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by John Onaeko on Unsplash

Gospel lockt die Menschen in die Kirchen

Musik

Aus der Printausgabe - UK 03 / 2022

Gerd-Matthias Hoeffchen | 16. Januar 2022

Die Musikbewegung hat viele Kritiker, ist aber vor allem eine Chance

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by John Onaeko on Unsplash

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Zu fromm, zu simpel – so lautet manche Kritik an Gospelmusik. Dennoch befindet sich die Musik seit 30 Jahren auf dem Höhenflug, und zieht Menschen an, die sonst wenig für Kirche übrig haben.

Es ist viele Jahre her. Da mühte sich im Ruhrgebiet ein Fußballtrainer auf dem Ascheplatz von Ickern-End, uns Kindern einzubläuen: „Nie, nie, nie darfst du mit der Picke schießen.“ Der Tritt mit der Fußspitze an den Ball galt als „Pfui!“. Inbegriff des technischen Unvermögens, geradezu als Schande. Das war Regel Nummer eins. Außer, man schoss mit der Picke das Tor. Das war Regel Nummer zwei: Wer das Tor macht, hat immer recht.

Warum der Sieg des Erfolgs über Ästhetik und reine Lehre am Anfang eines Artikels über Gospelmusik steht? Das wird sich zeigen. Versprochen. Gospel ist ein Gewinnerin. Seit etwa 30 Jahren befindet sich die Musik, die aus den spirituellen Gesängen afroamerikanischer Sklavinnen und Sklaven entstand, auch in Deutschland auf dem Höhenflug. Frisch. Vital. Anders. Das ist die Flagge, unter der die Gospelmusik angedampft kommt.

Erst einmal ist das verständlich: Wenn ein Gospelchor jubelt, rhythmisch klatscht und stampft, wirkt das so ganz anders als der übliche Kirchenchor. Da ist eine Musik, zu der man gern auch mal die Freundinnen oder Nachbarn mit in die Kirche nimmt. Noch heute haut es einen vom Hocker, wenn man sich „Sister Act“ von 1992 anschaut; den Film, der die Szene weltweit gepuscht hat, als hätte man in ein Altenheim eine Tankerladung Amphetamine gegossen.

Auch bei Gospel gibt es eine große Spannbreite

So wie im Film die als Nonne verkleidete Jazzsängerin (Whoopi Goldberg) ein ganzes Kloster mit der „unheiligen“, aber frommen Musik aufmischt, so hat die Gospelmusik die Kirchen auch hierzulande im Sturm erobert. Zwar ist die ganz große Zeit des Sturm und Drang mittlerweile vorbei. Aber: Gospelchöre haben sich auf hohem Niveau etabliert, quer durch die Republik.

Allerdings: Bei näherem Hinsehen ist das dann doch ein bisschen seltsam. Zum einen gibt es ja auch bei den Gospelchören eine riesige Spannweite zwischen „super!“ und „na ja“. Da unterscheidet sich die Szene eigentlich nicht vom klassischen Kirchenchor, von dem sie sich ja eigentlich absetzen will. Sicher, die Gospelchöre tragen farbige Roben, Schals, klatschen den Rhythmus (mal mehr, mal weniger). Aber nicht selten wirkt der hochgepriesene Gospelchor dann doch nicht anders als ein verkleideter Kirchenchor. Damit soll nun überhaupt nichts gegen Kirchenchöre gesagt sein – im Gegenteil.

Zudem ist ja auch die Gospelmusik alles andere als zeitgemäß. Junge Menschen hören todsicher kein „O happy day“ oder „Soon and very soon“ auf ihren Kopfhörern. Zwar hat der Gospel lange schon modernere Musikstile aufgenommen: Rock, Pop, Rap, Hip-Hop, Film­musik. Trotzdem gilt: Gospel ist eigentlich nur in der Kirche modern. Und selbst dort, in der Kirche, gibt es lange schon „jüngere“ Musik. Unter der Bezeichnung „Worship“ (etwa: Anbetung, Lobpreis) ertönen Klänge, die noch einmal viel näher dran sind am Lebensgefühl und Musik­geschmack der jungen Generationen.

„Kostbarer, süßer Herr, nimm meine Hand“

Gerade diese Musik aber – worship – gilt nun vielen Kritikern selbst in den Kirchen als zu fromm, zu simpel in den Textaussagen, theologisch zu naiv. Und jetzt muss man sich wirklich wundern. Denn, hallo? Habt ihr euch schon mal einen Gospelsong richtig angeschaut? Die Texte der Gospels sind alles andere als Abhandlungen aus dem theologischen Oberseminar. Da wimmelt es von Bekenntnissen, Jubelrufen, Seligpreisungen, bei denen mancher Kirchenvorstand rote Ohren bekäme, wenn er sie ins Deutsche übersetzt als persönliches Statement beim nächsten Nachbarschaftsbesuch von sich geben sollte. „Jesus ist mein Erlöser.“ „Kostbarer, süßer Herr, nimm meine Hand.“ „Er ist der Fels meines Heils.“ Das singt sich gut im Gospelchor. Dazu noch in einer Fremdsprache. Und vor allem – wenn der Rahmen stimmt.

Das ist ein bisschen ähnlich wie in der Adventsandacht oder im Weihnachtsgottesdienst. Auch da stimmen wir willig mit ein: „Stille Nacht. O du fröhliche. Welt ging verloren, Christ ward geboren.“ Man darf gespannt fragen, wie viele der Gottesdienstbesucherinnen und -besucher zwei Wochen später Ähnliches von sich geben würden, wenn sie, sagen wir, darauf angesprochen würden, wie sie mit der Bedrohung durch Corona (oder steigende Armut, Klimakrise, Russland oder Terrorattacken) zurechtkommen.

Gospelmusik ist ein Phänomen. Sie mag von vielen – nicht nur vom klassischen Kirchenmusikdirektor – argwöhnisch oder gar abschätzig angesehen werden. Aber sie funktioniert. Warum? Sie lebt von ihrem Ruf, frisch und anders zu sein. Kirchenchor aufgebohrt. Sie ist eine Musik, bei der man mitmachen kann, soll und vielleicht sogar will. Gerade deshalb hat sie sich in den vergangenen 30 Jahren als ein wunderbares Instrument erwiesen, um Menschen zu erreichen und zum Mitmachen zu bewegen. Gerade und vor allem auch die Randständigen. Die, die sich sonst nicht in die Kirche verirren.

„Gospel ist Bekenntnis zu Gott“

Und hier zeigt sich die Spannung noch einmal ganz deutlich. Viele der „Macher“ der Gospelmusik sind super fromm. Sie können sich ihre Musik nur als tiefes Glaubensbekenntnis vorstellen. So sagt etwa Tore W. Aas, der Übervater des europäischen Gospels (Oslo Gospel Choir): „Ohne Gospel ist Gospelmusik null und nichtig.“

Damit spielt der Norweger auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Gospel an: Evangelium. „Musik ist nur die Form. Letztlich kommt es auf den Inhalt an: Gospel ist Bekenntnis zu Gott“, so Tore W. Aas.

Ist Gospel also eine Mogelpackung? Der Höhenflug der vergangenen 30 Jahre erkauft mit einem Etiketten-Schwindel? Wenn die Sängerinnen und Sänger dadurch zum Mitmachen bewegt werden, dass sie die frommen Texte gar nicht so zu Bewusstsein kommen lassen müssen? In all der Emotionalität von Musik­, Energie und Teamgeist? Ist Gospel eine endlos ausgedehnte schöne, stimmungsvolle Heiligabendmesse? Eine Parallelwelt zum normalen Alltagsleben?

Am Ende ist es wie so oft im Leben: Prüfet alles. Das Gute behaltet. Manche mögen ihre Vorbehalte gegen die Gospelbewegung und deren Erfolg haben. Aber: Durch sie kommen Menschen in die Kirche – oder zumindest in deren Dunstkreis –, die sonst nicht kommen würden. Das ist eine große Chance.

Gospel funktioniert also. Oder, wie mein Fußballtrainer sagte: Wer das Tor macht, hat recht.

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