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Foto: TSEW

75 Jahre "Unsere Kirche"

Jubiläum II

Aus der Printausgabe - UK 50 / 2021

UK | 15. Dezember 2021

Glückwünsche und Geschichten anlässlich des 75. Geburtstags von "Unsere Kirche"

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UK wird in der Druckerei K+P-Druck in Bielefeld-Senne kontrolliert (Foto: Berthold Fernkorn)
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Redaktionskonferenz (Foto: Berthold Fernkorn)

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Mehr als starker Glaube

Aus Wildkräutern wird Suppe gekocht, man brät Kartoffelschalen in Bucheckernöl und steht alle vier Wochen stundenlang an für eine karge Ration Nahrung. 1200 Kalorien pro Tag bekommt ein Erwachsener zugeteilt in der britischen Besatzungszone. Die Städte liegen und die Menschen hausen in Trümmern. Aufs Land fährt man nur, um zu hamstern – irgendetwas Essbares im Tausch für die letzten Reste persönlicher Habe. Zu Silvester predigt ein Kölner Kardinal, dass Diebstahl für den eigenen Bedarf angesichts der Lage legitim sein müsse. Und es folgt ein bitterkalter, tödlicher Winter.

Für ein paar Augenblicke nur muss man sich hineindenken ins Jahr 1946, um zu dem Schluss zu kommen: Dieser 75. Kirchenzeitungs-Geburtstag grenzt entschieden an ein Wunder. Inmitten von Hunger, Knappheit und Chaos nicht nur auf die Idee zu kommen, ein evangelisches Sonntagsblatt zu publizieren, sondern diesen Gedanken auch in die Tat umzusetzen – dazu braucht‘s mehr als einen starken Glauben. Aber den sicher auch. Und unerklärliche Tatkraft zudem.

Die „Neue Kirche“, wie das Blatt zunächst hieß, überzeugte jedenfalls nicht nur die britische Militärregierung, sondern alle zwei Wochen auch 250 000 Leserinnen und Leser. Eine Viertelmillion. Die für die Kirchenzeitung ein paar der knappen Kartoffeln noch weniger aßen. Wenn man nicht wüsste, dass es so war, würde man’s nicht glauben. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Das ist wohl wahr.

Derer zu gedenken und denen zu danken, die vor 75 Jahren in Bethel das Fundament für „Unsere Kirche“ legten, steht uns Heutigen gut zu Gesicht.

Auch wenn die Zeiten gänzlich andere waren: Für die Zukunft lässt sich aus dem Anfang manches lernen. Zum einen: Chancen für Entwicklung gibt’s auch unter widrigen Umständen. Zum anderen: Ob man Gehör findet, entscheidet sich daran, ob man etwas zu sagen hat. Und Orientierung schafft.

Die Redaktion von „UK“ schafft das jede Woche. Mit Ressourcen, die weit über dem Maß von damals liegen. Die aber für die Gegenwart durchaus als begrenzt und bescheiden gelten dürfen. Ganz im Unterschied zu Tatkraft und Begeisterung der Beteiligten.

Vielleicht wäre – nach 75 Jahren – noch ein Impuls gar nicht schlecht. Warum nicht wieder „Neue Kirche“? Zeit wäre es allemal. Evangelisch gibt es in den nächsten Jahren vieles neu zu bauen, umzubauen, umzudenken. Eine starke Sonntagszeitungsstimme – ob auf Papier oder im Smartphone – wird dabei hilfreich sein.

Ulf Schlüter ist Theologischer Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen

 

Auch in Zukunft unverzichtbar

UK begleitet mich seit meiner frühen Jugend. In meinem Elternhaus wurde „das Blättchen“, wie „Unsere Kirche“ liebevoll genannt wurde, regelmäßig von Eltern und Großeltern und irgendwann auch von mir gelesen. Manche hatten sogar die ehrenvolle Aufgabe, „das Blättchen“ an die Abonnentinnen und Abonnenten in der Nachbarschaft zu verteilen und monatlich die Abogebühren einzusammeln. UK gehörte im vorwiegend von Evangelischen bewohnten lippischen Dorf irgendwie zum kirchlichen Leben dazu.

Eine solide ausgearbeitete Andacht, Nachrichten aus der evangelischen Welt und der Ökumene, gut aufbereitete aktuelle Themen aus Theologie und Kirche sowie Kommentare aus evangelischer Perspektive auf das Zeitgeschehen: UK bot vieles und bietet es bis heute, auch wenn die Zahl der Abonnentinnen und Abonnenten dieser Zeitung mit den guten Nachrichten in den letzten Jahren leider abgenommen hat. Das aber liegt nicht an der Qualität der Zeitung, sondern neben anderen Einflüssen, wie ein verändertes Leseverhalten, an den zunehmend individualisierten Interessen der Menschen und ihrer schwindenden Bindung an Evangelische Kirche und Tradition.

Dem Herausgeber und der Redaktion gratuliere ich im Namen der Lippischen Landeskirche umso kräftiger zum 75. Geburtstag des Blattes. Die Lektüre der UK gehört für mich nach wie vor zu einem gelungenen Wochenende dazu. Mir gefallen besonders der von Sensationsgier freie Tonfall, die Sachkunde der Autorinnen und Autoren in gesellschaftlichen, kirchlichen und theologischen Fragen sowie in den letzten Jahren der Mut, auch neue Kommunikationskanäle zu nutzen. Facebook, Twitter, Youtube und Instagram sind keine Fremdworte für die Verantwortlichen bei UK. Die Zeitung selbst kann man nicht nur auf Papier, sondern auch mit einer App lesen. So greift UK die Lesegewohnheiten unterschiedlicher Zielgruppen aktiv auf. Das gehört zu einer zeitgemäßen Form evangelischer Publizistik dazu.

In der Evangelischen Publizistik hat seriöser Journalismus seinen Platz. Dieser betrachtet die Kirche und ihre Äußerungen mit kritischer Solidarität. So verkörpert evangelische Publizistik auch einen Teil evangelischer Freiheit und kann sich selbst als eine wichtige Lebensäußerung der Kirche bezeichnen. Sie begleitet unsere Kirchen, ihre Repräsentant*innen und ihre Äußerungen wohlwollend und zugleich auch kritisch, indem sie zum Diskurs anregt. So wird und bleibt sie eine unverzichtbare Begleiterin und ein Gegenüber für kirchliche Arbeit. UK steht für einen solchen unabhängigen und freien Journalismus.

Journalismus, wie ihn UK aus Überzeugung betreibt, berichtet sachlich, im Zweifel eben auch kritisch und beleuchtet alle Seiten, so dass wir uns als Leserinnen und Leser ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden können. Als unabhängige Journalistinnen und Journalisten bringen die Mitarbeitenden die Kirche und ihre Themen auch ins öffentliche Gespräch und dienen damit dem gesellschaftlichen Diskurs. UK sorgt zudem immer wieder dafür, dass dank freiem und unabhängigem Journalismus die Kultur der Beteiligung in unseren Kirchen gestärkt wird. Das halte ich auch in Zukunft für unverzichtbar. Gottes Segen für alles Kommende!

Tobias Treseler ist Theologischer Kirchenrat der Lippischen Landeskirche

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