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Eine Rettungsmannschaft der Bundeswehr ist am 18.02.1962 in Schlauchbooten im Hamburger Notstandsgebiet Wilhelmsburg auf der Suche nach Opfern der Sturmflut. (Foto: epd-bild / akg-images)

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Die Nacht, als Hamburgs Deiche brachen

Naturkatastrophe

Thomas Morell (epd) | 17. Februar 2022

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Eine Rettungsmannschaft der Bundeswehr ist am 18.02.1962 in Schlauchbooten im Hamburger Notstandsgebiet Wilhelmsburg auf der Suche nach Opfern der Sturmflut. (Foto: epd-bild / akg-images)

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Hamburg (epd). Ausgerechnet «Vincinette» (die «Siegreiche») hieß der Sturm aus Nordwest, der das Wasser der Nordsee in die Elbe drückte. Vier Tage lang hatte es bereits gestürmt, und zuletzt war selbst bei Ebbe der Wasserstand in Hamburg nicht merklich gesunken. Gegen 20.30 Uhr lief am 16. Februar 1962 dann die erste Sturmflutwarnung im Radio. Doch offenbar gingen die meisten unbesorgt schlafen.

   Kurz nach Mitternacht brach der erste Deich in Neuenfelde am Südufer der Elbe. 60 weitere Deichbrüche folgten. Der Pegelstand war in der Nacht auf 5,70 Meter gestiegen. Neben Finkenwerder, Francop und Altenwerder traf es vor allem die Elbinsel Wilhelmsburg. Allein hier ertranken mehr als 200 Menschen.

   Die Flut brachte 315 Hamburgerinnen und Hamburgern den Tod, darunter auch fünf Helfern. Die meisten überraschte das Wasser im Schlaf. 20.000 Menschen wurden obdachlos. Getroffen hat es vor allem die Gartenhäuser und Behelfsheime in Wilhelmsburg. Hier lebten meist Ausgebombte, Spätheimkehrer und Kriegsflüchtlinge aus dem Osten.

   Zeitzeugenberichte vermitteln einen Eindruck von dem verzweifelten Kampf der Menschen: Viele flüchteten auf Bäume oder Dächer und warteten in der eisigen Nacht auf Hilfe. Das Schicksal von Ernst und Christel Bennewitz, die fünf ihrer sieben Kinder in den Fluten verloren, steht beispielhaft für die Tragödie. Am frühen Morgen
erreichte die Flut auch die Innenstadt, der Rathausmarkt stand unter Wasser. In weiten Teilen Hamburgs fielen der Strom und die Wasserversorgung aus. Die Fotos von 1962 ähneln den Bildern aus der Eifel vom Juli vergangenen Jahres.

   Rund 15.000 Kraftfahrzeuge wurden außerdem zerstört, 2.500 Schweine und 1.500 Rinder verendeten. Die Schäden wurden auf rund drei Milliarden D-Mark (1,5 Milliarden Euro) beziffert.

   Als Manager der Flut ging der damalige Polizeisenator und spätere Kanzler Helmut Schmidt (SPD) in die Geschichte ein. Der 43-Jährige war erst wenige Wochen im Amt, Bürgermeister Paul Nevermann (SPD) weilte auf Kur. Als Schmidt am Morgen von der Katastrophe erfuhr, eilte er umgehend in seine Behörde. Drei Dinge seien damals vordringlich gewesen, sagte Schmidt rückblickend: präzise Informationen über die Lage, schnelle und koordinierte Hilfe und ein straff organisierter Krisenstab mit zentralen Kompetenzen.

   Die Einsatzzentrale habe einem Hühnerhaufen geglichen, erzählte er später. Er habe Hubschrauber von der Bundeswehr und der US Air Force geordert - über alle Vorschriften und Gesetze hinweg, wie er betonte. «Ich hab auch nicht erst 'nen Juristen gefragt, ob ich das darf.»

   Doch der Hamburger Historiker Helmut Stubbe da Luz, Privatdozent an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr, hat inzwischen Zweifel an Schmidts Selbsteinschätzung. Als Schmidt am Morgen in die Einsatzzentrale gekommen sei, sei die Bundeswehr bereits im Einsatz gewesen, erklärte er 2018 bei der Vorstellung seiner Recherchen. Auch habe er sich nicht über geltendes Recht hinweggesetzt. Schmidts Verdienst sei allerdings gewesen, dass er «Schwung in die ganze Sache
gebracht» habe.

   Die akuten Aufräumarbeiten dauerten etwa vier Wochen. Am 26. Februar fand auf dem Rathausmarkt eine zentrale Gedenkfeier für die Opfer mit Bundespräsident Heinrich Lübke statt. Rund 150.000 Menschen kamen. Zugleich versuchten die Menschen langsam, sich in ihrem Alltag wieder einzurichten. Bereits am 22. Februar wurde in Wilhelmsburg mit Werner Wietek (24) und Elle Osinski (22) das erste Paar getraut.

   Rund 40 Millionen D-Mark (20 Millionen Euro) wurden gespendet, um die größte Not zu lindern. Spenden kamen auch aus dem Ausland: So stellte die indische Regierung 1.360 Kilogramm Tee zur Verfügung, die griechische Regierung bot 500 Tonnen Korinthen an, und aus dem Libanon kamen Orangen.

   Hamburg hat aus der Katastrophe gelernt und die Deiche systematisch ausgebaut. Als bei der nächsten Sturmflut am 1. März 1976 die Wasserpegel auf 6,45 Meter stiegen - 0,75 Meter höher als 1962 - gab es zwar hohe Sachschäden, aber es wurde niemand getötet. Sturmtief «Nadia» brachte es am letzten Januar-Wochenende auf einen Pegelstand von 5,20 Meter - nur wer sein Auto am Elbufer parkte, hatte Pech.

   Mittlerweile ist die Hauptdeichlinie seit der Flut von 1962 um 2,50 Meter erhöht worden. Vor vier Jahren verkündete Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) ein weiteres Deichbauprogramm, um gegen den Klimawandel gewappnet zu sein. Bis 2037 soll die rund 100 Kilometer lange Hochwasserschutzlinie schrittweise um weitere 80 Zentimeter erhöht werden. Einbezogen werden dabei die Klimaprognosen bis 2050.

   Wie es danach angesichts steigender Meeresspiegel weitergehen soll, ist aber noch offen. Vor einem Jahr erhielt die Technische Universität Harburg einen Forschungsauftrag zum Hochwasserschutz für drei Millionen Euro. Eine mögliche Lösung könnte ein Sperrwerk an der Elbmündung sein, erklärte Peter Fröhle vom Institut für Wasserbau. Dies werde aber gravierende Auswirkungen auf Strömungen, den Fischbestand, die Pflanzenwelt und die Schifffahrt haben. Fröhle: «Unsere Aufgabe wird es sein, die Vor- und Nachteile eines solchen Vorhabens kritisch abzuwägen.»

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