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Advent, Advent, die Erde brennt

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 48 / 2021

Gerd-Matthias Hoeffchen | 28. November 2021

Warum jetzt die Zeit für Buße ist. Und Freude trotzdem sein darf.

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Advent! Was für einen festlichen Klang der Name hat. Die Vorstellung vom Lichterglanz in der Dunkelheit, der Wärme, den Düften und Liedern dieser Wochen gehen ans Gemüt. Man müsste ein Herz aus Beton haben, wenn einen das kalt ließe.

Der 1. Advent ist  der Startschuss in die Weihnachtszeit. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier; dann steht das Christkind vor der Tür: Der Adventskranz mit den vier Kerzen, die nach und nach angezündet werden, ist eine einleuchtende Erinnerung, damit dieses Verständnis nicht in Vergessenheit gerät.

Ursprünglich enthielt die Vorstellung vom Advent zwei Gedanken: Freude über die Geburt des Gottessohnes (lateinisch „adventus domini“ meint: Ankunft des Herrn). Und: Buße und Umkehr. Tatsächlich war die Adventszeit lange auch als Bußzeit verstanden worden.

Advent als Buße – dieses Verständnis ist inzwischen weitgehend verloren gegangen. Dafür rückte umso mehr die Freude in den Vordergrund: festliches Schmücken, leckeres Essen, Feiern mit Freunden, Familie, Kolleginnen und Kollegen.

Jetzt aber ändern sich die Dinge. Und damit auch der Blick auf Freude und Buße.

Schon im vergangenen Jahr stellte sich die Frage: Freude? Ja, worauf denn? Und auch diesmal wird die Pandemie aller Voraussicht nach kein „normales“ Weihnachtsfest zulassen. Die Ansteckungszahlen schießen durch die Decke. Fachleute sprechen mittlerweile von einem „schlimmen“ oder „furchtbaren“ Weihnachtsfest, an das wir uns „alle noch lange erinnern werden“, so der Neurologe Thomas Motzek-Noé aus Freyung.

Vielleicht ist das die Zeit für einen anderen Blickwinkel auf den Advent. Anlass, neu über Buße nachzudenken. Aber auch über die Freude.

„Buße“ heißt: Umkehr. Und Umkehr hat die Menschheit bitter nötig. Zu sehr ist ihr der Blick darauf verloren gegangen, was gut und notwendig ist. Beispiele?

Klima: Die Welt säuft buchstäblich ab. Aber am überlebensnotwendigen Kurswechsel scheitert die Staatengemeinschaft. Klimasünden begünstigen auch Pandemien: Weil der Mensch die Wälder abholzt, kommt er immer stärker in Kontakt mit Wildtieren und trifft auf Viren, auf die er nicht vorbereitet ist.

Globalisierung: Entfernungen spielen fast keine Rolle mehr. Jeder hat mit jedem zu tun. Das hat viel Gutes. Aber die Schere zwischen Arm und Reich wächst. Und mit den Flugzeugen und dem Tourismus rast auch das Virus um die Welt.

Eigennutz und Trägheit: Zu viele denken zu sehr an sich und das eigene Wohlergehen. Dabei steht die kurzfristige Befindlichkeit im Vordergrund statt der längerfristigen, gesamtgesellschaftlichen Sicht. Das zeigt sich auch bei Abstand, Masken, Kontaktbeschränkungen, Impfungen – es gibt eine zu große Menge Menschen, die nicht mitmachen wollen. Bequemlichkeit und Trägheit mögen Gründe sein, mangelnde Bereitschaft, die Dinge zu Ende zu denken. Zu oft siegen Bauchgefühl und Zorn über nüchterne Vernunft.

Falsch verstandener Kapitalismus: Seit dem gigantischen Förderprogramm, mit dem Präsident Franklin Roosevelt in den 30er Jahren die us-amerikanische Wirtschaft ankurbelte („New Deal“) huldigt die Welt dem Götzen „Wachstum“. Alles muss immer mehr, größer und ertragreicher werden. Dass dies auf fortgesetzte Sicht den Planeten sprengen muss (Verbrauch, Ressourcen, Umweltlasten, Überbevölkerung, Verteilungskämpfe), wird schlicht ausgeblendet und folgenden Generationen als Erblast hinterlassen. Das ist so, als wollte man Haifische zu Hütern eines Aquariums machen.

Christinnen und Christen stellen die Frage noch einmal zugespitzter: Was ist es denn, was Gott von mir will? Hier drei Vorschläge zu einer Antwort:

1. Nutze dein Eigentum so, dass es allen zu Gute kommt.

2. Übe deine Freiheit in Verantwortung.

3. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Das könnte ein Ansatz sein, neu über Buße nachzudenken. So, wie Johannes der Täufer zur Umkehr aufrief, als er den kommenden Gottessohn ankündigte.

Buße tun? Umkehren? Das ist kein Überbleibsel aus Omas Katechismus. Sondern eine brandaktuelle Notwendigkeit. Für die gesamte Welt.

Und die Freude?

Ja, wir dürfen die Kerzen anzünden. Und auf die Krippe schauen. Wir dürfen uns freuen, trotz und gerade angesichts der trüben Aussichten, der Angst und der Dunkelheit.

Denn das war ja immer der ursprüngliche Sinn der adventlichen Freude. Über Jahrhunderte feierten die Menschen den Advent in Not und Mangel, Furcht und Gefahr. Unsere Vorfahren – und auch viele Menschen heutzutage in anderen Teilen der Erde – blicken noch einmal ganz anders auf Maria und Joseph im Bretterverschlag, auf das neugeborene Jesus-Kind in prekären Verhältnissen, als wir – mit Verlaub – Wohlstands-Christen es tun.

Der Blick auf die Krippe. Er kann Hoffnung geben, Halt. Echte Freude und wahre Geborgenheit. Das steht in keinem Widerspruch zu Buße und Umkehr. Sondern gehört zusammen.

Macht eure Herzen bereit. In diesem Sinn können wir Advent feiern und rufen: Ja, unser Herr; komm bald.

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Leser-Kommentare öffnen

Matthäus53, 28. November 2021, 14:57 Uhr


Der Gedanke mit dem"Innehalten" gegenüber unserer nur zur Bewahrung überlassenen Erde, ist ein guter Gedanke zum Beginn der diesjährigen Adventszeit. So kann jeder vielleicht ein wenig mit Konsumverzicht und Verpackungsmüll wie Stanniolpaper der Weihnachtsmänner bis Weihnachten üben und verzichten, um somit dies Jahr locker umweltfreundlich blickend , an den langen Süßigkeiten-Regalen vorbeizugehen, mal OHNE zuzugreifen !
Nun bin ich leider etwas abgewichen von meiner eigentlichen Frage.
Ich wollte nur ganz bescheiden anfragen, ob die Adventszeit zu Beginn des Kirchenjahres früher nicht eher anstatt eine Bußzeit , eine vorweihnachtliche Fastenzeit war, und dann mit Beginn des Weihnachtsfestes wieder deftig gespeist werden durfte ?
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