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Du bist hier richtig

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 02 / 2022

Gerd-Matthias Hoeffchen | 10. Januar 2022

Viele Menschen haben schlimme Erfahrungen mit der Kirche gemacht. Das tut weh. Denn die Begegnung mit der Kirche und ihrer Diakonie kann auch ganz anders aussehen Von Gerd-Matthias Hoeffchen

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Ein neues Jahr hat begonnen. Zeit für gute Vorsätze. Mein Vorhaben für 2022: Ich will öfter mal etwas sagen, was in den vergangenen Monaten vielleicht untergegangen ist: Kirche ist toll. Ja, Kirche. Ich mag dich.

Das ist gar nicht so selbstverständlich. Viel lieber nörgelt man ja. „Ich mag die Kirche nicht.“ „Kirche ist mir egal.“ „Ach, das läuft doch schon wieder falsch.“ Manche hassen die Kirche sogar.

Aus der Sicht dieser Menschen ist das oft verständlich. Wie man zu einer Gruppe, Institution oder auch zu einer Glaubensgemeinschaft steht, entscheidet sich meist daran, wie man das Bodenpersonal erlebt. Sprich: die Vertreterinnen und Vertreter vor Ort. Und da gibt es die ganze Bandbreite. Neben tollen Begegnungen finden sich dort auch: Langeweile. Bevormundung. Besserwisserei. Abgehobenheit. Elfenbeintürme. Kotzbrocken. Wer ehrlich ist, wird sagen müssen: Ja, das habe ich auch schon erlebt. Auch in der Kirche.

Warum sollte es da auch anders sein als sonst im Leben, wo sich Menschen zusammentun?

Ganz zu schweigen vom Thema „Missbrauch in der Kirche“ – wer das erlebt hat, am eigenen Leib oder als Angehöriger… was soll so jemand denn noch über die Kirche denken?

Wie gesagt: Man kann das verstehen. Trotzdem tut es mir leid. Und weh.

Denn ich habe die Kirche meist ganz anders erleben dürfen. Darüber bin ich froh, dafür bin ich unendlich dankbar. Kirche war für mich ein Leben lang Stütze, Hilfe, Kraft, Bejahung. Angefangen bei Schwester Marie, der Diakonisse, die stets zur Stelle war, wenn meine Mutter zu verzweifeln drohte. Über den Kindergarten, wo wir liebevolle „Tanten“ fanden. Den Pastor, der uns Kindern früh die Bibel wertzuschätzen beibrachte. Die „Innere Mission“ (heute: Diakonie), die uns Ferienfahrten ins Weserbergland ermöglichte. Den Vikar, der uns mit seiner Jugendarbeit eine völlig neue Welt erschloss; voller Sinnhaftigkeit und Bestätigung. Das, was wir dort erlebten – zum großen Teil Jugendliche aus kaputten Familien – hat unser Leben geprägt.

Wir hörten und spürten: Du bist hier richtig. Du bist gewollt. Und gemocht. Egal, woher du kommst. Egal, was du vorzuweisen hast oder auch nicht: Du bist geliebt.

Gott sagt: Nicht nur du glaubst an mich; sondern ich glaube auch an dich. Ich mag dich. Ich liebe dich. So, wie du bist.

Diese Botschaft kann Leben verändern. Die Forschung hat viele Bezeichnungen für das, was wir dort erfuhren: Kraft. Befähigung. Resilienz. Wir nannten es damals schlicht „Gemeinschaft“. Sie gab uns Hoffnung und Durchhaltevermögen.

Was also ist „die Kirche“? Die Lehrtradition sagt: Kirche ist die Gemeinschaft der Heiligen. Also jener Menschen, die sich zu Gott halten. Weil sie wissen: Gott hält zu ihnen.

Sie ist NICHT die Gemeinschaft der Perfekten. Ganz im Gegenteil. Als Christinnen und Christen leben wir im Bewusstsein des ständigen Scheiterns, der „Sünde“. 

Und trotzdem hält Gott zu uns. In der Möglichkeit zum Neuanfang. In Reue, Vergebung, Buße. Das ist es, was die Predigerin Sandra Bils beim Abschlussgottesdienst zum Kirchentag 2019 in Dortmund mit dem Satz ausdrückte: Wir sind Gottes geliebte Gurkentruppe. 

Ich wünschte, dass dies möglichst viele erleben dürfen. Trotz allen Schmerzes und aller Enttäuschung, die Menschen in der Kirche erfahren haben. Und dass auch ich, wie jeder Christ, wie jede Christin, wenigstens hin und wieder zu einem solchen Erleben beitragen könnte. In der Kirche erfahre ich Gottes „Ich mag dich“. Und deshalb mag ich auch sie, die Kirche.

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