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Auf unentdeckten Meeren segeln

Aus der Printausgabe - UK 47 / 2021

Anna Fries | 22. November 2021

Von 1753 bis heute: Die Todesanzeigen-Kultur befindet sich im Wandel

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Neben der konservativen Form gibt es immer mehr individuelle Traueranzeigen. (Foto: Klaus Eppele )

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Todesanzeigen und Nachrufe sind die wohl meistgelesenen Seiten von Lokalzeitungen. Die Alltags-Schriftstücke sagen viel über eine Gesellschaft aus, wie Experten nun erforscht haben.

„Ich, Hubert Martini (offen, ehrlich und nachtragend), melde mich hiermit vom Leben ab.“ Mit diesen Worten gibt der Verstorbene 2016 in einer selbst verfassten Traueranzeige seinen Tod bekannt. Die Anzeige ging durch ganz Deutschland. Überregionale Medien berichteten über den Trierer und die wohl „ehrlichste Traueranzeige Deutschlands“ oder gar „aller Zeiten“.

Die Anzeige ist in mehrerer Hinsicht besonders. Statt der Angehörigen schreibt Martini selbst und verzichtet auf Floskeln und beschönigende Worte. Er schreibt über sein Leben, erinnert an schöne Momente, macht seiner Frau eine berührende Liebeserklärung. Und stellt klar: „Ich war überzeugter Atheist, ich bin es geblieben!“ Trauerkleidung, Kreuze oder „sonstige offene oder versteckte religiöse Symbole“ möchte er bei seiner „Verabschiedungsfeier“ nicht haben.

80 000 Todesanzeigen aus 100 Jahren

Berühmt-berüchtigt machte die Anzeige aber erst der letzte Satz: die deutliche Ansage an die „anderen 5 Kinder meiner Eltern“ und deren Familien, nicht zu seiner Trauerfeier zu erscheinen: „Ihr seid alle ausgeladen!“

Die Anzeige zeigt beispielhaft, wie sich die Kultur von Trauer- und Todesanzeigen ändert. Psychologin Margit Schröer und Ärztin Susanne Hirsmüller haben rund 80 000 Anzeigen aus 100 Jahren gesammelt, beobachten Entwicklungen, kennen außergewöhnliche Gestaltungen, humorvolle, schräge, aber auch traurige und unversöhnliche Nachrufe. Bei einer Veranstaltung der Katholischen Akademie Freiburg stellten sie nun Beispiele vor.

Die erste bekannte Todesanzeige in einem deutschsprachigen Medium erschien 1753 im „Ulmer Intelligenzblatt“ im Vermischten. Sie verkündete den Tod des Händlers Johann Albrecht Cramer. Ursprünglich erfüllten Todesanzeigen vor allem den Zweck, eine Gemeinschaft über den Tod eines Menschen zu informieren – als soziale Verpflichtung, weil ein solcher Einschnitt das soziale Gefüge veränderte, wie Schröer sagt.

Bis Ende des 20. Jahrhunderts waren die Anzeigen zumeist stark standardisiert und schwarz-weiß. Außer den Namen, Lebensdaten und einem Hinweis zur Beerdigung fanden sich in der Regel religiöse Symbole und Worte auf der Todesanzeige, etwa ein Kreuz, eine Taube, gefaltete Hände oder ein Bibelzitat.

Heutzutage gestalteten Inserenten die Anzeigen oft kreativ, bunt und persönlich, sagt Hirsmüller. Anstatt zu informieren, biete die Anzeige Gelegenheit, Trauer auszudrücken und zu erinnern. Bibelzitate sind vielfach Aphorismen, Sinnsprüchen oder Songzeilen gewichen. Auch sei das Wort „gestorben“ heute von Todesanzeigen so gut wie verbannt. Stattdessen heißt es oft „vorausgegangen an einem anderen Ort“ oder „segelt auf unentdeckten Meeren“. Mit Blick auf Wortwahl und Gestaltung spricht Hirsmüller von einer enormen Lockerung und „kreativen Normbrüchen“.

So bildet manch einer inzwischen einen QR-Code auf der Anzeige ab, der zu weiteren Infos über den Verstorbenen leitet. Andere entscheiden sich als Rahmen für rosa Elefanten. Eher eigentümlich für Außenstehende wirkt es, wenn Tiere als Inserenten auftreten. So wie Ronny, der sein „geliebtes Herrchen“ vermisst. Oder Rocky und Oscar, die den Tod ihres „Frauchen Moni“ bekannt geben, umrahmt von Tatzenabdrücken. Und manche Anzeige nimmt einen Perspektivwechsel vor und stellt nicht den Verstorbenen, sondern die Hinterbliebenen in den Vordergrund: „Es gibt keinen Grund, um ihn zu trauern, nur um uns, weil wir ihn verloren haben.“

Nicht unproblematisch als Stilmittel – aber mitunter gelungen: Humor. So gibt die Anzeige von Franz-Josef aus Nordrhein-Westfalen seine Konfession mit „rheinischkatholisch“ an. „Jungs, holt die Gläser raus, ich komme!“, verspricht Lutz in seiner Anzeige. Und Helmut fragt: „Kätchen, steht der Sekt bereit? Es ist soweit. Ich bin auf dem Weg zu dir.“ Die Todesanzeige des im Alter von 80 Jahren gestorbenen Karl-Jürgen zitiert ihn mit den Worten: „Eigentlich sollte ich erst mit 98 Jahren in einer Eifersuchtsszene erschossen werden.“

Zuweilen zeugen Anzeigen als Spiegel des Lebens von Einsamkeit, Trauer, gar Verbitterung. So sendet Norbert in seiner eigenen Todesanzeige die Botschaft: „Als ich Freunde gebraucht habe waren sie nicht da. Da wo ich jetzt bin, brauch ich sie nicht mehr.“ Manch ein Angehöriger macht auf ein zerrüttetes Verhältnis zum Verstorbenen aufmerksam. Eine Frau schreibt: „Die Wahrheit, warum Deine Kinder keinen Kontakt mehr zu Dir hatten, nimmst Du mit ins Grab. Das Gerede bleibt.“

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