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Frieden. Was für ein großes Wort. Was für ein unerfüllter Traum. Das Kinder-Friedensmonument in Hiroshima mit einem stilisierten Oregami-Kranich ist ein eindrückliches Symbol dafür. Die Bibel weist immer wieder darauf hin, dass Frieden ohne Gerechtigkeit nicht denkbar ist. Beides erbittet und erhofft der Predigttext von Gott: Ohne seine Hilfe wird es nicht gehen. (Foto: blackrabbit3)

Frieden steht noch aus

Andacht

Aus der Printausgabe - UK 45 / 2021

Antje Rösener | 7. November 2021

Über den Predigttext zum Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres: Psalm 85

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Frieden. Was für ein großes Wort. Was für ein unerfüllter Traum. Das Kinder-Friedensmonument in Hiroshima mit einem stilisierten Oregami-Kranich ist ein eindrückliches Symbol dafür. Die Bibel weist immer wieder darauf hin, dass Frieden ohne Gerechtigkeit nicht denkbar ist. Beides erbittet und erhofft der Predigttext von Gott: Ohne seine Hilfe wird es nicht gehen. (Foto: blackrabbit3)
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Antje Rösener (59) ist Pfarrerin und Geschäftsführerin des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes Westfalen und Lippe e.V..

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Predigttext
1 Für den Chormeister. Von den Korachitern. Ein Psalm.
2 Du hast dein Land begnadigt, Herr, hast Jakobs Geschick gewendet.
3 Du hast die Schuld deines Volkes vergeben, getilgt all ihre Sünde.
4 Du hast zurückgezogen all deinen Grimm, abgewendet die Glut deines Zorns.
5 Wende dich zurück zu uns, Gott unseres Heils, und lass ab von deinem Unmut gegen uns.
6 Willst du uns ewig zürnen, deinen Zorn hinziehen von Generation zu Generation?
7 Bist du nicht der, der uns das Leben wiedergeben kann, dass dein Volk sich deiner freut?
8 Lass uns, HERR, deine Güte schauen, und schenke uns deine Hilfe.
9 Ich will hören, was Gott spricht; der Herr, er verkündet Frieden seinem Volk und seinen Getreuen, damit sie nicht wieder der Torheit verfallen.
10 Nahe ist denen seine Hilfe, die ihn fürchten, dass Herrlichkeit wohne in unserem Land.
11 Gnade und Treue finden zusammen, es küssen sich Gerechtigkeit und Friede.
12 Treue sprosst aus der Erde, und Gerechtigkeit schaut vom Himmel hernieder.
13 Der Herr gibt das Gute und unser Land seinen Ertrag.
14 Gerechtigkeit geht vor ihm her und bestimmt den Weg seiner Schritte.
Züricher Bibel

Kürzlich fuhr ich spätabends in der Regionalbahn. Außer mir noch ein paar Jugendliche und weiter hinten ein schwarzer Mann. Als der Schaffner die Fahrkarten sehen wollte, begann der schwarze Mann zu suchen. Hektisch und nervös wühlte er in seinen Jackentaschen. Die Jugendlichen hinter mir unterbrachen ihr Gespräch und beobachteten die Szene. „Wetten dass…“ flüsterte einer von ihnen leise. Und vielsagend. Ich wusste, was sie dachten und… dachte es selbst auch. Ein Geflüchteter, ein Hilfsarbeiter, ein Hartz 4-Empfänger ohne Ticket? Dann endlich fand der Mann etwas: eine Bahncard 100. Erleichtert erklärte er dem Schaffner, dass er in guter Stellung bei einem Unternehmen tätig sei, für das er durch ganz Deutschland reise.

Wir blickten zu Boden. Ich schämte mich. Für meine Gedanken. Wie sehr wir doch gefangen sind in Vorurteilen, rassistischen Denkmustern? Über einen hellhäutigen Menschen mit Schlips und Kragen in dieser Situation hätte ich sicherlich anders gedacht.

Noch besser kann ich seitdem verstehen, dass Menschen manchmal nicht mehr friedfertig sein können, weil diese Welt ungerecht ist. Rassistisch. Ausgrenzend. Demütigend.

Ich kann verstehen, wenn man da irgendwann mal austickt oder wenn ein Volk sich wehrt. Wenn Frieden keine Option mehr ist?

Deshalb macht mich Psalm 85 in Teilen sprachlos. Je älter ich werde, desto mehr Respekt bekomme ich vor einigen Worten. Sie sind zu groß für mich: Das Wort „Frieden“ gehört dazu. Oder „Gerechtigkeit“.
Natürlich will ich beides. Natürlich gehören sie zusammen.
Aber wo sehe ich Frieden? Einen gerechten Frieden?

Im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung können wir 2021 lesen: Die Corona-Pandemie trifft vor allem Gering- und Normalverdiener. Kurzarbeit, Entlassungen, Wegfall von Minijobs – ihre Spielräume sind kleiner geworden. Noch kleiner.

Ich spüre meine Hilflosigkeit, meine Bequemlichkeit. An viele Ungerechtigkeiten habe ich mich gewöhnt. Ich lebe mit dieser Schuld, in die ich verwoben bin, und das oft sehr gut.

Sie küssen sich, sagt der Psalm: Frieden und Gerechtigkeit. Sie sind entflammt in Leidenschaft füreinander. Sie wollen voneinander nicht lassen. Psalm 85 malt in seinen letzten Versen einen Traum vor meine Augen. Ein fernes Ziel: Gnade und Treue finden zueinander. Gerechtigkeit und Frieden. Gott gibt das Gute. Gerechtigkeit aber geht selbst vor IHM noch her.

Emotional einiges näher sind mir die ersten Verse, denn hier lese ich von Grimm, Zorn, von Schuld und Sünde. Der Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan liegt erst wenige Wochen zurück. Was ist geblieben von dieser großen „Friedensmission“, von den hilflosen Versuchen, afghanischen Frauen und Mädchen (westliche) Gerechtigkeit zu bringen? Wer hat Schuld? Wer erstickt am Zorn? „Wende dich zurück zu uns, Gott unseres Heils!“

Am Ende bleibt ein Vers, an dem ich mich festhalte. Den ich murmeln will, so oft es geht: Er steht in der Mitte, er ist – für mich – zentral: „Lass uns Gott, deine Güte schauen und schenke uns deine Hilfe.“ Ohne Gottes Hilfe wird es nicht gehen. Aus dem Erleben seiner täglichen Güte und Gnade fließt das Gute. Jeder Kuss, jeder noch so kleine Schritt auf dem Weg des Friedens und den Pfaden der Gerechtigkeit.

Gebet

Gott, du träumst groß: Von Gerechtigkeit und Frieden, Gnade und Treue.
Wir schaffen nur kleine Schritte.
Wir verlieren das Große schnell aus den Augen.
Deshalb bitten wir: Lass uns deine Güte schauen, erinnern, täglich aufs Neue.
Schenke uns deine Hilfe.
Amen.

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Leser-Kommentare öffnen

Pierre Viret, 7. November 2021, 11:51 Uhr


Ich habe noch nie einen schwarzen Mann gesehen - nur mehr oder weniger ausgeprägte Brauntöne. Ebenso wenig einen weißen - es sei denn, er wäre schon längere Zeit tot gewesen.
Ob das schon Rassismus ist? Oder nur so ungenau wie der Satz, dass Gott Frieden träumt. "Gerechtigkeit scheint vom Himmel herab." heißt es im Ps 85. So wie die Sonne. Die ist auch nicht geträumt.
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