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Warum sind denn Kriege da?

Leitartikel

Aus der Printausgabe - UK 46 / 2021

Gerd-Matthias Hoeffchen | 14. November 2021

Nie wieder Krieg: Das scheint für den Menschen eine fast unlösbare Aufgabe zu sein. Fast. Denn es gibt eben doch eine Chance. Zum Volkstrauertag.

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Volkstrauertag. Wir erinnern an die Kriegstoten und die Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen. Die Botschaft dieses Gedenktages: Nie wieder Krieg.

Und doch. Es ist wieder soweit. Baltikum, Polen: Von den Ostgrenzen Europas klingt Säbelgerassel mit Russland. In der Ukraine glimmt die Zündschnur, in Moldawien und auf dem Balkan. Sogar zwischen England und Frankreich fahren nicht mehr nur Fischerboote, sondern Schiffe der Kriegsmarine. Und in vielen anderen Gegenden der Erde? Da ist der Krieg seit langem fast Dauerzustand.

Warum ist das so?

Der Mensch ist ein gewalttätiges Wesen, voller Aggression, auf Konflikt programmiert. Davon ist Johannes Krause überzeugt. Der 41-Jährige ist Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Experte für Archäogenetik, also die Erforschung der Erbanlagen unserer menschlichen Vorfahren. Im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen begnüge sich der Homo sapiens nicht damit, seine unmittelbaren Bedürfnisse zu befriedigen: atmen, trinken, essen, schlafen und sich fortpflanzen.

Nein, der „weise, verständige Mensch“ (so die Übersetzung des lateinischen Homo sapiens – was für eine Ironie) strebe nach mehr: „Höher, schneller, weiter“, erklärt Krause in einem Interview des Nachrichtenmagazins „Spiegel“, in dem er sein neues Buch „Hybris“ vorstellt.

Das macht homo sapiens – also uns, die modernen Menschen – auf der einen Seite stark und allen anderen Lebewesen überlegen. Wir legen Vorräte an, bauen Häuser und Städte, schmieden Allianzen, Staaten, Bündnisse; entwickeln Waffen und Maschinen.

Auf der anderen Seite macht genau dieses Streben nach „mehr“ den Menschen zum mörderischen Wesen.

Der Bruch begann, als der Mensch anfing, sesshaft zu werden, so Krause. Zuvor seien die Menschen Jahrhunderttausende lang vergleichsweise genügsame Jäger und Sammler gewesen, ähnlich den anderen Lebewesen auf dem Planeten. Dann, plötzlich, ließen sie sich nieder. Zogen Zäune um Weiden und Äcker. Befestigten Unterkünfte. Taten sich zu Siedlungen zusammen. Neolithische Revolution nennt die Wissenschaft diesen Umbruch, der vor etwa 12 000 Jahren begann. Plötzlich gab es Besitz, Wohlstand. Die Menschen verbreiteten sich über die Erde. Und damit begannen die großen Konflikte. Aggression. Erobern. Wegnehmen. Den anderen auch gerne dafür totschlagen. Das liest sich wie eine Formel für „Krieg“.

Dass der Umbruch so plötzlich geschah, für entwicklungsgeschichtliche Maßstäbe geradezu überfallartig, lässt für Johannes Krause nur eine Erklärung zu: Gen-Mutation. „Irgendetwas muss sich quasi von heute auf morgen im Genom von Homo sapiens verändert haben“, so Krause. Ein Sprung in den Erbanlagen der Menschheit.„Der Mensch trägt seitdem eine Art Selbstzerstörungs-Programm in sich“, sagt Johannes Krause. Die Neigung zum Krieg sei die Folge. Aber auch der unerschütterliche Glaube daran, dass alles nicht so schlimm sei und die Welt eben letztlich doch noch immer noch besser werde. Auch deshalb laufe der Mensch sehenden, aber verblendeten Auges in Katastrophen wie die Klimakrise.

Und die Bibel?

Es ist erstaunlich: Die ersten elf Kapitel der Heiligen Schrift erscheinen geradezu wie ein Rückblick auf das, was die Forschung heute „neolithische Revolution“ nennt. Am Anfang, sagt das 1. Buch Mose, war alles gut. Dann: der Sündenfall. Der Mensch verstößt gegen die Schöpfungsordnung. Der Mensch muss raus aus dem Paradies. Kain, der sesshafte Bauer, erschlägt seinen Bruder, den Hirten und Nomaden Abel.

Die Bibel ist nüchtern: Das Dichten und Trachten des Menschen ist böse von Jugend auf, das ist eine ihrer grundlegenden Botschaften. Aber wie geht man damit um?

Der erste Schritt ist, dass man akzeptiert, dass es dieses Programm in uns gibt. Wenn wir im Vater Unser beten: Erlöse uns von dem Bösen – dann ist es gut, dieser Bitte noch einmal nachzulauschen. Das Böse, die Aggression, der Hunger nach immer mehr, auch auf Kosten der Anderen: Dem müssen uns entgegenstellen. DAS ist die Lebensaufgabe des Menschen. Durch Nächstenliebe, Kultur, Mitgefühl, Humanität, auch: durch Religion – wenn sie denn richtig verstanden wird.

Denn auch die Bibel enthält ihre Totschlag-Geschichten; so, wie viele andere „heilige“ Schriften. Aber sie enthält eben auch die Seligpreisungen der Bergpredigt, zum Beispiel. Gott ist ein Freund des Lebens; nach Gottes Wille soll Krieg nicht sein: Wer diesen Gedanken glauben, mitsprechen und verkünden kann, leistet einen guten Beitrag zum Volkstrauertag.

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