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Ein eingängiges Plakatmotiv macht auf die diesjährige Fastenaktion aufmerksam. (Foto: 7 Wochen Ohne/Getty Images)

Der Meister, der vom Himmel fiel

7 Wochen ohne

Aus der Printausgabe - UK 09 / 2022

Susanne Breit-Keßler | 2. März 2022

Ab Aschermittwoch gibt es wieder Gelegenheit, einen anderen, ungewohnten Blick aufs Leben auszuprobieren

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Ein eingängiges Plakatmotiv macht auf die diesjährige Fastenaktion aufmerksam. (Foto: 7 Wochen Ohne/Getty Images)

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Jedes Jahr begleitet die Fastenaktion der evangelischen Kirche Christinnen und Christen durch die Passionszeit. Dazu gibt es jeweils ein Motto, das das Fasten aus einem ganz ungewöhnlichen neuen Blickwinkel ermöglicht. Dieses Jahr dreht sich alles um das „Üben – sieben Wochen ohne Stillstand“. Die ehemalige Regionalbischöfin im Kirchenkreis München und Oberbayern, Susanne Breit-Keßler, beschreibt, wie es in ihr Leben passt.

Es gibt Redensarten, die nerven. Deswegen, weil in ihnen etwas Besserwisserisches steckt, eine joviale, herablassende Art, die einem weismachen will, wie dumm und ungeschickt man doch (noch) ist. „Übung macht den Meister“ gehört für mich dazu. Ein Satz, den es in fast allen Sprachen gibt. Wenn ich ihn höre, schwanke ich zwischen enormer Langeweile und einer gehörigen Portion Aggression. Bei einer solchen Stimmungsbreite lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

„Übung macht den Meister“ ist eine Plattitüde. Was sonst sollte man tun außer üben, wenn man etwas noch nicht kann? Geige – ein Instrument, das ich nie lernen wollte: „Musst du üben“, sagten meine Eltern, die mich in den schulischen Instrumentenunterricht schickten. Der Musiklehrer, der unsereinem bei Fehlern mit dem Geigenbogen auf die Finger schlug, war nicht eben ein guter Pädagoge, sondern ein veritabler Motivationskiller. Ich habe sämtliche Etüden für immer beendet.

Üben? Ja. Aber nicht alles lohnt sich

Mathematik, neben Handarbeit und Turnen meine schwache Seite in der Schule: musst du üben. Das habe ich mit verzweifeltem Ernst getan, denn Herr L., der uns Geometrie und Infinitesimalrechnung beibrachte, gab alles, um meinen zurückhaltenden Fähigkeiten auf diesem Gebiet aufzuhelfen. Einen so netten Menschen am Rande des Nervenzusammenbruchs konnte man nicht enttäuschen. Außerdem fand ich Mathe nützlicher für das Leben als hingeschrammelte Geigenstücke, gehäkelte Babyjäckchen und eine alberne Kür mit Keulen.

Musst du üben? Nein, nicht alles. Vor allem das nicht, was andere einem unbedingt als Aufgabe geben möchten, ob es zu einem passt oder nicht. Werken wäre mir mit 14 Jahren lieber gewesen als Kindersachen fertigen. Kampfsport hätte mich genauso wie Klavierspielen deutlich mehr auf Trab gebracht als gymnastische Übungen und das fiepende Schulorchester. Üben! Das ist wahrlich nicht immer freiwillig – aber der Sinn wenigstens muss einem einleuchten. Er muss unumgänglich sein.

Übung macht den Meister. Ärgerlich an diesem banalen Satz stimmt mich der Druck, der dahintersteht. Man muss üben, sonst wird das alles nichts – was auch immer dieses „alles“ jeweils ist. Ich weiß gar nicht, wie oft ich in meinem Leben aus purem Trotz die Antwort auf die Frage verweigert habe, ob ich auch „schön meine Übungen mache“. Da ist sie nämlich wieder, die Überlegenheit des oder der Fragenden, die den zu erwartenden Erfolg kontrollieren wollen und prüfen, ob man auch tut, was man soll.

Hier fehlt mir eine Brücke. Vielleicht so: Es geht auch anders. „Üben! 7 Wochen ohne Stillstand“ ist das Motto der diesjährigen Fastenaktion. Und da bin ich weder gelangweilt noch grantig. Die österreichische Pop-Band „Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV)“, bekannt für geistreichen Nonsens, präsentiert in einem ihrer Songs eine hinreißend alberne Sequenz. Die Band tönt: „Und jetzt, weil grad Zeit is: ein Gitarrensolo!“ Das Solo erfolgt, klingt überaus mäßig, und die Sänger reklamieren: „Ja, ja, üben!“ Viel lustiger als das vermeintlich tröstliche „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“.

Manchmal macht es Spaß, etwas Unbekanntes auszuprobieren, zu merken, dass man es (noch) überhaupt nicht kann, und sich dann fidel allein oder mit anderen ans Werk zu machen. Leichten Sinnes und mit Lust an der Sache. Aber Üben ist nicht immer eine heitere Angelegenheit. Ein Instrument wirklich erlernen, das Tanzen, Schauspielern, Singen, Malen – das sind hohe Anforderungen. Genauso wie das Studium einer fremden Sprache oder das Training einer anstrengenden Sportart.

Ja – und dann die Zeiten, in denen das Leben besonders schwerfällt. Man muss nach einer Operation sich wieder bewegen lernen, neu verstehen, was sehen und hören, essen und trinken bedeutet. Oder man versucht mit vielen Mühen, durch große Veränderungen überhaupt neue Orientierung im Dasein zu finden. Der Verlust eines geliebten Menschen nötigt dazu, allein zurechtzukommen. Üben … Leben üben. Jeden Tag neu. Was einen dabei aufrechterhält, ist die Erfahrung, dass Üben nicht Stillstand bedeutet, sondern Bewegung.

Wer in der Bibel sucht, was deren Autoren zum Thema „Üben“ zu sagen haben, wird reichlich und überraschend fündig. Da wird Gewalt geübt, Rache, Vergeltung und Willkür. Offenbar auch ein Verhalten, ein bedauerliches, in das man sich hineinfindet, um sich durchzusetzen. Solche Meister und Meisterinnen des Negativen fallen bestimmt nicht vom Himmel. Sie lernen in ihrem Leben vielleicht schon früh, dass man sich mit Wucht durchsetzen muss, will man sich behaupten oder überhaupt überleben.

Wie schön, dass die Bibel, genau genommen der Herrgott, ganz andere, feine Alternativen zu solch einem brachialen Leben anzubieten hat. In ihr wird davon gesprochen, dass man das Gesetz, dass man Recht und Gerechtigkeit üben soll und damit ist immer gemeint: Wir sollen das tun, was allen Menschen zum Besten dient, nicht nur uns selbst. Und dann kommt es noch schöner: Barmherzigkeit üben, auch mit sich selbst. Gnade, Liebe, Nachsicht … . Das hat so gar nichts mit Erwartungsdruck zu tun.

Eine Aufgabe mit Höhen und Tiefen

Auch nicht mit Herablassung, unerwünschten Rat- und echten Schlägen mit dem Geigenbogen. Barmherzigkeit, Gnade, Liebe, Nachsicht üben. Da spüre ich, dass ich in heilsamer Bewegung bin, die Geduld erfordert. Das ist kein Schnell-, kein Crashkurs, durch den ich mich peitsche. Leben üben im biblischen, spirituellen Sinn ist eine lebenslange Aufgabe mit erfolgreichen Höhen und Tiefen, die es tapfer zu durchschreiten gilt. Auch in ihnen übt man sich der Ewigkeit entgegen…

Üben und kein Stillstand. Nach der Schulzeit habe ich einen Trachtenjanker gestrickt, ganz alleine. Ich wollte nur wissen, ob ich es schaffe. Mathe ist immer noch nicht mein Spezialgebiet, aber Kopfrechnen beherrsche ich super. In Karate habe ich drei schwarze Gürtel, kann aber nach wie vor kein Instrument spielen. Ich habe vieles lernen dürfen und manches sein lassen. Die biblischen Tugenden stellen eine Herausforderung dar, an der ich mit Kopf und Herz dranbleibe.

Dankbar für das Auswendiglernen

Denn Barmherzigkeit, Gnade, Liebe, Nachsicht – das sind Gottesgaben, in die ich mich gerne einübe, bis ich vielleicht irgendwann in den Himmel einziehen darf. Sie halten mich in Schwung, dienen mir, meinen Nächsten und Fernsten. Noch besser – ich übe nicht allein. Als Kind, dann, wenn ich drangsaliert wurde, weil ich wieder mal etwas nicht konnte, wollte oder begriff, erinnerte ich mich an das Lied von Johannes Franck „Jesu, meine Freude“. Wir mussten es zum Glück auswendig lernen – üben eben! Dafür bin ich bis heute dankbar.

Die letzte Strophe ist die beste für alle Lebenssituationen, in denen man neuen Elan braucht, um dem eigenen Stillstand zu wehren und Angreifende von außen und innen auf die Plätze zu verweisen. Sie heißt: „Weicht, ihr Trauergeister, denn mein Freudenmeister, Jesus, tritt herein. Denen, die Gott lieben, muss auch ihr Betrüben lauter Freude sein. Duld ich schon hier Spott und Hohn, dennoch bleibst du auch im Leide, Jesu, meine Freude.“ Gott, mein Freudenmeister. Vom Himmel gefallen. So kann’s gehen.

Die Fastenaktion „7 Wochen ohne“

Seit mehr als 30 Jahren gibt es die Fastenaktion „7 Wochen ohne“ inzwischen. Eröffnet wird die diesjährige Aktion „Üben! Sieben Wochen ohne Stillstand” mit einem Gottesdienst am 6. März um 9.30 Uhr in der Kirche St. Michael in Fürth. Mit dabei ist die Autorin des Textes, Regionalbischöfin i.R. Susanne Breit-Keßler. Das ZDF überträgt live.

Von Aschermittwoch bis Ostermontag lädt der Fastenkalender „7 Wochen ohne“ dazu ein, diese Zeit bewusst zu erleben und zu gestalten. Dazu gibt er 47 Tage lang Denkanstöße in Text und Bild. Wöchentliche Impulse zu den Wochenthemen können als Fastenmail abonniert werden. In der Fastengruppen-Suche finden sich aktive Gruppen und (digitale) Veranstaltungen während der Aktion sowie andere Teilnehmende zum Austausch. Für die Gemeindearbeit, Fastengruppen oder einfach zum Stöbern und Lesen gibt es das Themenheft zur Fastenaktion „Zutaten“. „7 Wochen Ohne“ ist auch auf Facebook und Instagram aktiv.

Informationen und Begleitmaterial sind erhältlich unter https://7wochenohne.evangelisch.de. Dort findet sich auch ein Archiv mit Rückblick auf vergangene Fastenaktionen.

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