere die eher spielerische, unterhaltsame Form. Das kann besonders junge Menschen mit weniger Medienerfahrung überfordern. Hinzu kommt auf Plattformen, wie Instagram oder TikTok, dass der Algorithmus dahinter einen starken Einfluss darauf hat, welche Inhalte die Nutzerinnen und Nutzer angezeigt bekommen. Das heißt dann auch, wenn ich in einen Strudel von Fake News gerate, dann kann es sein, dass aus dieser Kategorie immer mehr angezeigt werden.

epd: Welche Rolle nehmen Beratungseinrichten wie Ihre da ein?

   Hesse-Sörnsen: Gerade wenn Jugendliche und junge Menschen sich bei Themen wie Fake News unsicher fühlen, brauchen sie Personen und Institutionen, an die sie sich wenden können. Oftmals trauen sie ihren Eltern oder Lehrkräften bei Themen wie TikTok wenig Kompetenz zu, weil sie diese Generation schlichtweg mit dieser Welt nicht in Verbindung bringen. Wir haben junge Menschen, die anderen mehr oder weniger Gleichaltrigen bei Themen wie Cybermobbing und Fake News weiterhelfen. Man kann sich also niedrigschwellig, vertraulich und kostenlos an unsere Scouts wenden, die auf Augenhöhe zu Online-Themen beraten.

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