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Rüdiger Standhardt mit seiner von ihm gestalteten Urne (Foto: epd-bild/Rolf K. Wegst)

Die Urne im Wohnzimmer

Stefanie Walter (epd) | 1. November 2021

Kann man sich auf den Tod vorbereiten, indem man ihn in sein Leben holt? Ein Achtsamkeitstrainer versucht es. Die Idee dahinter: Wer die Fragen zum eigenen Sterben geklärt hat, kann sich intensiv dem Leben widmen.

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Rüdiger Standhardt mit seiner von ihm gestalteten Urne (Foto: epd-bild/Rolf K. Wegst)

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Gießen/Königswinter (epd). Im Wohnzimmer von Rüdiger Standhardt steht auf einem kleinen Wandschrank eine Urne, sandfarben mit Mustern, und wer genau hinguckt, entdeckt ein Herz. Standhardt hat die Urne selbst gestaltet. «Da werde ich mal drin sein», sagt der 59-Jährige und schmunzelt.

   Standhardt ist Achtsamkeits-Coach in Gießen und befasst sich auch in seinen Kursen mit dem Thema Sterben: «Leben, Sterben, Tod» nennt er eines seiner Trainingskonzepte. Die Idee: Wenn man sich rechtzeitig mit dem eigenen Sterben beschäftigt und Vorbereitungen trifft, dann verliert der Tod seinen Schrecken und wird ein selbstverständlicher Begleiter im Alltag. Das schafft Raum für ein intensives Leben, wie Standhart glaubt: «Ich will ein buntes, erquicktes Leben, um dann sterben zu können.» Mit Blick auf seine Urne fragt er: «Was bedeutet der Tag angesichts dieser Urne?»

   Für das neunmonatige Training zu «Leben, Sterben, Tod» fanden sich 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie trafen sich seit Anfang des Jahres einmal im Monat online, erhielten Studienbriefe mit Texten und Aufgaben wie «Schreibe deinen Verlust-Lebenslauf» und besprachen sich regelmäßig mit einem «Lernpartner».

   Ein Teilnehmer erzählt, dass er ein Jahr in den USA verbracht habe, und weil die Zeit begrenzt gewesen sei, habe er sie intensiv erleben können. Diese Erfahrung würde er gern auf sein gesamtes Leben übertragen, das ja auch begrenzt sei. Sie habe den ganzen Tag gearbeitet, erzählt eine andere Teilnehmerin beim Onlinetreffen am Abend, «und wenn jetzt nicht das Seminar wäre, würde ich immer noch arbeiten.» Standhardt schickt ein Zitat des amerikanischen Bestseller-Autors Stephen R. Covey in die Runde: «Wer bereut schon auf dem Sterbebett, nicht mehr Zeit im Büro verbracht zu haben?»

   Mit ihrem Buch «5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen», landete die Australierin Bronnie Ware vor einigen Jahren einen Bestseller. Sie hatte lange als Palliativpflegerin gearbeitet und kam in ihren Gesprächen mit Sterbenden zu der Erkenntnis: Vielen fehlt der Mut, sich dem zu widmen, worauf es ihnen wirklich ankommt.

   Standhardt verschickt eine Aufgabe: «Tu so, als ob du in genau sechs Monaten sterben würdest. Was sind die fünf Dinge, die du vorher noch tun musst oder willst?» Solche Übungen sollen helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Seine Philosophie sei, dass das Thema Tod ganz normal zum Leben dazu gehöre müsse, erläutert er: «Dann gehe ich anders durch die Welt. Wenn jemand stirbt, kann ich
für diesen Menschen da sein. Das können die meisten nicht, weil sie mit ihren Ängsten beschäftigt sind.»

   Der Trainer will die Teilnehmerinnen und Teilnehmer anregen, sich «achtsam» dem Thema Tod zu nähern, wie er sagt. Das heißt für ihn: das Thema in all seinen Facetten betrachten, von Organspende über Sterbefasten, von invasiver Beatmung oder Zwangsernährung am Lebensende bis zur Vorbereitung der eigenen Trauerfeier. Die Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas in Königswinter etwa hat einen Ratgeber zur Bestattungsverfügung herausgegeben.

   Standhardt selbst hat alle wichtigen Dokumenten sorgfältig in Aktenordner geheftet, nach Farben geordnet und in ein Regal gestellt: Testament, Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht, auch Vorschläge für die Trauerfeier, eigene Texte. «Das schafft Entspannung für mich und für die Menschen, die mit mir sind.» Wo möchte ich bestattet werden, wer soll zur Beerdigung kommen, was sagt die Pfarrerin?

   Und die Angst vor dem Tod verliere auch ihre Dimension, wenn man die Frage nach dem Danach stelle, meint Standhart: «Was habe ich für ein Bild, was nach dem Tod kommt?» Der studierte evangelische Theologe, der sich als «Freigeist» bezeichnet, malt es sich so aus: «Das Leben ist das große Vorspeisen-Buffet. Dann öffnet sich eine Tür, und zum Vorschein kommt das köstliche Hauptgericht.»

Info

• Gian Domenico Borasio: Über das Sterben, dtv, 9. Auflage 2021. 9,90 Euro
• Mitch Albom: Dienstags bei Morrie - Die Lehre eines Lebens, Goldmann, 2017. 10 Euro
• Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben. Knaur, 202., 16 Euro
• Bronnie Ware: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Goldmann 2013. 11 Euro

Internet

https://forumachtsamkeit.de/
Training «Leben, Sterben, Tod»: http://u.epd.de/1zhm

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