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Alles schon mal dagewesen

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 47 / 2021

Anke von Legat | 21. November 2021

Vieles im Leben wiederholt sich. Wie wir trotzdem offen für Neues bleiben können.

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Totensonntag – wieder einmal. Die Namen der Verstorbenen werden in den Gottesdiensten vorgelesen, Kerzen angezündet und die Gräber geschmückt. Das Kirchenjahr geht zu Ende; am nächsten Sonntag beginnt dann mit der Adventszeit etwas Neues. Alles – bis auf ein paar Corona-Einschränkungen – wie immer. Alles schon gehabt.

Jüngere Menschen haben den Eindruck, dass die Zeit vorangeht, auf einer geraden Linie in die Zukunft hinein: Führerschein, Schulabschluss, Berufseinstieg. Die erste große Verliebtheit, der erste dramatische Liebeskummer. Hochzeit, Geburt, vielleicht ein Todesfall – all das geschieht zum ersten Mal, wird herbeigesehnt oder auch gefürchtet.
Je älter man wird, desto mehr hat man das Gefühl, dass sich das Leben im Kreis dreht. Kehrt nicht alles immer wieder? Die Tagesläufe, Jahreszeiten und die Kirchenfeste; der Wechsel von Arbeit und Urlaub, von Alltag und Ruhezeit; von Freude und Trauer, Gesundheit und Krankheit. Das ist auf der einen Seite gut, denn mit jeder wiederkehrenden Erfahrung wächst die Sicherheit und Gelassenheit: Es geht weiter. Nach jeder Nacht kommt ein neuer Morgen. Nach jedem Schmerz eine neue Hoffnung.

Andererseits macht das immer Wiederkehrende aber auch müde bis hin zur Resignation. Eine neue Regierung? Ja gut. Die Ergebnisse der Klimakonferenz? Naja. Ein Zukunftsprozess in der Kirche? Ach je. Alles schon erlebt. Was soll schon noch Neues kommen? Selbst die ganz großen Gefühle wie Liebe und Trauer scheinen ihre Schärfe zu verlieren. Und mit jeder Wiederkehr rückt der Tod näher, der dem Kreisen ein Ende setzt. Hat es überhaupt noch Sinn, neugierig zu sein?

Auch biblische Autorinnen und Autoren kennen diesen müden Blick auf das Leben. In Psalmen und Sprüchen beschreiben sie das Gefühl vom Zerrinnen der Zeit, in dem menschliche Bemühungen immer wieder zum Scheitern verurteilt sind und der Mensch kaum etwas zum Gelingen des eigenen Lebens beitragen könnte. Der Prophet Elia zum Beispiel gibt auf, trotz seines Sieges über die Baalspriester, und wünscht sich zu sterben. „Es ist genug“, sagt er zu Gott – mehr Resignation passt nicht in einen Satz.

Umso erstaunlicher sind dann Verse wie der aus den Klageliedern: „Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu.“ (Klagelieder 3,22-23). Ein Mensch, der sich im Kreislauf der Tage jeden Morgen neu über die Güte Gottes freuen kann, der kann auch offen bleiben für das, was das Leben zu schenken hat. Der kann über das Altbekannte noch staunen und neugierig sein auf das, was vielleicht doch noch an Überraschungen kommt. Dann zerrinnt die Zeit nicht einfach zwischen den Fingern, sondern ist ein Reichtum, in dem Altes und Neues sich mischen und jedes seinen eigenen Zauber hat. Der Totensonntag ist dann ein guter, sinnvoller Schlusspunkt eines Kreislaufs, in den unser Glaube eingebettet ist. Und am nächsten Sonntag, dem 1. Advent, geht es wieder los – vertraut, und doch ganz neu.

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