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Grafik: TSEW

Raus aus der Schusslinie

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 03 / 2022

Anke von Legat | 18. Januar 2022

Ständig gegen Corona ankämpfen – das kann nicht gut sein. Stattdessen heißt das Gebot der Stunde: beiseitetreten, durchatmen und neue Kraft schöpfen

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Die Chorproben stehen im Kalender. Das Presbyteriumswochenende ebenfalls, und dann ist da noch der Vortrag mit der interessanten Referentin, die extra anreist. Zu Ostern ist ein Familienfest geplant, und in weiter Ferne locken Urlaubsträume. Aber hat es Sinn, sich darauf zu freuen? All das kann noch abgesagt werden. Bald – oder auch erst im letzten Moment.

Der Start ins Jahr 2022 ist zäh. Jeder Termin ist mit Fragezeichen behaftet; jeder Plan kostet Energie und ist doch häufig genug vergeblich. Wer sich zu einer Aktivität aufraffen will, hat oft das Gefühl, als müsste er mit jedem Schritt gegen schweren Morast ankämpfen. Dabei möchten wir doch endlich wieder durchstarten in den Gemeinden, am Arbeitsplatz, in der Familie, in der Freizeit. Wenn es nur nicht so mühsam wäre…

Das Kämpfen gegen den unsichtbaren Gegner Corona ist zunehmend anstrengend. Was tun gegen das Gefühl der Erschöpfung? Was tun, um die Hoffnung nicht schal werden zu lassen?

Vielleicht hilft der Blick in eine ungewohnte Richtung weiter: auf die asiatische Kampfsportart Aikido. In dieser „Kampfkunst“ geht es nämlich gerade nicht darum, der Kraft eines Angriffs eigene Kraft entgegenzusetzen. Vielmehr dreht man sich aus der Angriffslinie und lässt so den Schwung des Gegners ins Leere laufen. Statt sich selbst zu verausgaben, bringen Aikido-Kämpfer den Angreifer mit dessen eigener Energie aus dem Gleichgewicht und ermüden ihn so lange, bis er die Sinnlosigkeit seiner Aggression einsieht.

Dieses Gegenbild von Kampf, der die Kraft beim Kämpfenden behält, statt sie an den Gegner zu verschwenden, ist faszinierend. Auf die Corona-Situation übertragen, hieße das: Es kann sinnvoll sein, sich auch mal wegzudrehen, wenn die Meldungen vom nächsten Inzidenzrekord, der nächsten Virusvariante oder den nächsten Einschränkungen einlaufen; es kann sinnvoll sein, nicht gleich die ganze Kraft in Aktivismus zu stecken; nicht gleich alle Pläne umzuwerfen und neu zu schmieden.

Dagegen schont es Nerven und Energie, einfach einmal abzuwarten, die nächste Planungsrunde zu verschieben und stattdessen eine Kerze anzuzünden und die Hände zu falten. Auch ein Nachmittag mit einem Tee auf dem Sofa, einem Spaziergang mit einem lieben Menschen oder einem Buch im Bett ist keine Kapitulation vor der Wirklichkeit, sondern ein vernünftiges Haushalten mit den eigenen Kräften. Denn diese Kräfte werden noch gebraucht – wenn der Moment gekommen ist.

Auch die Bibel kennt die Weisheit des Abwartens, eng verbunden mit Gottvertrauen. Der Prophet Jesaja richtet Israel in einer angespannten politischen Lage Gottes Wort aus: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Vertrauen würdet ihr stark sein (Jesaja 30,15). Und die Beter der Psalmen sprechen vom Harren auf Gott von einer Morgenwache bis zur nächsten.

Stillhalten kann also das Gebot der Stunde sein. Wohlgemerkt: Stillhalten – nicht erstarren. Denn irgendwann ist es Zeit, die Kräfte zu sammeln und weiterzumachen. Im Vertrauen auf Gott.

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