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Wie Johannes im Büßergewand

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 51 / 2021

Gerd-Matthias Hoeffchen | 19. Dezember 2021

Wir freuen uns auf Weihnachten! Warum sind unsere Lieder dann so verhalten?

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Grau und trübe. Die Wochen vor Weihnachten sind ein Stimmungskiller. Das gilt beim Blick aus dem Fenster. Aber auch, wenn man ins Gesangbuch schaut. Eigentlich würde man erwarten, dass die Christenheit jetzt fröhliche Lieder anstimmt. Der Trauer tropfende November ist vorbei. Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag liegen hinter uns. Die Menschen schmücken ihre Stuben, um Dunkelheit und Trübsinn zu durchbrechen.

Und was tun die Komponisten des Gesangbuchs? Schenken uns Lieder wie „Es kommt ein Schiff geladen“, „Mit Ernst, o Menschenkinder“ oder „Wie soll ich dich empfangen?“.

„Der Advent ist schon arg moll-lastig“, sagt Matthias Nagel. Er ist Kirchenmusiker im Kirchenkreis Gütersloh. Als früherer Landes-Popkantor und Dozent an Hochschulen hat er Erfahrung mit der Kirchenmusik. „Moll ist das Tongeschlecht der Trauer und Besinnlichkeit“, so Nagel. „Der Advent ist vom Ursprung her eine kleine Passionszeit.“ Das zeige sich auch darin, dass Altar- und Kanzelschmuck in dieser Zeit die gleiche liturgische Farbe haben, wie in der Karzeit vor Ostern: violett. „Advent ist Vorbereitungszeit. Und noch nicht Weihnachten“, erklärt der Kirchenmusiker.

Anders ausgedrückt: So, wie Johannes der Täufer im Büßergewand vor die Menschen trat und ihnen sagte „Ich bin‘s noch nicht, der Messias kommt noch“, so soll auch der Advent nur ankündigen – der eigentliche Grund zur Freude kommt erst noch. DANN wird Zeit sein fürs Jubeln.

Es gibt eine Ausnahme: das Lied Tochter Zion. Da hat sich ein ursprünglicher Triumphmarsch in die Adventszeit geschlichen. Wunderschön. Voll Leben und Freude. So sehr, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man das Lied zwischen all den getragenen Stücken in den Gottesdienst schmettert.

„Eigentlich ist das seltsam“, überlegt Matthias Nagel. „Wir sehnen uns nach Licht und Wärme, nach Freude und Hoffnung.“ Wir veranstalten Weihnachtsmärkte schon im Advent. Das Radio dudelt den ganzen Tag Weihnachtslieder. Und zuhause zeigt sich die Sehnsucht nach Fröhlichkeit in Liedern wie „In der Weihnachtsbäckerei“.
Warum braucht dann die Christenheit einen so langen Anlauf, bis auch sie sich endlich freuen kann?

„Melancholie muss nicht unbedingt die Stimmung nach unten ziehen“, meint Joke J. Hermsen. Die Philosophin stellt in ihrem Buch „Melancholie in unsicheren Zeiten“ heraus, dass Traurigkeit sich mit Trost und Hoffnung verknüpfen kann, Schmerz mit Schönheit und Freude. Gerade die Kunst – und damit die Musik – könne helfen, Melancholie „in rechte Bahnen zu lenken“, so Hermsen, und Trost und Glück auslösen.

Adventslieder haben, in all ihrer Getragenheit, also ihren Sinn. 1. Inhaltlich-theologisch – weil sie in Noten fassen, was der Glaube sagt: Macht euch bereit, euer Erlöser kommt. 2. Psychologisch – weil die getragenen Klänge die schwere Stimmung der trüben Zeit aufnehmen. Sie wollen sie begleiten auf dem Weg zur Freude. Ein sanftes An-die-Hand-nehmen statt lustig nach vorn zu schubsen. Andacht statt Party.

Und wer es dann gar nicht mehr aushalten kann: Es spricht nichts dagegen, dann doch schon mal ein Weihnachtslied anzustimmen.

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