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Der Kirchenschlaf im Gottesdienst ist heutzutage selten geworden. Warum dieser junge Mann sich eine Kirchenbank zum Schlafen gesucht hat, ist nicht bekannt. (Foto: thaiprayboy)

Um Himmels willen – darf der das?

Benehmen

Aus der Printausgabe - UK 03 / 2022

Karin Ilgenfritz | 19. Januar 2022

Schlechtes Benehmen im Gottesdienst: Da gehen die Meinungen weit auseinander. Auf der Suche nach dem Kirchen-Knigge

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Der Kirchenschlaf im Gottesdienst ist heutzutage selten geworden. Warum dieser junge Mann sich eine Kirchenbank zum Schlafen gesucht hat, ist nicht bekannt. (Foto: thaiprayboy)
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An vielen KIrchen findet sich der Hinweis, das Handy in der Kirche auszuschalten. (Foto: epd-bild / Rainer Oettel)
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Buchhinweis: Guido Fuchs: Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche. Verlag Friedrich Pustet, 184 Seiten, 19,95 Euro.

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Laut reden, schlafen oder gar essen und trinken gelten als Verhaltensweisen, die in einem Gottesdienst nichts zu suchen haben. Und doch gibt es immer wieder Menschen, die sich nicht an solche Regeln halten. Oder die schlicht eine andere Vorstellung davon haben, wie man sich in einer Kirche benimmt. Das ist allerdings keine neue Entwicklung. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Das gab es zu allen Zeiten.

Eben noch schnell eine Nachricht schicken, bevor der Gottesdienst beginnt. Dann das Handy schnell in der Jackentasche verschwinden lassen. Auf lautlos gestellt – oder am besten gleich ganz ausgeschaltet. Da drückt der Pfarrer oder die Pfarrerin ein Auge zu. Wenn allerdings Jugendliche während der Predigt lieber zum Handy greifen oder es während des Gottesdienstes klingelt, dann ist das störend.

Die Handynutzung ist heute eine der Verhaltensweisen, die zu Ärger in einer Kirche führen kann. Diese Probleme gab es bis vor wenigen Jahrzehnten noch nicht. Schlechtes Benehmen in der Kirche dagegen ist so alt wie die Kirche selbst, wie Guido Fuchs schreibt in seinem Buch „Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche“. Der katholische Theologe hat bereits bei Paulus Hinweise darauf gefunden, dass sich Christinnen und Christen im Gottesdienst nicht immer vorbildlich verhalten. Paulus hatte in Korinth eine Gemeinde gegründet. Nach seiner Abreise kamen ihm Streitigkeiten zu Ohren und er schrieb ihnen einen Brief.

Schlechtes Benehmen der Gemeinde in Korinth

Da heißt es: „Das kann ich nicht loben, dass ihr nicht zu eurem Nutzen, sondern zu eurem Schaden zusammenkommt. Zunächst höre ich, dass es Spaltungen unter euch gibt, wenn ihr als Gemeinde zusammenkommt. (...) Wenn ihr euch versammelt, ist das kein Essen des Herrenmahls; denn jeder nimmt beim Essen sein eigenes Mahl vorweg und dann hungert der eine, während der andere betrunken ist. Könnt ihr denn nicht zu Hause essen und trinken? Oder verachtet ihr die Kirche Gottes? Wollt ihr jene demütigen, die nichts haben? Was soll ich dazu sagen? Soll ich euch etwa loben? In diesem Fall kann ich euch nicht loben.“ (1. Korinther 11, 17-22; Einheitsübersetzung)

In der Gemeinde in Korinth kamen Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten zusammen. Das war damals ungewöhnlich. Das war das Neue an der Botschaft Jesu, was die Gemeinde erst lernen musste. Die Wohlhabenden sollten die Ärmeren nicht bloßstellen und demütigen. Denn Jesus pries die Armen selig.

Guido Fuchs macht in seinem Buch deutlich, dass schlechtes Benehmen ein weiter Begriff ist: „Die Bandbreite dessen, was im Gottesdienst unpassend, ungebührlich, ungehörig erscheint, ist groß und reicht von falschem Verhalten bis hin zu störendem Tun mit strafrechtlicher Relevanz.“

Gravierende Störungen wurden schon in spätantiker Zeit geahndet. Das blieb auch im Mittelalter so. Und auch heute ist die Störung des Gottesdienstes ein Strafbestand, zu finden im Strafgesetzbuch, Paragraph 167. Dort ist zu lesen, dass man mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden kann, wenn man einen Gottesdienst „absichtlich und in grober Weise stört“ oder „beschimpfenden Unfug verübt“.

Lautes Schreien, rauchen, essen oder trinken reichen übrigens nicht aus, um strafrechtlich verfolgt zu werden. Guido Fuchs zitiert den Leipziger Kommentar des StGB, der beschreibt, was als „beschimpfender Unfug“ gilt: „sexuelle Handlungen, Verwüstungen, üble Verunreinigungen, etwa durch Urinieren, das Beschmieren der Wände, beispielsweise mit unzüchtigen Zeichnungen, obszönen Ausdrücken oder politischen Parolen wie Hakenkreuzen (...). Auch die Abhaltung einer politischen Versammlung an dem geschützten Ort kann beschimpfender Unfug sein (...).“

Umherlaufen während des Gottesdienstes

Diese strafrechtlichen Verhaltensweisen kommen erfreulicherweise selten vor. Aber es gibt anderes Benehmen, das Gottesdienstbesucher als Störung erleben. Etwa Umherlaufen und lautes Reden. Besonders zu frühen Zeiten, als es noch keine Kirchenbänke gab, war die Verlockung groß, während des Gottesdienstes hin und her zu gehen und mit anderen zu reden. „Doch auch die Möglichkeit der Gemeinde, sich zu setzen, wie sie seit dem Aufkommen der Predigerorden und in der Reformationszeit gegeben war, änderte wenig daran, dass immer wieder getuschelt, geschwätzt, gelacht wurde“, sagt Guido Fuchs.

Manche Rahmenbedingungen förderten das schlechte Benehmen – wie etwa fehlende Sitzgelegenheiten oder die Tatsache, dass in der katholischen Kirche die Messe auf Latein gefeiert wurde und der Priester mit dem Rücken zum Volk stand. Das ist heute doch deutlich besser: Der Pfarrer, die Pfarrerin steht in der Regel allenfalls beim Gebet mit dem Rücken zur Gemeinde, die meist bequem auf Bänken oder Stühlen sitzt.

Auch der „Kirchenschlaf“ ist kein häufiges Problem mehr. Früher war der soziale Druck hoch und besonders in Dörfern und Kleinstädten „musste“ man in den Gottesdienst gehen. Gerade bei schwer arbeitenden Menschen konnte es schon leicht passieren, dass ihnen dann in der Kirche die Augen zufielen. Auch das Mitbringen von Tieren, Essen, Trinken oder Rauchen kommt sehr selten vor. Den meisten Menschen ist bewusst, dass all das in einer Kirche nichts zu suchen hat – egal, ob man einen Gottesdienst besucht oder die Kirche besichtigt.

War früher noch selbstverständlich, dass sich die Menschen für den Kirchenbesuch gut anzogen – das „Sonntagskleid“ –, wird auch das inzwischen relativ locker gehandhabt. Gut, zu freizügig sollte die Kleidung nicht sein. Die Shorts sollten nicht zu knapp und die Schultern bedeckt sein. Doch Jeans und Turnschuhe sind heute kein Thema mehr.

Ein Streitpunkt ist allerdings immer wieder das Klatschen während des Gottesdienstes. Es wird in „weiten Teilen der katholischen wie auch der evangelischen Kirche hierzulande als unpassend und störend erachtend“, beobachtet Guido Fuchs. Der Gottesdienst, vor allem die Predigt, sind Verkündigung und danach ist Klatschen unüblich. „Aber nach einem tollen Gospelvortrag oder einem Trompetenkonzert ist Klatschen Ausdruck der Freude“, ist in einem Pressehinweis „Richtig benehmen in der Kirche“ von 2013 zu lesen.

Hinweise auf Schildern sollten befolgt werden

An vielen Kirchen sind Hinweisschilder angebracht mit Piktogrammen, also kleinen Bildchen, die zeigen, was in der Kirche bitte nicht getan werden soll: essen oder trinken, Tiere mitnehmen, fotografieren. Außerdem wird darum gebeten, leise zu sein und das Handy auszuschalten.

Übrigens kommt es immer seltener vor, dass ein Handy im Gottesdienst Töne von sich gibt – die Menschen haben sich wohl daran gewöhnt, es mindestens auf lautlos zu stellen oder gar nicht in die Kirche mitzunehmen. Guido Fuchs meint, das könnte auch an dem oft freundlichen Hinweis liegen: „Denken Sie daran, Ihr Handy nach dem Gottesdienst wieder einzuschalten.“

Buchhinweis: Guido Fuchs: Kleine Geschichte des schlechten Benehmens in der Kirche. Verlag Friedrich Pustet, 184 Seiten, 19,95 Eur

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